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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-06-18 · 25 (18.6.1915) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
25 (18.6.1915)
Date
1915-06-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 454 Nr- 25 Dr. Bloch's Wochenschrift urrd sind deshalb sehr mitteilsam. Jeder von ihnen schildert gerne und ausführlich die Umstände seiner Verwundung und ist dem Seelsorger für seine Teilnahme sehr dankbar. Mit leuchtenden Äugen erzählen sie oen Verlauf des Kampfes, dem ihr ganzes Interesse zugewendet ist, und bedauern, daß sie durch die Verwnnoung gewaltsam aus der Gemeinschaft der kämpfenden Kameraden herausgerissen wurden. So mancher kann sogar den Zorn nicht unterdrücken, daß die feindliche Kugel ihn kampfunfähig gemacht hat. Tiefe Helden ertragen ihren physischen Schmerz mrt Gleichmut, ihr Leiden ist eher ein psychisches, datz sie nun zur Untätigkeit verurteilt sind. Die Trostworte, daß sie bald genesen und wir uns im Felde Wiedersehen werden, nehmen sie als den herzlichsten Glückwunsch auf. Der Durchbruch der russischen Front ist gelungen und es begann die energische Verfolgung des Feindes auf der ganzen Linie. Wir verließen unseren Standort mit dem Gefühl einer Erleichterung und in der hoffnungsvollsten Zuversicht. Nirgends konnte der Feind unserer vordringenden Armee standhalten und wir begannen ein Zigeunerleben zu führen. Für jede Nacht erkämpften wir uns ein neues Standquartier. Bald war es ein verlassener Meierhos, bald eine Schule oder eine arme Bauernhütte, wo wir unser Massenquartier aufschlugen; doch jeder von uns war in der besten Stimmung, denn er wußte: morgen geht es weiter! Der Geist der Offensive, der unsere Armee erfaßte, steigerte den Mut eines jeden. Unsere Generäle standen in den vordersten Reihen der Kämpfenden, ihr leuchtendes Beispiel spornte jeden Soldaten an und mit Löwenmut kämpften sie — der Landsturmmann neben dem aktiven Soldaten. Die Landsturmleute übertrafen vielfach die .Erwartungen — sie ernteten auch die verdiente Anerkennung. Auch unser Stab befand sich öfters im Feuerbereich und ich hatte von Zeit zu Zeit Gelegenheit, mit unseren Truppen zusammenzukommen. Sie hatten eine schwere Arbeit zu leisten, doch war an ihnen keine Spur von Ermattung zu merken. Die Siegestrunkenheit war aus ihren leuchtenden 'Augen zu lesen. Sieg! Vorwärts! Diese herrlichen Worte waren auf den Lippen aller, sie brachten jede Seele in feierliche Schwingung. Bald ist mein Heimatsort befreit, ruft mir der eine zu; bald komme ich zu meiner Familie, sagt mit Freude der andere, und ein braver Mann vom 30. Infanterieregiment äußert den Wunsch, man möge sie als. die ersten in Lemberg einziehen lassen. Die fliegeirde Sanitätsanstalt betreut die vielen Verwundeten, die von den einzelnen Kampfplätzen kommen; sie organisiert Detachements, um einem jeden möglichst rasch Hilfe leisten zu können. Oft begegnete ich auf dem Wege Hunderten von Verwundeten, die schon verbunden ins nächste Feldspital gingen, und es war Mir eine Freude, sie aus meiner Tasche, die ich immer mit mir führe, mit kleinen Liebesgaben, wie Schokolade, Zigaretten, Zeitungen, zu bedenken, oft auch einen Ermatteten mit kaltem Tee zu erfrischen. Wenn ich auch mit dem Stabe marschierte, suchte ich immer vom Standquartier aus im Wagen die Sanitätsanstalt zu erreichen, um die Verwundeten zu besuchen. Auch an ihnen ist die Siegesstimmung trotz der Schmerzen nicht zu verkennen. Eine der vielen Episoden, die vom Heldenmute unserer Soldaten zeugen, will ich erzählen. In die Anstalt wurde ein verwundeter Korporal eingebracht, in welchem ich bald den Bruder des jüdischen Malers Mer kl kennen lernte. Seit Anfang des Feldzuges steht er im Felde und ist schon zum zweitenmale verwundet worden. Er war froher Laune, obwohl er vor Schmerzen mit den Zähnen knirschte. Als ihm der junge, sympathische Arzt