Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 29 (16.7.1915)
- Date
- 1915-07-16
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite ÜLO Dr. Bloch's 7. April ließ der Kommandant einen Ukas verlautbaren, demzufolge alle Juden männlichen Geschlechts von acht Jahren angefangen vor dem Gemeindeamtsgebäude sich versammeln müssen. Nachdem dies geschah, erschien eine Kosakeneskorte, aus etwa Zehn Mann bestehend, und trieb die Juden wie eine Herde vor sich her. 24 Meilen gingen die Unglücklichen zu Fuß, niemandem, auch nicht den Kindern und Greisen, wurde gestattet, eine Fahrgelegenheit zu benützen. Mit Bündeln auf dem Rücken gingen die Armen, an der Spitze der Rabbiner Zisf, der Advoikat Dr. Josef Sala t, der Gymnasiallehrer Falk, der Schuldirektor U h r m a n n mit drei Kindern und andere in die Verbannung. Die Verbannten wurden nach Zloczow gebracht. Was weiter mit ihnen jetzt geschah, ist mir unbekannt. Mit welcher Frende und Begeisterung dann die zurückgebliebenen Frauen die Befreiung der Stadt durch unsere Truppen am 12. begrüßt haben, ist kaum zu beschreiben. Die Pferde der Dragoner und die Stiefel der Soldaten wurden von den Bewohnern geküßt. Der Jubel der.Bevölkerung wollte kein Ende nehnren. Die Hluffenherrschast in Mzemysl. Ein Mitkänrpfer, der Sohn eines steirische;: Industriellen, schreibt vom 7. Juni: „Heute ist wieder einmal Rasttag und wir können ihn recht gut vertragen, denn die Marschtage, die wir hinter uns haben, waren gar nicht so ohne ietwa 40 Kilometer täglich), umsomehr, >als hier ganz hochsommerische Wärme herrscht, was zivar viele Vorteile, aber auch Nachteile hat. Ich schrieb Dir in meinem letzten Brief, daß ich Verschiedenes, was mir die Przemysler über die Zeit der Russenherrschaft erzählt haben, schreiben werde. Wie überall, wo sie hinkommen, ging es auch dort, besonders über die Juden her, und zwar wurde es sehr einfach gemacht. Von 7 Uhr abends bis ß Uhr früh durfte niemand auf die Gasse gehen. Die Juden waren ihnen — so sagten sie wenigflens — alle spionageverdächtig, und jeden Tag wurde eine Anzahl verhaftet. Nach 8 Uhr abends führe:: dann ganz einfache Wagen vor die Wohnungen der Festgenommenen und man lud alles Mitnehmenswerte aus und führte es weg. Eine große Anzahl wurde kurzerhand als Spione erschossen, der Rest nach Sibirien verschickt und heute gibt es fast keine Juden inehr in Przcniysl. Was das heißt, kann man sich nur vorstellen, wenn, man die Stadt früher gesehen hat. Als' der Zar sich drei Tage dort aufhielt (er wohnte in einer prachtvollen, in einem Garten gelegenen Villa direkt aegenüber dem Hause, in dem sich im Frieden unser Divisionskommando befindet, Eigentum eines sehr reichen jüdischen Mühlenbesitzers, namens Frankel), wurde die ganze Straße geräumt. Alles, was noch an Juden in der Stadt war, wurde hinaus auf ein Feld geführt und dort von Kosaken bewacht. Mit ihm kam auch die Zarin-Mutter als Rote Kreuz-Schwester gekleidet. Die Straßen, durch die er übrigens im offenen Auto fuhr, waren dicht gefüllt mit Militär: Zivilisten waren sehr wenig? zu bemerken. Er soll übrigens sehr gedrückt ausgesehen haben. Den gefangenen österreichischen Offizieren wurde alles mögliche Gute und Schöne versprochen und dann ließ man sie tagelang hungern." Der neunte Jag im Monate KV. Heute Abend bricht er an. der größte religiöse Trauertag der Juden, an Welchem sie die Zerstörung des ersten mb zweiten Tempels SU Jerusalem und den Untergang des einst blühenden jüdischen Reiches betrauern und beweinen. Drei Wochen dauerte es von dem Tage an. da in die Festungs- .mauer Bresche geschlagen wurde, bis zur Einäscherung des Tempels und die dem 9. Ab vorangehenden drei Wochen sind noch jetzt im religiösen Leben der Judenheit der stillen Trauer gewidmet, bis der zurückgehaltene Schmerz am Vorabende des Trauertages sich Wochenschrift Nr. 29 bei den Klageliedern Jeremias, eines