Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 25 (18.6.1915)
- Date
- 1915-06-18
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 25 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 46b begannen überall, von der Loire bis zur Donau, Judenverfolgungen, denen Anklagen albernster Art zugrunde lagen. Die Juden bildeten in Europa den Grundstock der Kaufmannschaft und der Gewerbetreibenden, nun hatten die christlichen Bürger den Handel und das Gewerbe erlernt und wollten den jüdislpen Lehrmeister und Konkurrenten sich vom Halse schaffen. Incie ira. Die albernsten Märchen wurden ersonnen, um einen Judenpogrom in Szene zu setzen. Während der Kreuzzüge, des schwarzen Todes usw. wurden die meisten Judengemeinden West- und Mitteleuropas verjagt oder hingeschlachtet, so daß gegen Ende des 15. Jahrhunderts das Gros der Juden nur.im Osten Europas, d. i. Polen und in der Türkei, wohnte. Das blieb bis auf den heutigen Tag. Eine der zahlreichen Gelegenheiten, die zum Ausbruch von Judenpogromen ausgenützt wurde, war das Ritualmärchen. „Und das Blut soll Euch in Erinnerung, bleiben," sagt das Bibelwort, und fürwahr, das unschuldig vergossene Judenblut blieb ihnen in Erinnerung bis auf den heutigen Tag. Der kaum abgeschlossene Beilisprozeß und die Hilferufe Hilsners lassen dies Blut keinen edeldenkenden Menschen vergessen. Jeder P eff ach- Abend reißt die alten Wunden auf und wer weiß, wieviel Judengemeinden irr Rußland urrd in dem, vom Feinde besetzten, Galizien das laufende Jahr in ihren Chroniken bezeichnen werden: „Es rvar an jenem Pessach-Abend des Jahres 1915/" * Was verstehen wir unter Ritualm ärch en? Wir verstehen darunter die Anklage gegen Juden: 1. daß sie Christenkinder morden und ihr Blut zu irgendeinem Zweck verwenden; 2. daß sie Hostien kaufen oder stehlen,, dieselben mit Messern durchstechen und aus - ihnen vermeintlich Blut gewinnen; 3. daß sie die christliche Religion verletzen, das Salböl (Chrismon) von der Brust getaufter Judenweglöschen usw. Der Zweck des vermeintlich erlangten Blutes wechselte in der Literatur. Einmal behauptete man, jüdische Kinder kämen blind zur Welt und das Blut gebe ihnen das Augenlicht; ein andermal behauptete man, jüdische Kinder kämen mit geballten Fäusten, oder mit zusammengewachsenen Fingern zur Welt und das Blut öffne ihnen die Fäuste oder diene zum Heilen der Wunden nach der Beschneidung, es bringe Glück bei Christen usw. Endlich ersann man das Märchen von den Osterbroten (Mazzoth). Diese sogenannte R i t u a l g e s ch i ch t e tritt zum erstenmal bei 8lpio dem Alexandriner, einem Zeitgenossen Jesu, auf. Im Mittelalter wiederholen sich die Anklagen periodisch. Es waren Epochen, in denen Ritualprozesse in ganzen Landen um sich griffen und Hunderte von Judengemeinden vertilgten. Wenn ich nur den Edbergbrand im Jahre 1421, bei dem, über.Verleumdung der Meßnerin zu Enns, die ganze Wiener Jndengemeinde in Flammen aufging, oder gar den blutigen Prozeß in Berlin (1510) in Erinnerung bringe, so habe ich zwei hinreichende Exempel angeführt. An einigen Beispielen will ich nun Nachweisen, wie solche Prozesse in Szene gesetzt wurden und welche Elemente dabei mitgewirkt haben. Ich wähle meine Beispiele aus der Geschichte der Juden in Polen — nicht darum, daß Polen das klassische Land dieser Prozesse wäre - - nur, weil ich mich mit dem Schicksal unserer Stammesbrüder in dem Lande fachmännisch beschäftige. Ich habe seit Jahren die polnischen Ritualprozesse gesammelt und 150 historisch bearbeitet. Ein umfangreiches Buch („Geschichte der. Ritualprozesse in Polen") werde ich nach dem Kriege — so Gott will — derOeffentlichkeit übergeben.