Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 28 (9.7.1915)
- Date
- 1915-07-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 517 Ausweisung vou 70.000 Juden aus Kurland. Die russische Regierung hat 70.000 Juden als der Sympathien für Deutschland verdächtig aus dem Gouvernement Kurland ausgewiesen. In der Stadt Mitau allein beträgt die Zahl der ausgewiesenen Juden 7000. Nachdem diese die Stadt verlassen hatten, stellten alle Gerbereien, Schuhfabriken und die Metallfabriken Kramers, in denen über 1000 Arbeiter beschäftigt waren, den Betrieb ein. Das jüdische Spital und das jüdische Lazarett für verwundete Soldaten wurden geschlossen. Die Söhne vieler der Verschickten kämpfen in der russischen Armee. Vizepräsident Ar. Iakoö Aiamand aus <Lern6erg in Kiew interniert. Das Los des Vizepräsidenten der Stadt Lemberg Dr. Rutowski, der nach zehnmanatiger aufopferungsvoller Tätigkeit im Dienste seiner Mitbürger von den russischen Ehrenmännern als Geisel entführt wurde, teilt außer dem jüdischen Vizebürgermeister Dr. Schleicher auch der 2. Vizepräsident der dortigen Kultusgemeinde Dr. Jakob Di am and. Der in Wien weilende Präsident der Lemberger Gemeinde Dr. Schaff erhielt bereits von demselben ein Telegramm aus Kiew, in dem Dr. D i a m a n d mitteilt, daß er , sich wohlauf befinde. Die Gemeinde wird es ihrem unermüdlichen Vizepräsidenten nie vergessen, welche Tatkraft und Opferwilligkeit er während dieser schweren Zeit an den Tag gelegt hat. Vom ersten Tage der Mobilisierung trug er nahezu allein die ungeheure Last der mit der Leitung eines so großen Gemeinwesens verbundenen, in dieser Zeit noch gesteigerten Agenden. Die Liebe zu seiner Vaterstadt und Gemeinde, in der er seit vielen Jahren ver-- dienstvoll wirkt, veranlaßte ihn, trotzdem, oder gerade weil sämtliche Mitglieder des Kultusvorstandes (der Präsident und erste Vizepräsident infolge Krankheit) fern von Lemberg weilten, in dieser schweren Zeit auf dem wichtigen Posten wie ein Soldat wacker auszuharren. Welche Anforderungen an seine Nervenkraft nicht einmal gestellt wurden, ist nach vielem, was wir vernommen, leicht begreiflich. Der ehrwürdige Rabbiner Leib B r a u d e und der Religionsprofessor Dr. Hausner, der nach Einberufung des Rabbiners Dr. G u t t m a n n zur Armee im Felde, die Funktionen des fortschrittlichen Gemeinderabbiners versah, standen ihm die ganze Zeit über wacker zur Seite. Wenn wieder glückliche Tage für die Ge>- meinde kommen, wird sie diesen ausgezeichneten Männern ihren Dank nicht vorenthalten. Bis dahin sei ihnen im Namen unzähliger Mitglieder der Kultusgemeinde ein herzliches „Jejascher Kaach" zugerufen. Jakob B. . . . Zum ewigen Gedächtnis. Ein Dokument entsetzlicher Grausamkeit der russischen Kriegsleitung gegen unschuldige jüdische Zivilbevölkerung publiziert das berühmte, trefflich redigierte „Streffleurs Militärblatt", Nr. 28 vom 3. Juli 1915, „Aus erbeuteten russischen Schriften", welches verdient, zum ewigen Gedächtnis in der Erinnerung der Nachwelt festgehalten zu werden. Aus einem Befehl des 3. Armeekommandos, Nr. 289, vom 8 /21. April 1915. § 2. Es gelangten Mitteilungen an den Minister des Innern^ wonach mit der Evakuierung der Juden aus Galizien nach dem Innern Rußlands begonnen wurde. ... Der Erlauchte Höchstkommandierende hat daher befohlen, daß bei der.Besetzung neuer Gebiete durch