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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-07-16 · 29 (16.7.1915) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
29 (16.7.1915)
Date
1915-07-16
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 29 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 539 Tochter des Schusters Re bin, die nach Ablauf der Anmeldungsfrist in einem Keller gefunden wurden. Die Juden wurden in aller Eile fortgeschleppt, dann ging es mit gesteigertem Eifer ans Rauben und Stehlen, worauf 50 Häuser und zufälligerweise auch das Warenhaus der Ukrainer „Torhowla" in Flammen aufgingen. Die Möbel sämtlicher mitgeschleppter Juden sowie die Waren ihrer Geschäftsläden und Magazine wurden auf zahlreichen Lastenautos und Fuhren abtransportiert. Was nicht weggeführt werdenkonnte, vernichteten die Wüteriche, die auch in der angrenzenden deutschen Kolonie ihr Unwesen trieben. Der von den Russen in Sniatyn angerichtete Gesamtschaden beträgt drei Millionen Kronen. Die Stadt bietet ein Bild schrecklicher Verwüstung und Zerstörung. Warschauer MoMiker zur Iudenfrage. Wir lesen in der Zeitschrift „Polen" Nr. 24: Warschauer polnische Zeitungen bringen Aeußerungen hervorragender Politiker und Publizisten über die in Polen so aktuelle Judenfrage. In der uns vorliegenden Nummer 190 der „Nowa Gazeta" spricht sich der berühmte Rechtsanwalt Stanislaw Patek für die vollste Gleichberechtigung der Juden in Polen aus. „Eine solche Gleichberechtigung würde den zerrissenen Faden unserer besten Traditionen wiederaufnehmen und uns künftighin eine ruhige Entwicklung auf wirklich demokratischer Grundlage ermöglichen." Herr Stanislaw Kruszewski, bekannt als Kulturträger und ökonomischer Organisator, schreibt: „Es gibt keinen Demokratismus, der in dieser oder jener Frage „Ausnahmen" zuläßt. Gleichberechtigung kann die Juden kulturell und sozial aus höheres Niveau bringen." Herr Waclaw Makowski, ein bekannter Rechtsanwalt und Schriftsteller, erklärt: „Es ist selbstverständlich, daß weder Ausnahmegesetze, noch irgend welche Beschränkungen, vielmehr die volle Gleichberechtigung geeignet sei, bürgerliche Gefühle bei denen zu erwecken, die ihrer bisher ermangeln. Impulsives, ungestörtes national-polnisches Wirken, frei von den ihm ausgedrängten fremden Zuständen und depravierenden Einwirkungen, wird leicht die Lösung der Judenfrage finden und normale Bedingungen bürgerlichen Zusammenlebens herbeiführen, auf der Basis gerechter Gleichstellung von Recht und Pflicht, beseelt vom aufrichtigen Zusammenwirken zum Wähle Polens." Neben dieser entschiedenen Stellungnahme zugunsten der Gleichberechtigung lesen wir in demselben Blatte energische Verwahrungen gegen Einmischungen fremder Politiker iu die internationalen Angelegenheiten des Landes. Redakteur des „Dgiennik Polski" Pohdan Straszew i c z, der sich letztererzeit durch seine entschlossene Haltung Rußland gegenüber hervorgetan hat, schreibt: „In gegenwärtigen Verhältnissen müssen sich alle Polen zur fremden Intervention feindlich verhalten. Die zur Kriegszeit gegen Polen organisierte Judenakrion — ich will hoffen, ohne Anteil polnischer Juden — entrüstet mich aufs tiefste. Ich fürchte, daß diese Arbeit unser Aussöhnungswerk unterroühlt und ein für allemal die guten jüdisch-polnischen Beziehungen unmöglich macht." Nachschrift der Redaktion: Es ist jammerschade, daß solche Stimmen in Russisch-Polen vor dem Kriege, zur Zeit des grausamen Boykottkampfes, da alle bösartigen Instinkte gegen die Juden aufgereizt wurden, Stimmen erleuchteter Vernunft nicht vernommen wurden. Viel Unheil wäre dadurch erspart geblieben, nicht bloß den Juden! Wussengreuet in Hülmacz und Umgebung. Ein Herr, der zehn Monate ° unter Russenherrschaft gelebt hat und jetzt nach Wien gekommen ist, schreibt der „N. Fr. Pr.": Am 5. März kamen die Russen zum zweitenmal nach Tlumacz. Sie brachten in Erfahrung, daß