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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-06-18 · 25 (18.6.1915) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
25 (18.6.1915)
Date
1915-06-18
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 466 Nr. 25 Dr. Btoch's Wochenschrift Die Juden und den Keller zu bestimmen, war dein Domherrn von Ermeland Thomas Treter Vorbehalten. Er druckte im Jahre 1609 ein, mit zehn Kupfern ausgestattetes, Buch unter dem Titel: ,.6 a c r a t i s s i m i corporis Christi historia et miracula“, d.h. „Des allerheiligsten Corpus Christi zu Posen Geschichte und Wunder, die in der Posener Karmeliterkirche die göttliche Gnade wirkt; aus alten Manuskripten und der Borfahren Ueberlieferung getreulich zusammengetragen". Mit großer Gewandtheit erzählt Treter einen Roman von einer Judenfamilie Swidwa („deren Haus noch stehet"), die nach einem. Rabbinerbeschluß eine Hostie ankaufen mußte, dieselbe in ihren Keller nahm usw. Nun wußte man in ganz Posen (1609), wo vor 200 Jahren der Frevel geschehen; das Haus stand ja noch auf der Ausmündung der Judengasse und seine Besitzer waren „ohne Zweifel" Nachkommen jener Swidwa. Und es war amPessach-Abend des Jahres 1620, als der Pöbel das Swidwasche Haus erstürmte und einen runden Tisch auf die Straße zog — ohne Zweifel denselben, auf dem der Frevel verübt worden ist. In großer Prozession wurde der Tisch am Pessach- Morgen in die Karmeliterkirche getragen und das Haus dem Juden weggenommen und den I e s u i t e n geschenkt. Aber nicht nur der Besitzer des Swidwaschen Hauses, sondern die ganze Judengemeinde Posen sollte den Frevel büßen. Der Stadtschreiber von Posen erhielt den Auftrag, in der alten Stadtchronik oder in den Akten zu suchen, und da er nichts vorfand, schrieb er sah anno 1399 am Margin: „De Judaeorum furto. sacratissimi Sacramenti h ine n o t a n d u m.“ („Hier sei über den Diebstahl des allerheiligsten SaKanrcnts durch die Juden zu notieren.") Einstweilen suchte man bei Treter, fand die Nachricht, daß vor vielen Jahren die Juden „zur Sühne ihrer Freveltat an der katholischen Prozession am Fronleichnamstage teilnahmen und den Karmelitern einen Jahrestribut zahlten". „Nun, warum sollen sie es jetzt nicht tun?" srirgen die; Karmeliter und strengten der Judengemeinde einen langen und kostspieligen Prozeß an. Der Prozeß dauerte hundert Jahre; während der verschiedenen Rechtsstadien kam es zu Pogromen, bis endlich im Jahre 1724 beide Parteien einsahen, daß die Sache „so schnell" kein Ende nehmen wird, und sie schlossen am 25. November dieses Jahres einen Vertrag, aus dessen Wortlaut wir ersehen, daß die Karmeliter ihre Forderungen direkt auf den Ausführungen Treters stützten. „In alten Zeiten" — lesen wir dort*) — „haben die Juden manche Gebräuche geübt, die sie jetzt nicht mehr haben, sie haben drei Hostienim Hause des Juden Swidwa zerstochen usw." Die Juden erklären dagegen, sie seien niemals mit der Prozession gegangen, haben davon nur von ihren Ahnen gehört, nur um dem kostspieligen Prozeß ein Ende zu machen, verpflichten sic sich, ..in memoriam sceleris“ — später eingeschoben — den Karmelitern zwei Kannen Oel für die Lampe vor den Hostien und einen Stein Pulver alljährlich zu leisten. Im Jahre 1736 brach der große Ritualpxozeß in Posen aus — wir werden auf ihn noch zurückkommen — und da diente der obgenannte Vertrag mit den Worten „in memoriam sceleris"als Beleg für die Schuld der Juden, „die ja die Urkunde unterschrieben haben". Im Jahre 1772 wurde Treters Buch ins Polnische übertragen und zu Ostern des Jahres 1799 wurde aus dieser Uebersetzung ein deutscher Text hergestellt. So ward *) Poln. Verein der Freunde der Wissenschaften in Posen, Handschrift Nr. 46. das „400 jährige Jubiläum des Hostienwunders und der Judenverlogenheit" gefeiert und klein und groß nahm an der Feier teil, wobei Geistliche in Schulen und von den Kanzeln Treters Ausführungen als felsenfeste Wahrheit erzählten. Die Posener Juden schwebten in Todesgefahr und nur dank der preußischen Verwaltung kam es zu keinen Ausschreitungen. (Fortsetzung folgt). WrraLur. Der Weltkrieg und das Schicksal des jüdischen Volkes. Von Binjamin Segel. Preis Ml. 1.50. Verlag von Georg Stille, Berlin NW. 7. Ein Jude ergreift das Wort, um seine Glaubensgenossen in den neutralen Landern über die Ursachen und die Ziele des Weltkrieges