Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 30 (23.7.1915)
- Date
- 1915-07-23
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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- Olkusz 1× ep/1045367
- Radom 1× ep/1000823
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Nr. 30 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 565 Werke der großen Denker fanden in Polen viel Verständnis, die Jugend begeisterte sich an ihnen. Der letzte polnische König Stanislaus August, ein Mann von feiner Bildung und Sitte, lachte üoer das Ritualmärcyeu und äußerte sich anläßlich des Prozesses in Olkusz (1784) dem Judenkläger Wodzicki gegenüber: „Es ist schade, daß Sie so viete Schulen besucht yaben, wenn L-re im jetzigen Zeitalter ancherartige,Dummheiten glauben."*) In der Literatur jener Zeit finden wir Auseinandersetzungen zwischen den Alten und Jungen und oft äußert sich der Unterschied in dem Urteil über das Ritualmärchen. Die Alten glauben daran, die Jungen verdammen den Zlberglauben und haben Mitleid mit den Opfern dieses Wahnes. * Aus den Memoiren eines „Jungen" (Tripplin) wollen wir zu Ende unseres Vortrages die Beschreibung eines Autodafes um das Jahr 1768 geben. Es handelt sich hier um die Verbrennung eines Dorsschänkers in S l u p i e N o w e, einem Marktsleck bei O p a t o w (Gouvernement Radom), hart bei der bekannten Lysa Gora. Unser Gewährsmann war noch ganz jung und erfuhr auf seinem Gute, man werde im Markte einen Juden (für einen Ritualmord) verbrennen. Er begab sich in das Städtchen und sah sich die Sache an. „Ich stand um vier Uhr früh auf" — lesen wir in den Aufzeichnungen — „und lief, so schnell ich konnte, nach Slupie. Es war noch Halbdunkel im Walde, die Sonne schickte ihre ersten Strahlen durch die Bäume quer auf die Erde hinab. Ich begegnete unterwegs einem Zigeunerrudel; alle schrien mir entgegen: „Junger Herr, wissen Sie, daß man einen Juden verbrennen wird!" Bald kam ich in den Markt. Am Platz war ein Scheiterhaufen aufgestellt, neben dem zwei Henkersknechte rührig schassten. Sie bereiteten Strohseile und Pechstücke vor. Bald erschien der Henker und hinter ihm der Jude. Es war ein großer, stämmiger Mann, mit tiefen, schwarzen Augen, ausdenen Schmerz, aber auch Todesverachtung herausleuchteten. Er war ruhig und schaute fast gleichgiltig den Vorbereitungen zum Autodafe zu. Plötzlich kam ein Diener mit der Meldung geritten, die Gutssrau komme bald in den Markt. Der Henker trat roh an den Jud' heran und schnitt ihm den rechten Aermel von Rock und Hemd ab, hierauf die Knechte die entblößte Hand mit Strohseilen und Pechkränzen umwickelten. Bald stand der Wagen der Gutsherrin am Platz. Die Lakaien öffneten den Verschlag und eine alte Dame, gestützt von ihrer Kammerfrau und ihrem Beichtiger, stieg behutsam aus und nahm auf einem Stuhl Platz. Man führte ihr den Juden vor und sie sprach zu ihm mit kaum hörbarer Stimme: „Du kennst das Urteil, du siehst, was für dich vorbereitet wurde, somit wisse, wenn du deinen Glauben verläßt und den unsrigen annimmst, so wird dir Schuld und Strafe erlassen!" „Und ich werde leben?!" frug eilig der Jude. Die Dame stammelte und der Jude setzte mit gereizter Stimme fort: „Ich bin nicht Adam und Sie nicht Eva, die mich zum Sündenfall bringen soll, und du" — er wendete sich .zum Henker — „du walte deines Amtes!" Ein Schmerzensschrei entrang sich der Brust der alten Dame, sie fiel in den Stuhl zurück und der Henker zündete dem Juden die rechte Hand an und trieb ihn mit dem brennenden Arm vor sich durch die Stadt. Der Jude stolperte und fiel, wurde aufgehoben und weiter geschoben, er fiel in Ohnmacht und wurde gelabt, bis er rund um den Markt bis zum Scheiterhaufen zurückkam. Nun stand er wieder da! Ich schaute ihm ins Gesicht, es war fahl, aschgrau, die Augen rot, die Stirne gerunzelt, um fünfzig .Jahre war der Mann in dieser *) Memoiren des Stanislaus Wodzicki (poln.). halben Stunde gealtert. Der Henker band ihn an einen Pflock und zündete den Scheiter