Dr. Tischler den Verbaird anlegte und ich ihn wegen der heftigen Schmerzen zu trösten suchte, da rief er lachend aus: „Wie gern möchte ich in die ewige Nacht, wenn nur Rußlands Macht gebrochen wäre." Beim Abschied rief er mir zu: „Zum zweitenmale schon fließt mein Blut fürs Vaterland, hoffentlich bringt es uns den Sieg!" Solche jüdischen Helden haben wir viele . in unserem Heere — der Jude) der lm Felde steht, kämpft tapfer in treuer Pflichterfüllung fürs Vaterland, aber huch im Bewußtsein, gegen den Unterdrücker der Juden zu kämpfen. Diese gehobene Stimmung wurde aber leider öfters getrübt durch den Anblick der Leidensstationen der Juden. Die Russen haben in manchen Orten schrecklich gehaust. Während die ausgehängten Heiligenbilder die Häuser der Nichtjuden fast immer vor Schäden schützten, sind die jüdischen Häuser größtenteils zerstört oder zumindest gründlich ausgeplündert worden. In Tuchow (eine kleine Stadt südlich Tarnow) sind alle jüdischen Häuser auf dem Ringplatz und in den angrenzenden Gassen mit geringen Ausnahmen zu Stallungen verwendet worden. Die zurückgeblieben sind, konnten noch etwas retteil, die Flüchtlinge haben alles verloren. Ich bin mehrere verlassene Häuser abgegangen, in denen die gesamte Einrichtung spurlos verschwunden ist. Der Fußboden lvar öfters aufgerissen, die Fensterrahmen herausgerissen, weil die Russen das Holz zu Brennzwecken oder für die Deckungen verwendet hüben. Sogar in den Stockwerken wurden Pferde einquartiert, der Mist lag noch haufenweise in den Wohnungen und verbreitete überall eineil Modergeruch. Auch die Synagoge, die erst vor einigen Jahren mit großem Kostenaufwand errichtet wurde, i)t zu einem Stall für Kosakenpferde umgestaltet worden, nachdem die gesamte Einrichtung weggefchleppt und alles Holz verbrannt wurde. Ein tieftrauriges Bild stellte die Zerstörung dieser herrlichen Stätte dar, ein beredtes Zeugnis der barbarischen, bösartigen Pietätlosigkeit der Russell. In Anwesenheit der Juden — so erzählten sie —, denen der Zugang zur Synagoge während der ganzen Russenherrschaft verlvehrt wurde, ist die Synagoge geplündert und entweiht worden. Als ich einen unserer Brigadiere besuchte, um ihn zum großen Erfolge seiner Truppen zu beglückwünschen und dabei das Bedauern ausdrückte, daß die frommen Landsturmleute schon lange keinen gemeinsamen Gottesdienst hatten, da meinte er: „Die zerstörte Synagoge in Tuchow hat Ihre Glaubensgenossen am besten zum Kampfe angeeisert." Die jüdische Bevölkerung wurde drangsaliert, weil in jedem 'Juden infolge seiner aufopferungsvollen patriotischen Haltung ein österreichischer Spion gesehen wurde. So mancher wurde plötzlich entführt und ist spurlos verschwunden, die anderen wurden jeden Tag mit Deportation bedroht. Anschlagzettel an den Straßenecken, die noch zu lesen waren, bestätigten ihre Aussagen. „Die Erfahrungen des Krieges haben uns die feindselige Haltung der jüdischen Bevölkerung Polens, Galiziens und der Bukowina deutlich gezeigt. Jedesmaliges Verlassen dieses oder jenes Rayons uttd dessen Einnahme seitens unseres Gegners führt zu heftigen Maßregeln gegen die mit uns sympathisierende Bevölkerung, gegen welche die Juden sowohl die Oesterreicher als auch die Reichsdeutschen aufhetzen. Um die uns ergebene Bevölkerung vor Grausamkeiten und unsere Truppen vor Spionage, welch letztere ' die Juden auf der ganzen Front ausüben, zu beschirmen, hat der allerhöchste Armeekommandant durch einen Erlaß das Verbleiben der Juden im Rayon der Armee und deren Zutritt im Rayon westlich der Stadt Jaroslau verboten und behufs Verhinderung eventueller Verleumdungen der friedlichen, mit uns sympathisierenden. Bevölkerung wie auch der jüdischen Spionage anbefohlen, Geiseln zu nehmen. Für jeden seitens der Oesterreicher oder der Deutschen beftrafteu friedlichen Bewohner und für jeden gefangenen jüdi-

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