Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 27 (2.7.1915)
- Date
- 1915-07-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3022142-3022170--24264-3049504- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 28 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 501 entblößtem Haupte gesungen wurde. Dazwischen erschollen Rufe: „Heil und Hoch!" Nun umringten die Flüchtlinge Herrn Süßkind aus Rymanow, der einen Folianten aufgeschlagen hatte und das Kaisergebet in hebräischer Sprache zu singen begann. Dieser Vorbeter versteht es, mit heller Tenorstimme zu singen, daß es die Zuhörer ordentlich ergreift! Viele sekundieren ihm nach ureigener Art, und als' Herr S ü ß k i n d den Namen Kaiser Franz Josef Erwähnung tut, lüftet er seinen Hut, was von den Anwesenden nachgeahmt wird, wobei alles durcheinander — Jud und Christ — in begeisterte Hochrufe ausbricht. Nach dieser Rezitation liest Herr Oberkantor Wilkowitsch vom Fenster der Bezirkshauptmannschaft mit lauter Stimme eine Huldigungsdepesche folgenden Inhaltes vor: „An die Kabinettskanzlei Sr. kais. und königl. Apostolischen Majestät in Wien. Anläßlich der siegreichen Einnahme Lembergs erlauben sich die Kriegsflüchtlinge aus Galizien und der Bukowina, der Kultusgemeinde Eger und Franzensbad ihre Freude und das Gelöbnis unwandelbarer Treue und Anhänglichkeit für Se. Majestät zum Ausdrucke zu bringen. Die Kultusvorsteher Eduard Löwy, Eger, und Theodor iS P i e g l, Franzensbad, für Pie Kriegsflüchtlinge." Nun zogen bie Flüchtlinge zum Stadthaus und von dort zur Wohnung des Kultusvorstehers, wo die Musik vaterländische Weisen anstimmte. Der Zug bewegte sich dann zum Ausgangspunkte Johannisplatz. Diese imposante Kundgebung war von keinem Mißton getrübt, vielmehr teilte die Egerer Bevölkerung den Jubel der Kriegsflüchtlinge, wofür dem Publikilm herzlicher Dank gezollt sei! Die althistorische Stadt Eger wird gewiß in ihre Chronik dieses Ereignis aus großer Zeit freudig aufnehmen. Dankgottesdienste iu Krakau. Anläßlich der Wiedereroberung der galizifchen Landeshauptstadt fand Donnerstag, den 24. Juni, in der hiesigen fortschrittlichen Synagoge ein Festgottesdienst statt, dein ein zahlreiches andächtiges Publikum, darunter auch der Präsident der Gemeinde Dr. Tilles mit den Mitgliedern der Repräsentanz, Feldrabbiner Dr. Golinski, mehrere Offiziere re, beiwohnten. Nach Absingung eines Jubelpsalmes hielt Rabbiner Dr. Thon eine schwungvolle, die Größe des Ereignisses treffenb zeichnende Predigt, der das Kaisergebet und die Volks- Hymne folgten. Am nächsten Tage fand in Verbindirng mit dem Abendgebete eine Festfeier für die jüdischen Soldaten statt, an welche Festungsrabbiner Dr. Weinsberg eine Ansprache richtete. Die Soldaten sangen hierauf die Kaiserhymne. .Flüchtlings-Hilfswerk in Marienbad. Die kriegerischen Ereignisse in Galizien haben bekanntlich dort und in der Bukowina einen wahren Erodus hervorgerufen und so hat das bekannte böhmische Weltbad Marienbad seit November v. I. eine stattliche Kolonie, §irka 1500 Kriegsflüchtlinge, aufzuweisen. Wir kannten seinerzeit überhaupt nicht das Ziel unserer Reise. Als wir hier landeten, waren alle freudigst überrascht und gerührt, daß ein bereits oxganisiertes Hilfskomitee sich unser annahm, für Wohnung und Unterkunft Sorge getragen, und mit Rat und Tat an die Hand ging. Während der bereits siebenmonatlichen Dauer unseres bisherigen hiesigen Aufenthaltes erlahmten die Herren des Hilfskomitees nicht in ihrem phylantropischen Wirken, um das Los der Flüchtlinge nach möglichster Tunlichkeit zu lindern. An der Spitze dieses Komitees steht als Obmann Herr Siegfried Burbaum, Hausbesitzer und Inhaber des renommiertest Bankhauses Emil Lucker, Es ist keine Uebertreibung, wenn wir der Wahrheit gemäß konstatieren: „Es ist der richtige Mann am richtigen Platze." Sein urbanes großzüg'g s W<en, ftine unermüdliche Tätigkeit und fein splendides Gebaren, ein Gentleman im wahrsten Sinne des Wortes, haben es bewirkt, daß sein Name von allen Flüchtlingen nur mit Hochachtung und Liebe ausgesprochen wird. Er ist die Seele des Komitees, widmet seine Zeit beinahe ausschließlich dem Hilfswerke, wobei