Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 26 (25.6.1915)
- Date
- 1915-06-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 477 Nr. 26 Dr. Blüch's Wochenschrift Sollten wir, was sich in längstens vier Tagen ent--. >- Zwei Tage und Nächte währte die Wanderung in der scheiden muß, abgeschoben werden,- dann werde ich Dir . von russischen Patrouillen durchstreiften (legend.' Mit — sowie ich in der Stadt bin, die mir als Domizil angroßer Vorsichtmußte jeder Steg und Weg gewählt gewiesen werden wirk)— sofort berichten, schreibe mir dann ausführlich. Du kannst über alles schreiben, nur kein Wort von der Kriegslage, Sonst hekomme.ich Deine Nachrichten bestimmt nicht, und das. täte mir begreiflicherweise riesig leid. Wie geht es Dir und unseren Buben und allen unseren Lieben, insbesoudere denen, die gleich mir im Felde stehen? Darüber schreibe mir ausführlich und vergiß an niemanden."; Dem Briefe ist ein Zettel beigelegt mit dem Vernrerk: „14. Mai. Rückkommende russische Truppen geben uns große Hoffnung, daß wir im letzten Moment doch Noch befreit werden und ich Dir dann diesen Brief persönlich bringe." Ein weiterer Vermerk trägt das Datum vom 19. Mai und besagt: ,,W i r.gehen ab! Allseits Grüße!" Der tapfere jüdische Offizier, dem es nicht mehr vergönnt sein sollte, den Einzug .unserer, siegreichen Truppen in Przemysl mitzumachen, wurde, wie erwähnt, noch vor der Einnahme Przemysls abtränsportiert und hat bereits in einer Karte vom 25. Mai aus,Kiewseiner Gattin angezeigt, daß die Gefangenen nach Moskau gehen und daß-er und die übrigen sich wohl befinden. Eine interessante Kriegsmetasssammlung. Der Stadtmagistrat von Czernowitz hat eine Kriegsmetallsammlung eingeleitet. Sie hat-ein ziemlich gutes Ergebnis und dürfte wesentlich bereichert werden durch die interessante und. reiche Kriegsmetallsammlung, die Baumeister Papst in seinem Zentralkino ausgespeichert hat. Zu patriotischen Zwecken hat er sein Kino zwei Tage in. der Woche bei freiem Eintritt eröffnet. Als Eintrirtsgebühr wird Kriegsmaterial oder Liebesgaben fürs Militär entgegengenommen. So sind in. wenigen Tagen wahre Schätze von Kriegsmetallen jeglicher Sorte zusammengetragen worden, alte Messingmörser, Leuchter, Kupferkessel, Pfannen, Schrapnellteile, Fültkugetn, Messingglocken, Bügeleisen, Metallhähne, alte Kupfermünzen und eine große Menge Patronen. Uatridlrscher Kpferrnut eines jüdischen Mädchens. (Aus dem - soeben erschienenen ersten Heft der Mitteilungen des „Indischen K r i e g s a r ch i v s", Wien, II., Zirkusgasse 33. Preis des Heftes 60 Heller.) Das kleine Städtchen Pistyn in Südostgälizien hatte im letzten Viertel des Jahres 1914 von den Russen viel zu leiden. Die Kosaken besetzten die jüdischen Häuser und Hütten und die jüdische Einwohnerschaft war gezwungen, bei befreundeten ruthenischen Bauern Zuflucht zu suchen. Es pflegte oft vorzukommen, datz die Kosaken für einige Tage das Städtchen verließen, um auf diversen Streifzügen neue Beute zu suchen. So war es den armen Menschen hie und da möglich, frei auf» zuatmen. An einem solchen „freien" Tage kehrte auch die 19jährige Sara Esther Schorr in ihr Elternhaus zurück und fand unter den zertrümmerten Hausgeräten einen von den Russen, vergessenen Tagesbefehl. Das Mädchen, welches ruthenisch versteht, erkannte sofort die Wichtigkeit des Dokumentes und blitzschnell tauchte der Gedanke in ihr auf, daß der Besitz für unsere Heeresleitung sehr wertvoll sein müsse. Dieser Erkenntnis folgte der