unsere Truppen sämtliche Juden zu versammeln und nach vorwärts, den feindlichen Truppen entgegenzujagen sind. In den von uns besetzten Gebieten des Hinterlandes sind aus den vermögenden und einflußreichen Juden Geiseln auszuheben, welche nach Rußland zu schaffen sind, und zwar in den vorgesehenen Ansiedlungsrayon; sie sind aber unter Bewachung zu halten, das heißt i m G e - fängnis, und ihr Besitz ist zu sequestrieren. Der Besitz solcher Juden, die sich auch nur die geringste Feindseligkeit zuschulden kommen ließen oder die der Spionage verdächtig werden, ist einzuziehen. Als Ausenthaltsgebiete für die evakuierten Geiseln hat der Minister des Innern die Gouvernements P o l>- t a w a und T s ch e r n i g o w, das heißt die außerhalb des Kriegsschauplatzes liegenden Bezirke, bestimmt. Vorstehendes zur Kenntnis bringend, fordere ich, daß der in Rede stehende Befehl aufs genaueste befolgt werde; beim Vollzüge dieser Maßnahme ist im Einvernehmen mit den etwa vorhandenen Zivilbehörden vorzugehen; von seiten der Kommandanten ist hiebei größte Initiative an den Tag zu legen. § 3. Bei der Betriebseröfsnung in der Station Lupkow hat der Kommandant des achten Eifenbahnbataillons konstatiert, daß jede Obsorge für die Erhaltung der Eisenbahnanlagen vollständig fehlt; so erwies es sich, daß in dieser Station der W a r t e s a a l 1. K l a s s e als Stall für die Pferde des 24. Sappeur> bataillons verwendet wurde, die Wände des Magazins hatten als Heizmaterial für die 33. Artilleriebrigade Verwendung gefunden, der Boden war infolge Anmachens von offenem Feuer durchgebrannt, die Station Neu- Lupkow dem Erdboden gleichgemacht, zwischen den Schienen fuhren Trains; sogar die Wände einiger Waggons hatte man als Brennholz verwendet. (Gez.) Der Kommandant der 3. Armee. G. d. I.: R a d k o D m i t r i e w. Korrespondenzen. Schulaktion für Flüchtlingskinder aus Galizien und der Bukowina. Unter den zahlreichen verheerenden Wirkungen, welche der gegenwärtige Krieg für unsere unglücklichen Glaubensgenossen in Galizien und der Bukowina hervorbraehte, war wohl sicherlich eine der bedeutendsten die, daß die Kinder der Flüchtlinge den Schulunteri richt unterbrechen mußten und ohne jegliche Unterweisung blieben. Wohl haben einsichtsvolle Eltern häufig die Gelegenheit benützt, ihre Kinder in den Schulen ihres Aufenthaltsortes nach Möglichkeit unterzubringen, und es muß anerkannt werden, daß ihnen seitens der lokalen Schulbehörden möglichstes Entgegenkommen bewiesen und eine größere Anzahl von Kindern ausgenommen wurde. Selbst dort, wo sich sprachliche Schwierigkeiten ergaben, wurden diese nach einiger Zeit mit Leichtigkeit überwunden, so daß angenommen werden kann, daß für eine ansehnliche Zahl von Schulkindern die Zeit ihres Exils aus ihrer Heimat nicht ganz ohne Nutzen für ihre weitere Ausbildung verstrichen ist. Immerhin war es nur ein verschwindend kleiner Teil der Kinder, der in den Ortschaften untergebracht werden konnte, der weitaus größte Teil konnte schon wegen Platzmangels keine Aufnahme finden. Für die in den Baracken untergebrachten Kinder war wohl im einzelnen für die Erteilung des Hebräischunterrichtes vorgesorgt. für den Volksschulunterricht fehlte es an.Schulräumen, Lehrkräften und Lehrbehelfen. Angesichts dieses Sachverhaltes fanden schon im Dezember 1914 Beratungen zwischen dem Kuratorium der i