die Bevölkerung und insbesondere die Juden unsere Truppen mit großer Begeisterung empfangen hätten, und beschlossen dafür Rache zu nehmen. Der Konrnlandant der Stadt Tlumacz, Trunor, und sein Helfershelfer Kintschenko, waren die Anführer. Am nächsten Tage nach der Invasion erließen sie einen Befehl, daß alle Bewohner der Stadt und Umgebung von Tlumacz, ohne Rücksicht auf Alter, an den Befestigungsarbeiten der Stadt teilnehmen müssen. Tags darauf durchstreiften Kosaken die Stadt und Umgebung und trieben mit Nagaiken alle zu oer Arbeit. Bei der Arbeit wurde die Bevölkerung nach Konfession in zwei Teile geteilt: Ruthenen und Polen arbeiteten von den Juden separiert. Die letzten wurden von den Kosaken ausgiebig mit Nagaiken bearbeitet, so daß sie nach 24stündiger Arbeit und blauroten Striemen am Oberkörper nach Hause zurückkehrten. An Samstagen erschienen Kosaken in den Synagogen zur Zeit der Morgengebete und jagten die betenden Juden mit Nagaikahieben aus den Gotteshäusern zur Arbeit. Während die Juden bei den Befestigungsarbeiten beschäftigt waren, fiel ein Teil der Kosaken in die jüdischen Häuser und raubte und plünderte alles, was irgendwelchen Wert hatte. Was sie nicht wegfchleppen konnten, verschenkten sie ün die Bauern. Dann steckten sie einige.Häuser iu Brand, und fast der ganze Rynek (Ringplatz) ist ein Opfer des Brandes geworden. Die ausgeraubten und obdachlosen Juden des Ringplatzes zogen iu die Bethäuser ein und glaubten, in den Gotteshäusern ein Asyl finden zu können, aber die Verfolger drangen auch hierher, verjagten die Unglücklichen aus den Synagogen und zerrissen in ihrer Wut die Gebetrollen. Das alles war nur ein Vorspiel zu dem, was kommen sollte. Am 23. März ließ der Kommandant Trunor den Rabbiner Ziff zu sich kommen und befahl ihm, daß am nächsten Tage alle Juden der Stadt Tlumacz mit ihren Frauen und Kindern um 8 Uhr frlih vor dem Gemeiudeamte sich versammeln müssen, um dann über die Feuerlinie zu den Oesterreichern abgeschoben zu werden. Ein jeder Jude, sei es Mann, Frau oder Kind, der diesem Befehle nicht Folge leisten würde, würde erschossen werden. Der Rabbiner Ziff bat den Kommandanten mit Tränen in den Augen um Sistierung dieses Befehls, aber die Tränen eines Juden konnten den Herrn Trunor nicht rühren und Ziff mußte die traurige Kunde seinen Glaubensgenossen überbringen. Die herzzerreißenden Szenen des Ab,* schiedes der Männer von den Frauen und Kindern vor dem Todesgange sind nicht zu beschreiben. Der 24. Mürz war ein eiskalter Märztag. Die Straßen waren infolge einer Schneeverwehung mit knietiefem Schnee bedeckt. Im Morgengrauen zogen die Juden mit ihren Frauen und Kindern auf den Platz vor das Gemeindeamtsgei bäude, etwa 700 an der Zahl. Die Juden hatten Totenhemden angelegt. Bor dem Gemeindeamte warteten die Unglücklichen etwa drei Stunden bei starkem Frost und Schneegewitter. Einige Kinder, darunter ein fünf Monate altes Kind, waren vom Frost erstarrt. Das Weinen und Jammern der Frauen war markerschütternd. Nach dreistündigem Warten in Todesangst erschien der Komi Mandant und entließ die Versammelten mit der Befmerkung, daß von der Ausführung des obgenannten Befehls abgesehen wird. Nach diesem Tage begannen die Russen einzelne Juden unter dem Verdacht der Spionage zu verhaften und erschossen im Laufe von einigen Tagen sieben Juden. Es genügte, daß eine Weckuhr in der Wohnung eines Juden läutete, um einige Juden wegen Spionage zu verhaften oder nach Sibirien zu verschicken. So ging es dem angesehenen Büraer M. S., Schwiegervater eines Advokaten. In seiner Wohnung läutete seine Uhr zu einer Zeit, da ein russischer Gendarm vor dem Hause vorbeiging. M. S. wurde nach Rußland ver^ schickt, obwohl der russische Militärarzt anerkannte, daß er infolge einer großen Zahl Nagaikahieben, die ihm verabreicht worden waren, nicht transportabel sei. Am

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