Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 29 (16.7.1915)
- Date
- 1915-07-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 29 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 531 kleine Betlokale angebracht, wo seit alter Zeit einzelne Mische Zünfte ihre eigenen Betstütten hatten. Aus älterer Zeit stammt auch die sogenannte Klaus, einige Häuser von der Hauptsynagoge entfernt, ferner das sogenannte große und kleine Beth-Hamidrasch. Aus jüngster Zeit dagegen rührt der sogenannte fortschrittliche Tempel her, der im Jahre 1882 errichtet und im Jahre 1907 erweitert wurde,und die Synagoge in der Dobromilerstraße (heute Slowackistraße). Ein jüdischer Friedhof wird schon in den ältesten Privilegien erwähnt. Die wichtigsten Inschriften, die aber nicht über das 17. Jahrhundert hinausgehen, wurden von S. Lazar publiziert?^) Im Jahre 1638 wird der Judengemeinde Przemysl, nachdem ein Jahr vorher das ganze Ghetto abgebrannt war, ein Privileg erteilt, wonach 26 Städtchen und Flecken in der Hingebung (die sogen, przykahalki) Przemysl als die Großgemeinde anzusehen und jährlich für das Recht der Gottesdienftabhaltung und das Begräbnisrecht am Przemysler Friedhof regelmäßige Abgaben zu leisten haben. Der Rabbiner von. Przemysl führt fortab den Titel b'bani sbD'öira p“p"i T2K „Rabbiner lvon Przemysl und Umkreis" und erhält jährlich 3 Gulden von jedem Schankpächter der Umgebung. Er ist auch die Berufungsinstanz in Sachen der lokalen innerjüdijschen Gerichte?^) Wie wir schon oben gesehen haben, wird Przemysl in einer hebräischen Quelle aus dem Jahre 1618 eine „große Gelehrtenstadt" genannt. . In der Tat hat unsere Stadt im Verlaufe des 17. bis zum 19. Jahrhundert eine Reihe von Rabbinern aufzuweisen, unter denen mehrere in der Geschichte des jüdischen Geisteslebens »einen bedeutenden Namen Sjiabrn?6) Mehrere Rabbiner von Przemysl erhielten von da Berufungen nach Lemberg, der Metropole des jüdischen Geisteslebens in Polen, wo ein Ture-Sahaw, ein Chacham 33) Während der Beschießung der Stadt durch die Russen wurde der Tempel leider beschädigt. 34) Haasis.B. III. 35) Vgl. Zydzi w Przemyslu, Materialien Nr. 70 (S. 141). so) Rabbiner in Przemysl (in chronologischer Reihenfolge) : 1. ornsx '"i p (Schüler des wnnä), Verfasser des nwö h&ö, nwa 03 u. m. a. Werke. 2. aK-iaö rroöbpo ->'82 'n p 2M sipsv, Berf. des irw später Rabbiner in Posen, Wien und Prag, gest. 1633. 3. dpi-, p jntrrv später Rabbiner in Lemberg, Verfasser des "33tt und des i*wn* 03, gest. 1648. 4. p*i*K pnac\ Schwiegersohn des Vorangehenden. 5. N'N21 p 2'8 N'irr, später Rabbiner in Wien und Krakau, gest. 1671. 6. spn nttp p boo s^cv*, Verfasser des npa rosst (gedruckt 1671), früher R6;-Meth!bta in Lemberg, gest. 1702. 7. .-,31' s2 ll'virrri 82"L VVIN', Verfasser des rem p’p'p (ein Erlaß der Vierländersynode aus dem Jahre 1713 ist von ihm mitunterzeichnet). 8. v'virrn N3U v"N, Sohn des Vorigen, später Rabbiner in Breslau. 9. llwv p btfiä®, Schwiegervater des Lemberger Rabbiners Chaim Kohen Ravaport. >0. ^>2'2 ^NpM', Sohn des Vorangehenden, eifriger Anhänger des R. Jacob Eibeschütz, gest. 1771. 11. 2'*? .T2K, Sohn des Vorigen, später Rabbiner in Lemberg, gest. 1810. 12. -pu, gest. 1826. 13. bosi? “)K?x, Schwiegersohn des Vorigen. 14. -irbbyn ^nivv. 15. H3’b. 16. npzz'vvp pnar, später Rabbiner in Lemberg, gest. 1891. 17. V'p^FQD pnst', später Rabbiner in Lemberg, gest. 1907 (?)