ihm seine weltmännischen Manieren, Menschenkenntnisse und ein warmschlagendes, für die Liebe seiner Mitmenschen fühlendes Herz ihm sehr zustatten kommen. Er ist der Fürsprecher bei den Behörden, unternahm schon wiederholt Reisen nach Prag und Wien, um bei der Stallhalterei und in den Ministerien in Sachen der Flüchtlinge erfolgreich zu intervenieren, wobei er die beträchtlichen Spesen aus eigenen Mitteln bestritt. Da sich die Kolonie naturgemäß aus verschiedenen Elementen zusammensetzt, darf die Behandlung keine schablonenhafte sein und Herr Burbaum versteht es, jedem Nebst der staatlichen Unterstützung gewährt das Komitee aus eigenen Mitteln und freiwilligen Spenden, dort, wo es durchaus notwendig ist, Monatszuschüsfe. Für die schulpftichtige Zugend beiderlei Geschlechtes sind zwei Schulen errichtet worden, eine in Marienbad, die andere in Sangerberg; beide werden vom Obmanne des Hilfskomitees fleißig inspiziert und durch besonders liebevolle Aneiferung der Kinder, die Lehrkräfte, an deren Spitze Sr. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Diamant steht, die besten Erfolge auszuweisen haben. Ueberdies wird dieser Tage eine Näh- und Strickschule wiederum ins Leben gerufen worden. Diese großartig organisierte Tätigkeit war nur durch das verständnisvolle iznd herzlich gute Entgegenkommen des hier amtierenden Herrn Bezirkshauptmannes Ritter v. Brechlen möglich und gereicht nicht nur dem gesamten Komitee, und besonders dem Obmanne Herrn Burbaum zur Ehre, sondern auch der gesamten Judenschaft Marienüads und nicht zuletzt der schönen Kurstadt selbst. Es ist also nur unsere Pflicht, wenn wir an dieser Stelle im Namen der Flüchtlinge unseren aus dem Herzensgründe kommenden Dank abstatten und der Hoffnung Ausdruck geben, daß er auch fernerhin seine bewährte Fürsorge uns nicht entziehen wird. Wir schließen somit mit einem „Vergelts Gott!". Für die galizischen Flüchtlinge in Marienbad: Moses Haber, Abraham Kornitzer, Markus Lang. Baden. (Dankgottesdienst.) Mittwoch, den 23. v. M., berief der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Baden, Herr Moriz Leitner, den Ausschuß zu einer Sitzung ein, um aus Anlaß der Rückeroberung der Stadt Lemberg einen Dankgottesdienst anzuordnen, der für Samstag, den 26. v. M., angesetzt wurde. Zum Schluß der Sitzung wurde folgendes Huldigungstelegramm an die Kabinettskanzlei Sr. Majestät des Kaisers abgesandt: „Eure kaiserliche königliche apostolische Majestät! Zu dem gewaltigen, in seinen Folgen noch kaum zu ermessenden und in der Weltgeschichte einzig dastehenden Sieg, mit welchem unsere heldenmütigen Truppen — vereint mit unseren treuen Verbündeten — unser geliebtes Lemberg wiedereroberten, gestattet sich die huldigenden Glückwünsche der dankerfüllten gesamten jüdischen Bevölkerung der Stadt Baden bei Wien Eurer kaiserlichen und königlichen Majestät in tiefster Ehrfurcht zu unterbreiten. Moriz Leitner, Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Baden." — Auf Ansuchen der hierweilenden jüdischen Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina erfolgte im Gemeindetempel ein solcher Festgottesdienst schon am folgenden Donnerstag in Anwesenheit des Gesamtvorstandes und einer ansehnlichen und zahlreichen Versammlung von Flüchtlingen, wobei Seine Ehrwürden Herr Oberrabbiner W. Reich in glänzender Weise die Festpredigt hielt, woraus Herr Rabbiner Doktor Samuel Rapaport mit aus tiefem Herzen strömenden Worten eine Ansprache an die Anwesenden richtete, die ebenfalls einen wohltuenden Eindruck machte. Hier nahm der illustre Redner die Gelegenheit wahr, dem Vorstand und dem Oberrabbiner den Dank für das sehr freundliche Entgegenkommen gegenüber den Flüchtlingen auszusprechen, indem denselben alle möglichen Unterstützungen, wie auch die Beistellung des Bet-Hamidrasch und der Bibliothek gewährt wurde. Herr Kantor Julius Smortitky (Wien) leitete den gesanglichen Teil des Dankgottesdienstes, der mit Absingung der Volkshymne abschloß. — Samstag, den 26. v. M., halb 10 Uhr vormittags, fand der vom Vorstande angesetzte Dankgottesdienst statt. Der Gesamtausschuß unter Führung des Präsidenten Herrn Moriz Leitner erschien im Fest-