an, ein Schrei des Entsetzens entrang sich der Brust der Umstehenden. „Tod dem Ketzer!" ertönte es aus der Menge; es war die Stimme des Kaplans und der Lakaien, die Menge schwieg und schaute den Märtyrer an. Er stand noch hoch aufgerichtet, von d§n Flammen umleckt, die Augen gen Himmel gerichtet und flüsterte sein Gebet. „Beten wir für sein Seelenheil!" sagte die Dame. „Wir dürfen nicht," — war die Antwort des Paters — „er ist verdammt, verdammt in die Ewigkeit!" Die Dame schloß, das Gebetbuch, welches sie aufgeschlagen hatte und verhüllte ihr Haupt mit beiden Händen und das Feuer knatterte und sickerte umher, das dürre Holz knarrte und die Menge stand stumm und schaute das schaurige Bild an." * Dieser arme Dorfschänker — meine verehrten Damen und Herren! —, dieser Märtyrer, dessen Namen zu verzeichnen sich der Chronist nicht die Mühe nahm, dieser Held ohne Furcht, er heiligte den Namen Gottes und leuchtete als ewige Flamme Judas, ein Dornbusch am Fuße des Sinai, eine Fenersäule auf dem Leidenswege unseres Volkes. * * Und nun feiern wir wieder das Pessachsest. Statt der hell erleuchteten Räume haben die 'meisten von uns h e u e r ihren Pessach-Abend in engen, dumpfen Flüchtüngswohnnngen gefeiert, - viele Tausende und aber Tausende feierten den heiligen Mend im tiefen Schützengraben, unter Kanonendonner und im Kugelregen, noch mehrere unserer Brüder in Feindesland unter der Knute der Kosaken. Aber alle, d. i. die Flüchtlinge in den engen Wohnungen, die Soldaten in den Gräben und die Unglücklichen in Feindesland, sie alle sagen mit Zuversicht den Segen R. Akibas ans „jenem Pessach-Abend" -jSw -vrr „Herr, der Du uns erlöst hast von der Sklaverei zur Freiheit, Du wirst uns noch viele frohe Feste erleben lassen, die für uns kommen in Frieden, wenn erbaut wird Deine Stadt und wieder aufgerichtet Dein Heiligtum, wenn unser Vaterland w ieder in Ru he, ganz und unversehrt sein wird, wenn heimkehren die Väter, Brüder und Söhne, dann soll ein neues Lied des Völkerfriedens angestimmt werden, Alleluja!" Begeisterter Beifall lohnte die Ausführungen des Vortragenden, die von dessen unermüdlichen Durchforschung der Archive Zeugnis oblegen, wie nicht minder von dem idealen Eifer für Die Feststellung der historischen Wahrheit, damit aber auch von dessen vollen Objektivität. In warmen Worten sprach daher auch der Vorsitzende im Namen des Vereines und der gesamten Zuhörerschaft seinen besten Dank aus. Er wies auf den keineswegs „losen" Zusammenhang hin, der zwischen der Scheußlichkeit der Ritualmordbeschuldigungen früherer Zeit und den Greueln der Gegenwart bestehe, indem da wie dort die treibenden Kräfte der niedrigste Eigennutz Einzelner sind, welchen kein Mittel zu schlecht ist, um ihre Ziele zu erreichen, keine Lüge zu plump, keine Fälschung der Tatsachen |u offenkundig, um nicht zum Zwecke der Auspeitschung der niedrigsten Triebe bei den Massen in Anwendung gebracht zu werden. . Gleichwohl sei die Hoffnung auf Besserung nicht aufzugeben, gestützt auf die Tatsache, daß die Zahl der blindwütigen .Judenhasser sich vermindere, glaube er sogar einer baldigen Besserung entgegensehen zu können und führte zur Erhärtung an, daß beispielsweise sogar der bekannte französische Schriftsteller Ernst Renan, der doch das Schlagwort der „Rare inferieure" auf die Juden geprägt hatte, dieses mit Bedauern später zurückzog und eigentlich ganz in das Gegenteil verwandelte. Er schloß mit dem Zitate aus Renan's Vortrag über Judentum und Christentum, welches jetzt mehr Beachtung verdiene, denn je, dessen wichtigste Stelle lautet: „Das Judentum, das in der Vergangenheit so gut gedient hatte, wird auch in der Zukunft seine guten Dienste leisten. Es wird der wahrhaften Sache, der Sache des Freisinns, des modernen Geistes dienen. Jeder Jude ist ein Freund des Forschritts; er ist es seinem inneren Wesen nach. Die Feinde der Juden sind bei näherem Zusehen zugleich Feinde des modernen Geistes. Die Begründer des freisinnigen Dogmas in der Religion sind die j ü-