*) IV. Eine literarische Ursa ch e. (Hostienprozeß in Posen, 1399—1799.)**) In P osen steht außerhalb der Altstadt ein uraltes Karmeliterkloster. Es wurde um das Jahr 1400 gegründet und die Gründungsurkunde stammt vom Polenkönig Wladyslaw Jagiella vom 13. März 1406. Dort lesen wir, daß der König „auf die inständigen Bitten des Bischofs Albert von Posen eine Kirche und ein Kloster des Karmeliterordens zum Lobe des allmächtigen Gottes- und zur Ehre des hochheiligen Leibes unseres Herrn Jesus Christus in der Vorstadt unserer Stadt Posen, an dem Orte, wo der göttliche Leib selb st, w und erlich wie bekannt, e iu st gefunden wurde, wegen Vergebung der Sünden gegründet, bewidmet haben usw.". „. . .11 b i i p s u m c o i - p u s dominicum mir&cnlose o 1 i m i n v e n t u ni esse, äinoseitn r." Es geschahen also — wie den» König berichtet wurde — Zeichen und Wunder und von diesen spricht auch Papst Bonifacius IX. in seinen zwei Jndulgenzbriefen vom 9. Juli 1401 und 18. August 1403, in denen er den Gläubigen, die diese Kirche aussuchen, Ablaß verheißt. Wir hören also von Wundern, die das Sakrament vollbracht, aber weder von Hostiendiebstahl noch von Juden ist in den drei Urkunden, noch in späteren Bestätigungen, die Rede. In der Mitte des 15. Jahrhunderts lebte in Krakau der' Kanonikus und polnische Geschichtschreiber Johannes Longinus, polnisch Jan I) 1 ug osz. Er war Sekretär des Kardinals Zbigniew 01 e s u i c k i. des größten polnischen Theokraten, und beide brachten nach Krakau die G o t t e s g e i s e l, den Mönch Johannes C a p vstrano, der durch seine Predigten Judenpogrome herrief. Dlugosz macht in seiner Ulst o > i n Po ioniaedie Juden für alles, sogar für verlorene Schlachten, verantwortlich; diese seien zur Strafe, weil überhaupt Juden im Lande geduldet werden. Was Wunder, daß Dlugosz die Juden auch in die Gründung des Karmeliterklosters hineinbringt und unter dem Jahre 1399 erzählt, „daß eine Frau zu Posen eine Hostie bei den Dominikanern in den Mund nahm, um sie dann den Juden zu verkaufen. Die Hostie wurde auf den Posener Stadtwiesen gefunden und sie begann am Auffindungsorte Wohltaten zu erweisen. Aus Ehrfurcht hiefür errichtete König Wladyslaw die Karmeliterkirche usw/". Was also der königliche Gründer und der Papst nicht wußten, das weiß, mehr als ein halbes Jahrhundert später, Dlugosz. Er kennt aber die Personell nicht und begnügt sich mit . der kurzen aphoristischen Feststellung des Anteils der Juden. Und fünfzig Jahre später — gegen Ende des 16. Jahrhunderts — wußte ein Mönch im Kloster zu T r e m e s s e n noch mehr als König, Papst und Longinus zusammen; denn er erzählt in einer Predigt (Predigt-Buch in der Bibliothek der Grafen Raczynski zu Posen, Handschrift Nr. 161, Bl. 133) seinen Zuhörern, daß Juden (also keine bestimmten Juden) den Leib Christi in einen Keller nahmen und ihn mit Messern schnitten, bis Blut ausströmte usw. *) Die Mittel zur Herausgabe stellten mir die Israelitische Allianz in Wien und die Iu n z - S t i f t u ng (Berlin) zur Verfügung. ‘ **i Auf Grund der Forschungen von Prof. Dr. Rodgero Prüm e r s (Zeitschrift der histor. Ges. f. d. Prov. Posen XX 1905) und eigener archivalischer Untersuchungen.