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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-06-25 · 26 (25.6.1915) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
26 (25.6.1915)
Date
1915-06-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 470 Dr. BLoch's Wochenschrift, Nr. 26 Aus -er Geschichte der Jude« itt Przemysl*) Eine Skizze von Prof. Dr. Moses Scharr, Privatdozenten a. d. Universität in Lemberg. Hz twb rrm* uw H'by D^3»m*7 „Doppelt frohlocket mit ihr (der Stadt), ihr, die über sie getrauert" (Jes. 66, 10 b). Wenn die Nachricht über die heldenmütige Wiedereroberung der .nur durch Hunger dom Feinde bezwungenen mächtigen Festung Przemysl heute die Herzen aller Söhne Oesterreich-Ungarns mit Genugtuung und Freude erfüllt, welchen Jubel erst und welch' Glücksgefühl mußte diese frohe Botschaft in den Herzen all derer auslösen, die wir den Fall der Festung wie Kinder den Tod der Mutter betrauerten, weil wir Kinder dieser Stadt find, weil dort die , Gebeine unserer Eltern ruhen, die dort gelebt und gewirkt, und weil uns selbst die schönsten Erinnerungen der Kinderjahre an diese liebliche, an beiden Ufern des San sich ausdehnende Stadt knüpfen, und zu deren Bürgern die meisten von uns sich heute mit Stolz bekennen. Und da ist es wohl an der Zeit, jetzt, da dieser kurze — und ach! für die, die ihn erlebt, so lange — böse Traum vorüber ist, uns aus die Vergangenheit dieser Stadt zu besinnen, uns Juden zumal, die wir schon innerhalb dieses kurzen Zeitraumes (22. März bis 2. Juni l. I.) einen Vorgeschmack dessen zu kosten bekamen, wie lieb Väterchen Zar seine neugewonnenen „lieben Juden" seinen Schutz genießen läßt. Und da sei gleich ein wichtiges, allgemein historisches Moment vorweggenonunen und neben das jüngste tragische Erlebnis der Gegenwart gestellt. Die russische Verwaltung hat sich nicht gescheut/.— wie sie es ja auch im eigenen Lande täglich tut •—, innerhalb 24 Stunden die gesamte noch während der zweiten Belagerung übrig gebliebene jüdische Bevölkerung aus dem - Bereich der Stadt zu verweisen und einen großen Teil überdies nach dem Tiesinnern Rußlands zu verbannen. >Nun {— dreihundertsechsundfünfzig Jahre alt ist die Judengemeinde in Przemysl und diese vierthalb Jahrhunderte umfassende Geschichte, von denen ja 250 Jahre, — was die politisch-rechtliche Stellung der Juden anbetrifft — dem fffättdalter angehören, fertnt keinen einzigen Fall einer so brutalen Maßregel, wie sie das russische Miltiärkommando am Anfang des 20. Jahrhunderts angesichts der ganzen gesitteten Welt anzuwenden sich nicht scheute. . . Wahrhaftig, eine lehrreiche geschichtsvergleichende Tatsache! Wir wollen nun zur Schilderung der historischen Schicksale der .Juden in Przemysl übergehen. 1. Die politische und ökonomische Entwicklung. Die jüdische Gemeinde in Przemysl, die im letzten Jahre vor dem Kriegsausbruch eine Kopfzahl von nicht weniger als 18.000 Seelen aufweist?) ist aus ganz kleinen Anfängen hervorgegangen. Trotzdem Przemysl selbst eine der ältesten . Städte Polens und einst auch der Sitz eines selbständigen Fürstentums (Rot-Rußland) gewesen ‘) Obige Skizze entnehme ich meinem polnischen Buche Zydzi w Przemyslu do kodca XVIII. w i e k u. Opracowanie i wydawnictwo materyalu archiwalnego. (Konkurs imienia H. Wawelberga. Monografie z historyi Zvdöw w Polsce nagrodzone przez Wydzial filosoficzny Uniwersytetu lwowskiego). Lwow. Nakiadem funduszu konkursowego. 1903. VIII -f- 294 S. •*) Kalender der Oesterreichisch-Jsraelitischen Union. XXIII. Jahrgang (1914), S. 300. ist?) begegnen wir doch den Juden dort erst um die Hälfte des 15. Jahrhunderts. Die ältesten aktenmäßigen Erwähnungen vereinzelter jüdischer Ansiedler datieren aus den Jahren 1437?) 