mutige Entschluß, das Dokument dem in Wiznitz befindlichen österreichischen Kommando zu uberbringen. Sara Schorr ließ sich durch die Gefahren der geplanten Unternehmung, welche ihr von -Eltern und Verwandten vorgestellt wurden, nicht abschrecken und verließ ganz allein und ohne Wissen der Eltern Pistyn. werden, um den russischen Wachtposten zu entgehen. Todmüde und schwererkältet erreichte das brave Mädchen Wiznitz und war glücklich,' den geborgenen Schatz in die bewährten Hände-des'Generals Schüller und MajorsPapp vom Kommando der k. N. k. Jnfänrerie- Truppendivision übergeben zu können.' Dem Kommando in Wiznitz brachten die Mitteilungen des wackeren jüdischen Mädchens und.her russische Tagesbefehl wichtige Aufklärungen über die Stellungen des Feindes. Die Herren vom Kommando wollten die Tapferkeit der Jüdin mit Geschenken quittieren. Sara Schorr lehnte aber die Annahme von Geld und Geldeswert ab mit der Motivierung: sie könne für ihre aus Patriotismus vollbrachte Tat keinen Lohn entgegennehmen. Dies geschah Ende November 1914. Im Dezember mußte Wiznitz geräumt werden. Major Papp erinnerte sich in der Stunde der Gefahr der tapferen Jüdin und ermöglichte ihr die Flucht nach Wien. Sie erhielt seitens des Kommandos der k. u. k. 54. Jnfanterie-Truppendivision eine offene Order l'Zl. 316 vom 2, Dezember 1914), mit welcher alle Zivil- und Militärbehörden aufgefordert wurden, sie passieren .und ihr jede Unterstützung angedeihen zu lassen. Ende März erhielt Sara Schorr ein Medaillon, welches von einem. Schreiben folgenden Inhaltes hegleitet war: „Zum Andenken für Ihre Heldentat empfangen Sie auch von mir eine kleine Aufmerksamkeit. Major P a p P." Die Eltern k»es Heldenmädchens mußten den Patriotismus der Tochter schwer büßen. Die Russen schworen ihnen Rache wegen des verschwundenen. Tagesbefehlsden sie arg vermißten, lieber das Schicksal der armen Leute verlautet noch nichts bestimmtes, aber sicher ist, daß namentlich der Vater der Sara eine Reihe von Martern zu bestehen, hatte. Unter der Uussenkerrfchafl in Aorodenkn. Von dem Sohne eines Gutsbesitzers aus der näck)- sten Umgebung von Horodenka, der die ganze Zeit der Russeninvasion mitgemächt hat, wird folgende Schilderung veröffentlicht: Am 2. September kamen die Russen zum erstenmal in unsere Gegend. Die meisten Bewohner von Horodenka. waren geflüchtet,' nur einige Standespersonen, so der Bürgermeister Advokat Dr. B o s s a - k o w s k i,. Abgeordneter Dr. O k u n i e w s k i, Gutspächter Bezner und Hausbesitzer Wein st e i n, waren zurückgeblieben mit denjenigen, die kein Geld oder auch nicht mehr die Zeit hatten, um fortziehen zu können. Die genannten Herren wurden dann auch als Geisel von den Russen weggeführt. Die Russen plünderten und brandschatzten wie überall, prügelten die Juden, stahlen, was sie fänden. Das Schloß des Fürsten L u b o m irski mitsamt den Wirtschaftsgebäuden wurde eingeüschert. Das dauerte bis zum 19. Februar, an welchem Tage Horodenka durch die Truppen der Armee Pflanzer-Baltin entsetzt wurde. Diejenigen Bürger, die nicht allzuweit geflüchtet waren, kehrten zurück und das Leben entwickelte sich nach und nach in gewohnter Weise. Infolge der Kriegslage wurde Horodenka von den Unseren nicht besetzt gehalten und eines Tages waren die Russen wieder da. Am 12. Mai zogen sie in die Stadt ein und begannen sofort in den von armen Juden bewohnten Gassen und auf dem Marktplatze Feuer zu legen. Auch die Synagoge und zwei andere Bethäuser wurden ange-