Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 25 (18.6.1915)
- Date
- 1915-06-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Mr. 25 Iayrgang XXXII Zentralorcjan für die gesamten Unteressen des Judentums. --ooc- Wien. 18. Juni 1915 Lrscbetnr jeden Freitag. Brief-Ad reffe: Wien, H/i, Praterstraße 9. Telegramm-Adresse: Bloches Wochenschrift, Wien. K. k. PostfxsrkraffrnkMt Clearing-Verkebr Mr. 810.976. Red aktton und Administration: Wien II/i, Praterstraße 9. Telephon 45.359. OG ~ ■= . =DO Vexiigspreis für Oesterreich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für das Ausland: Halbjährig lO Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 2mal gsspal tene Petitzeile 48 Heller. _ oO—.- - —QÖ Ä Inhalt: Leitartikel: lll. Brief des Feldrabbiners Dr. Tauber. — Kriegsdekoratiouen jüdischer Offüiere und Soldaten. Weitere Auszeichnungen Zum Tode Ernst Reichls. Dr. Max Rappaport. In der Gefangeuschasr gestorben. Josef Fürst. Oberleutnant Theodor Hein. Aus dem Feldpostbrief eines jüdischen Reserveleutnants. Heldentod des Malers Egon Sternseld. — Aus der u n g a r i s ch eu R e i ch s h ü l f t e : Soldatenblut. Auszeichnungen. Angenehme Enttäuschung. Jüdische Familien im Felde. Gedenlsteui für die jüdischen Helden des Jahres 1848. Auszeichnungen jüdischer Krieger mit dem Eisernen Kreuze. Befördert. Sonstige 'Auszeichnungen. England wird russisch! Die Stadtverordnung in Dortmund und die rnssiscben Juden. Die deutsche Militärverwaltung human gegen russisch-jüdische Gefangene. — Korrespondenzen: Kundmachung der Przemysler Jsraelitengemeinde an den Kaiser. Tie Huldigung der israel. Kultusgenieinde in Strhj. Beglückwünschung des Erzherzogs Friedrich anläßlich der Befreiung Stanislaus von den Russen. 2lnfrnf der Sektion Kinderfürsorge der „Weiblichen Fürsorge". Bitte um Rollstühle und Tragsessel für die Verwundeten des Kaiser Franz Josef-Ferienheims! Spenden für die notleidenden Juden in Palästina. Ausruf! Kaiser Franz Joses I.-Jubiläums-Frauenverein. Vermischtes. — Feuilleton: An jenem Peffach-Abend. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. II. Krief des Feldrabbiners Dr. Tauber. Standort, am 1. Juni 1915. Lieber Herr B . . . .! Wie ich Ihnen versprochen habe, will ich Ihnen meine weiteren Eindrücke in meiner Amtstätigkeit Mitteilen, weil ich weiß, daß Sie alles, was jüdisch ist oder mit dem Judentum im Zusammenhänge steht, mit dem größten Interesse verfolgen. Es war am lag-b'omer (2. Mai), dem jüdischen Waffenfest, als die großangelegte Offensive gegen die stark befestigte Front der Russen in Westgälizien ansetzte. Es ist Sitte, daß an diesem Tage die Schulkinder aus den jüdischen Chedarim mit Bogen und Holzgewehr ins Freie geführt und Kinderspiele mit Schießübungen abgehalten werden — eine schöne Erinnerung an die politische Selbständigkeit der Juden, die sie oft mit der Waffe verteidigen mußten. Die Volkstradition feiert auch am lag-b’omer den Todestag eines unserer großen Helden aus der Römerzeit, der infolge seiner feindlichen Gesinnung gegen Rom viele Jahre in einer Höhle vor der Rache der römischen Regierung Zuflucht suchen mußte. Zimon den Jochaj ist der Held des Tages. Für diesen Tag war ein Feldgottesdienst auf dem von mir angelegten jüdischen Soldatenfriedhof in Zakliczyn angesagt. Nur ein kleines Häuflein von Soldaten war versammelt, alle anderen standen bereits im blutigen Kampfe mit dem Feinde. An diesem 1ag-bwm6r waren die Großen ins Freie ausgezogen, um unseren grimmigsten Feind zu schlagen. Es war ein herrlicher, warmer Frühlingstag. Die Sonne neigte sich bereits dem Westen zu — blutigrot. Wir verrichteten das Minchah-Gebet, dann feierte ich in einer Ansprache, an die heldenmütigen Kämpfe aus der Bar- Kochba-Zeit anknüpfend, die im Felde kämpfenden, wie auch die auf diesem Friedhof ruhenden, für Kaiser und Vaterland gefallenen Helden. Eine feierliche Stimmung, wie ich sie selten erlebt habe, herrschte in unserem kleinen Kreise, wir fühlten, daß mit der frischen Mailuft in uns die Hoffnung auf einen baldigen, endgültigen Sieg einziehe. Zum Schlüsse priesen wir an den Heldengräbern die Größe und Heiligkeit Gottes: Jisgadal weiislvadasch schmeh rabboh. * In der Sanitätsanstalt, wo sich der Feldrabbiner während des Gefechtes aufzuhalten hat, herrschte fieberhafte Tätigkeit. Alle Vorbereitungen zum Empfang der Verwundeten wurden unter der energischen und ruhigen Leitung des Stabsarztes Dr. B e i g e l von den pflichteifrigen, aufopferungsvollen Aerzten getroffen. Bald kamen auch von allen Seiten die Verivundeten, um nach der ihnen noch hinter der Front zuteil gewordenen ersten Hilfe, in der Anstalt untersucht und verbunden zu werden. Viele kamen zu Fuß, den Arm in der weißen Binde oder einen Verband um die Stirn; die anderen wurden in LandeSfuhren oder in Wagen des Roten Kreuzes eingebracht — es waren Schwerverwundete: Kopf-, Bauch- oder Fußschüsse mit Knochenfraktur. Wie ein Alpdruck lastete es auf meiner Brust, als ich die vielen Verwundeten sah. Eine Frage drängte sich mir mit unwiderstehlicher Kraft auf: Muß daS sein? Müssen so viele leiden? Wie lange noch werden wir auf die Erfüllung der Prophetenverheißung eines ewigen Weltfriedens warten? Mil gespannter Aufmerksamkeit, Kaltblütigkeit und bewunderungswürdiger Raschheit malten die Aerzte ihres schweren ÄmteS. auf die augenblicklich möglichst richtige Behandlung der V e rletzung hauptsächlich bedacht, der Feldkurat dagegen wendet sich an die Person des Verwundeten. Die geringste Aufmerksamkeit, eine kleine Liebesgabe, eine Erfrischung oder eine Zigarette erfreut schon den Verwundeten, vor allem aber die persönliche Teilnahme des Feldrabbiners an seinem Geschicke. Tie Verwundeten haben ein Bedürfnis, sich auszusprechen.