1446 und 1466. In beiden letzteren Fällen handelt es sich um Zollpächter — einen Beruf, den die offenbar kapitalskräftigen Juden in Polen in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts mit besonderer Vorliebe ausübten, und der ihnen auch eine einflußreiche Stellung im sozialen Leben verschaffte. Es entspricht ungefähr der historischen Wirklichkeit, wenn ein zeitgenössischer angesehener polnischer Chronist jener Zeit über die Stellung der Juden in Polen mit folgenden Worten, allerdings in nicht sehr wohlwollender Gesinnung, sich äußert:5) „In unserer Zeit (und auch lange vorher) erfreuen sich die Juden einer besonderen Achtung. Es gibt kaum eine öffentliche Abgabe oder einen Zoll, dem sie nicht vorstehen würden, oder den sie nicht zu ergreifen sich bestrebten. Mancherorts werden die Christen ihnen in dieser Beziehung untergeordnet. Es gibt, kaum unter den Magnaten und selbst unter den ersten Leitern der Republik jemand, der seine Hauswirtschaft nicht von einem Juden verwalten ließe, den Juden (dadurch) die Herrschaft über die Christen einräumte und sie nicht eifriger als die Christen vor selbst eingebildetem Unrecht schützte." Das 16. Jahrhundert in seinem - Ausgange ist auch diejenige Zeit, wo wir (mit Ausnahme von Lemberg, Krakau, Posen, wo schon im 14. Jahrhundert organisierte jüdische Gemeinden existieren) die meisten Judengemeinden in Polen entstehen sehen, was zum Teil auf jenen großen Einwanderungsstrom zurückzusühren ist, der' als Rückwirkung der Vertreibung der Juden aus den Polen benachbarten Ländern (Böhmen, Deutschland, Litauen)-am- Ende.des ,15.- -Jahrhunderts die Kopfzahl der jüdischen Bevölkerung mit einemmale bedeutend vervielfachte. Die erste statistische Notiz über die Zahl der jüdischen Bevölkerung in Przemysl besitzen wir aus dem Jahre 1542. Darnach waren dort damals im ganzen achtzehn jüdische Familien, von denen sieben in eigenen Häuschen, die übrigen als Mieter wohnten. Die ersteren zahlen jährlich eine Abgabe „et ratime Judaismi“ von vier polnischen Gulden, die letzteren von zwei Gulden. Im Jahre 1565 gibt es bereits dreizehn jüdische Hauseigentümer; im Jahre 1633 finden wir 37 jüdische Häuser mit einer Kopfzahl von 110 Familien; im Jahre 1671 gibt es 100 Häuser, was beinahe 300 Familien entspricht, und ungefähr hundert Jahre später im Jahre 1765 beträgt die Anzahl der jüdischen Einwohner 2418. Aus dem Umstande, daß die jüdische Bevölkerung heute 18.000 Seelen umfaßt (über ein Drittel der Gesamtbevölkerung), ist ersichtlich, daß dieselbe im Vers) Die wichtigsten Daten aus der Geschichte der Stadt P r z em y s l sind folgende: Die älteste Erwähnung der Stadt findet sich beim russischen Annalisten Nestor aus dem Jahre 981, wonach der ruthenische Fürst Wladimir diese Stadt sammt einigen anderen von den Lachen (d. h. Polen) erobert hat. Vom polnischen König Boleslaus Chrobry wird sie im Jahre 1018 wiedererobert und. unter polnischer Herrschaft gebracht. Aber schon im Jahre 1026 wird sie vom Kijower Großfürsten Jaroslaw L abgenommen und erst im Jahre 1071 gelingt es dem polnischen König Boleslaw Smialy sie wiederzuerobern. Einige Jahre später bemächtigen sich ihrer wieder ruthenische Fürsten und wählen sie zum Fürstensitz. Erst im Jahre 1340 wird die Stadt samt dem ganzen Gebiet Rotrußlands nach Erlöschen der dort herrschenden ruthenischen Dynastie dem polnischen Reiche endgiltig einverleibt. Im Jahre 1389 erhält die Stadt ihre Verfassung nach dem Magdeburger Recht und bildet von nun ab die Hauptstadt des sogen. Przemysler Territoriums bis zur Teilung Polens im Jahre 1772. . 4) Vgl. Akta grodzkie B. XIII Nr. 682. . 5) Ludwik Decius- »De Sigismundi Regis temporibus über 1521« ed. Czermak S. 122. Vgl. mein oben erwähntes Buch S. 3. Anm. 2.

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