aufzurlären. England hat unter den Juden der ganzen' Welt eine leidenschaftliche, rastlose Propaganda entwickelt, spielt sich als einzig berufenen. -Verteidiger der Humanität und der Freiheit auf und läßt in allen Tonarten vernehmen, das; der Sieg der Entente den sieben Millionen Juden Rußlands bürgerliche Gleichberechtigung bringen werde. Dabei werden die bekannten Verleumdungen gegen die deutschen , Barbaren", „Tempelzerstörer", „Frauenschänder" und „Kindermörder" in allerlei Tonarten variiert. Durch die weitverzweigte und unaufhörliche Agitation ist das Urteil der Juden in der ganzen 'Welt stark verwirrt worden. Es war höchste .Zeit, daß ein Jude feine Stimme erhob. Der Verfasser, der 20 Jahre in Deutschland gelebt, deutsche Kultur und deutsches Wesen von Grund aus kennen gelernt hat, widerlegt mit großer Kraft und schlagendem Humor alle Anschuldigungen gegen die 'Deutschen, weist nach, was die Juden der ganzen Welt Deutschland und seiner Kultur verdanken, und macht klar, was das jüdische Volk von einem Sieg der Entente zu erwarten hätte. Erschütternd sind seine Schilderungen der russischen Ereueltaten gegen die Juden und der Russenherrschaft in Galizien, die der Verfasser selber mit angesehen hat. Doch ist der Verfasser weit davon entfernt, einen ausschließlich jüdischen Standpunkt zu vertreten. Er beleuchtet vielmehr den ganzen Komplex der Fragen von sehr hoher Warte. Als Bewohner Galiziens kennt er die russische Politik Deutschland und Oesterreich .gegenüber ausgezeichnet und bringt zu deren Verständnis neue Gesichtspunkte bei. Herzerquickend sind die Ausführungepüber das Wesen des deutschen Militarismus, über den hohen Külturwert der deutschen Sprache, ferner über Belgien - und^ über das - Verhältnis' Frankreichs ' und Englands zu Deutschland. Es ist eine , der prächtigsten Widerlegungen der gegen das deutsche,. -Volk geschleuderten Verleumdungen. Jeder Deutsche ohne Unterschied der Religion wird das glänzend geschriebene Buch mit Interesse und Freude lesen und sollte für dessen Verbreitung im neutralen Ausland sorgen. „Jüdisches Archiv." Unter diesem Titel gibt das vor einigen Monaten in Wien gegründete „Jüdische K r i e g s a r ch i v" „Mitteilungen" heraus. Wenn es deren Zweck sein soll, weiteren Kreisen einen Begriff davon zu geben, wie wertvoll das Material ist, das im „Jüdischen Kriegsarchiv" gesammelt wird, so ist dieser Zweck in der vorliegenden ersten Nummer erreicht. Schon die übersichtlich geführten Listen jüdischer Ausgezeichneter find als dankenswert anzusehen. Daß in einer Anzahl von Fällen die Gründe der Auszeichnung in kurzer und präziser Fassung hinzugefügt sind, wirkt besonders illustrativ. Vorzugsweise Aufmerksamkeit verdienen aber die Beispiele russischer Barbarei und Henkerei, die die „Mitteilungen" fast durchaus nach originalen Berichten zu bringen wissen. Einige davon, wie „Die Untat von Staßow" (in Russisch- Polen) und das Schicksal jener bukowinaischen Judenfamilie, von dem der Postvermerk auf dem letzten verzweifelten Briese des Familienvaters Kunde gibt, sowie der Tod des greisen Tulmudisten in Szerzeg, gehören wohl zu den furchtbarsten der Art. Dabei scheinen alle diese Fakten nicht aufs Geradewohl aus der Fülle der russischen Missetaten herausgegrisfen zu sein, sondern sind wohl ausgewählt, um einerseits die furchtbarste Begleiterscheinung der Greuel, die namenlose Verlassenheit der ihren Peinigern ausgelieferten Opfer hervortreten, andererseits den Leser auch die Beweggründe, Grundgedanken und gewisse interessante Hilfsquellen des russischen Greuelsystems zumindest ahnen lassen. Namentlich geht aus ihnen ganz deutlich hervor, daß sich Rußland nicht ohne Grund an die Juden als Hauptsündenbock hält, sondern daß es in den eigenen heimischen Juden diejenigen treffen will, die naturgemäß seiner Regierungsweise am konsequentesten widerstreben und in den galizisch-bukowinaischen Juden die jedenfalls erreichbarsten unter den Trägern eines unbedingten Oesterreichertums. — Das Heft, das auch einige patriotische Kundgebungen jüdischer autoritativer Stellen enthält und mit Geschmack ausgeslaftet ist, stellt sicherlich einen wertvollen Beitrag zur Zeitgeschichte dar, den jeder, der sich für diese ernstlich interessiert, zur Kenntnis nehmen sollte. Es ist im Verlage R. Löwit, 1. Bezirk, Rotenturmstraße 22, erhältlich.

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