der .schriftstellerischen Zeugen jener Tragödie ohnegleichen, sich laut Luft macht. Die Synagoge bietet einen düsteren Anblick; das Dunkel wird nur matt und spärlich erhellt, die heilige Lade, in welcher die Gesetzesrollen verwahrt werden, ist des Vorhanges entblößt, mit leiser, unterdrückter Stimme wird das Abendgebet gemurmelt und dann legen sie die Schuhe ab und sehen sich auf die Erde, wie man es um einen Toten tuf in der siebentägigen Trauer und angestimmt wird die Klage, welche seit mehr als 1800 Jahren nicht verlernt, denn stets neue Anlässe brachten sie ihm in Erinnerung. Strenges Fasten, gleichwie arn Versöhnungstage, wird eingehalten. Der Morgen versammelt die Gemeinde wieder Im Gotteshause, der Eebetmantel und der Phylakterien — des Zeichens des Schmucks — ledig, wird das Morgengebet absolviert und da zieht die Martyrologie des Altertums vor das Gemüt der trauernden Beterschar. Der schrille Gegensatz, wie er sich für das Volk gestaltete, zwischen dem Auszuge aus Egypten und zwischen dem Auszuge aus Jerusalem, die Geschichte der zehn Märtyrer der „Zedern des Libanons", „Der Fürsten der heiligen Lehre", die rührende Geschichte von dem als Sklaven verkauften, dem Priesterstamme entsprossenen Geschwislerpaare, die Leidensgeschichte der Juden in Mainz und Worms, alles zieht vorüber und wirkt erschütternd. Und nun tritt der größte Dichter aller Zeiten, der noch heute unerreichte Jehuda Halevi mit seinen Elegien auf den Plan und tiefe Wehmut schleicht sich ins Herz, die den Augen Tränen entlockt. Eine leider zu früh verstorbene hochgestellte Persönlichkeit im Staate ließ sich vor Jahren diese Elegien, durch einen besonderen Kenner dieser Materie übersetzen und war ganz hingerissen von der Eemütsstimmung dieser Dichtungen. Und so geht Klage auf Klage. Man besucht den Gottesacker und die dort ruhenden Toten. Und so geht der ganze Tag der Beschaulichkeit, der Erinnerung an einstige Zeiten, an einstige Herrlichkeit gewidmet, bis dann der Abend anbricht, mit welchem der Unglückslag zu Ende geht. — Eebetmantel und Riemen werden hervorgeholt; die Hoffnung auf bessere Zeiten hält ihren Einzug in das gequälte Herz, Trost und Erhebung spendet nun das Gotteswort „mit Feuer hast du sie zerstört, mit Feuer wirst du sie einst wieder neuerbauen, der du Israel tröstest und Jerusalem erbaust" und mit dem 3>ertrauen auf das alte Versprechen zieht Beruhigung ins Gemüt und Mut zu neuem Kampfe, neuem Streben und mit dem Sichtbarwerden der ersten Sterne geht der Trauertag zu Ende. Ad. Mayen. Hermann Bernstein an Henryk Sienkiewicz^ In der Newyorker jüdischen Zeitschrift „The Jewish Weekly" richtet Hermann B ernstein einen offenen Brief an den polnischen Dichter Henryk S i e n k i e w i c z, den Autor von „Quo vadis", worin er unter Hervorhebung der gleichen Bedrückungen von Polen und Juden unter den: Russelljoche deren gleiche Interessen an friedlichen: Zusammenwirken auseinandersetzt und damit die Boykott- und sonstigen Verfolgungen der Juden durch die Polen für unvereinbar und widersinnig erklärt. Bernstein richtet an Sienkiewicz die Frage: ,.Wie können Sie dazu schweigen?" Antisemitismus in Frankreich. Protest Herves. Herve protestiert gegen den „Petit Parisien", der eine antisemitische Propaganda inszeniert. Herbe veröffentlicht Briefe jüdischer Soldaten aus der Fremdenlegion. Anfänglich waren in der Legion 4000 Juden, 900 starben für Frankreichs Ehre auf dem Schlachtfelde, währepd ihre Glaubensbrüder in Paris verfolgt werden. Korrespondenzen. Der Kemeindeöund. Aus einem Brief an die Redaktion als Antwort auf die Anregung in der „Oesterr. Wochenschrift" vom 9. Juli. Ein Oester re ich er, Moritz Kohner aus Ncumark in Böhmen, später in Leipzig wohnhaft, war der Begründer des „Deutsch-israelitischen Gemeindebnndes" und sein erster Präsident, bis zu seinem Tode dessen Seele, und bis heut wird sein Andenken in dieser