„ (Vgl. zum obigen Verzeichnis meinen Artikel „Przemysl" in der Jewifh Encyclopädia, B. X.) Zewi gewirkt haben, zuletzt war es der rühmlich bekannte Jsak Schmelkes, Verfasser des vierteiligen Responsenwerkes pnsr jtb» der von Przemysl auf den Lemberger Rabbinersitz berufen wurde. Przemysl war auch der Sitz einer .13-2-, einer Art Talmud-Akademie, wie der mehrfach geführte Titel '» P“P“t ww« ®,ni beweist. In den Protokollen der Vierländer-Landtage figurieren die Namen der Przemysler Rabbiner und Gemeindevorsteher oft neben den Repräsentanten der größten Gemeinden Polens. Als die Renaissance-Bewegung im 16. Jahrhundert auch die Juden in Polen ergriffen hatte und sie sich auch an der allgemeinen Kultur der Zeit zu beteitygen begannen, fanden diese' Bestrebungen auch in Przemysl ein lebhaftes Echo. Im Jahre 1581 steht an der Spitze der Judengemeinde ein 1) oc t or meiiicin ae Marcus Niger (Schwarz), der sein Diplom wahrscheinlich gleich vielen anderen polnischen Juden des 16. Jahrhunderts in Padua, bezw. in einer anderen italienischen Universitätsstadt erlangt haben dürfte. Merkwürdig ist, daß derselbe Marcus in einem königlichen Privileg, das zwei Jahre vorher datiert ist (1579) und wo er den ungewöhnlichen Titel „dvnestuiG führt, als angeblich von den Juden verfolgt geschildert wird, weshalb er der jüdischen Jurisdiktion entzogen und ausschließlich der Kompetenz des Wojewoden zugewiesen, gleichzeitig aber er zu allen Abgaben gleich den anderen Juden verpflichtet wird. In der Motivierung des Privilegs heißt es, daß er sich durch „ungewöhnliche Kenntnis des Alten und Neuen Testaments wie überhaupt der hebräischen und lateinischen Literatur auszeichne und überdies auch Sympathien für den katholischen Glauben bekunde"?') Nun, letzteres dürfte wohl übertrieben sein, denn sonst wäre es unerklärlich, daß zwei Jahre später die Gemeinde ihn zum Senior wählt?^) Jedenfalls ist das Dokument kulturhistorisch als 8 i g n n m t e m p oris von Interesse. Später begegnen wir nur noch einmal einem Doktor Hensel, Sohn Rywczas (Rebekka), in einem Akt des Jahres 1659. Mit der Unterdrückung des Protestantismus und seiner humanistischen Begleiterscheinungen und der strengsten Wiederherstellung des Katholizismus unter Sigismund III. (1587—1632) wurden auch die Juden in Polen auf ihre einseitige Ghettoknltur zurückgedrängt, in deren Mauern sie bis zum Ende des 18. Jahrhunderts eingepfercht blieben. Erwähnenswert ist noch, daß im Jahre 1682 sich in Przemysl einer der hervorragendsten Juden jener Zeit, Doctor medicinae et philosophiae Isaak Leonel Winckler, angesiedelt hat. Er war einer der Emigranten nach der Vertreibung der Juden aus Wien im Jahre 1670, von betten niete aufy in Polen Zuflucht gesucht und gesunden haben?^) In der Gelehrtengeschichte Przemysls verdient — abgesehen von den schriftstellerisch tätigen Rabbinern — besondere Erwähnung der schon genannte Verfasser der Trauer-Selichah vom Jahre 1630, Rabbi Moscheh Hamedakdek, dessen Einleitung zum Siddur vor einigen Jahren Prof. Berliner aus Handschriften herausgegeben hat. — Von hervorragenden Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts darf sich Przemysl des Jsak Erter rühmen, des bekannten Haskalah-Pioniers und unübertrefflichen hebräischen 37) . . . cuius probitas in legeque veteris et novi Testament! ac in litteris hebraicis et latinis non vulgaris peritia perpensusque ad fidem christianam catholicam animus nobis est tommendatus obidque a caeteris Judaeis Praemisliensibus multis affici dicitur iniuriis . . . (Materialien Nr. 14, S. 91.) 33) Als solcher führt er auch das übliche Beiwort »perfidus« (Ungläubiger). 3#) Vgl. D. Kaufmann, Die Vertreibung der Juden aus Wien und Niederösterreich (1889) S. 69, 146, 221. Ueber Doktor Wincklers Ansiedlung in Przemysl vgl. Zydzi w Przemyslu S. 13» Anm. 1.