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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-06-11 · 24 (11.6.1915) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
24 (11.6.1915)
Date
1915-06-11
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Dr. Blach's Wochenschrift Seite 451 Nr. 24 ZU treffen. Und sie erzählten von „j eit em Pessach - Eben d", da Israel auszog aus Aegypten, und von den Wundern, die der Herr gezeigt. Lange währte die Er-? zghlung^ zu lapge für R. Josua, der 70 Jahre alt war pnd den Seher bis in die späte Nacht noch nie gefeiert hqtte. Bilder ans der Vergangenheit mengten sich mit der traurigen Gegenwart, und bald trug die rege Phantasie den gewaltigen M. Wba b. Josef in die verheißungsvolle Zukunft'. Als daher einer der Lehrer den Segensstzruch über den Wein zu rezitieren begann, erhob sich Mba von seinew Bettgelage und schlflß den Segen mit folgendem Auslaut: „Also mögen wir qndereFesttgge erleben, die über uns kommen in Frieden, uns freuen, wenn Deine Stadt erbaut ist, und wir frohlocken in Deinem Dienste; dort werden wir von den Opfern essen, deren Blut die Wand Deiner Altäre besprengt, und ein n e u e s L i e h. D i r a n st i m in e n auf unsere Erlösung." Ungeduldig stand der Jünger Schar vor dem Hause und wartete den Entschluß der Meister ab. Eine Stunde verging nach der zweiten, die Sterne gingen auf und erblaßten, bald wurde der Himmel im Osten blutigrot. Zu lange war den Jüngern das Warten, schnell wurde die Tür in die hellbeleuchtete Wohnung Akibas geöffnet und den Lehrern zugerufen: „Raboseinu, es graut ja draußen, so hell ist es, daß man das Morgengebet verrichten dürfte." Das wirkte entscheidend, das Losungswort der Freiheit war gefallen und bei offenen Türen sangen Lehrer und Schüler das Revolutionslied des Psalmisten, die Marseillaise jener Tage: „Schütte aus deinen Zorn über die Völker, die Dich nicht erkannt haben, und über die Nationen, die Deinen Namen nicht anrufen, denn gefressen haben sie Jakob und sein Heiligtum entweihet . . ." Das Lied schallte rings umher, tausendfach niehrte es das Echo und trug es in die Wälder und Fluren Judas. Und aus Jfjenem’ Pessach-Abenh" ward „jener Pessach-Morgen"; hell leuchtete die Sonne der Freiheit auf die greisen Lehrer und die jungen Schüler, der Bruch mit Rom war fertig, es gab kein Zurück mehr. An der Spitze der tapferen Scharen stand ein Held ohne Furcht: Simon, der Sternensohn Bar Kochba; drei Jahre versuchte er, den Feind aufzuhalten und die Unabhängigkeit Judäas zu währen. Aber der römische Adler war zu stark, seine Kraft zu groß, als daß ein Häuflein noch so tapferer Männer ihm die Schwingen brechen konnte, und Bar Kochba fiel als Held auf den Zinnen Betars und mit ihm wurde die letzte Hoffnung des jüdischen Staates zu Grabe getragen. II. Ein kleines Büchel blieb aus dem gewaltigen Ringen, winzige Blätter sind Zeugen übermenschlicher Anstrengungen. In ihnen — wie richtig der Forscher dieser Dinge bemerkt*) — sind bie Erzählungen au§> jenem Pessach-Abend, da Israel aus Aegypten zog, mit den Berichten über jenen Pessach-Abend, an dem Bar Kochba sein schneidendes Schwert wider Roms Druck und Herrschaft erhob, vermengt. Es ist die Ha gada für Pessach, vielleicht das einzige. und bestbekannte liturgische Buch für das jüdische Haus. Diese Hagada blieb in der Hand des Juden, als er endgiltig sein Heimatland verließ und in den schwarzen Abgrund des Mittelalters, der Ghetti und der engen Gassen, des Hasses und des Aberglaubens hinunterstieg. Hier, im Raume ohne Luft und ohne Licht, feierte der Jude sein Pessachfest und las seiner Familie hie Hagaha vor, und brachte ihr in Erinnerung die Ereignisse „aus jenem Pessach- Abend" Aegyptens und aus dem vergessenen und unverstandenem Pessach-Abend des Jahres 132 n. Ehr. Und er las die Ausführungen der Bibel über die Plagen Pharaos und in demselben singsangton die Tischreden R. Akibas, er öffnete die Tür und sang die Marseillaise Bar Kochbas und begrüßte gleichzeitig mit dem gefüllten Becher den langersehnten Propheten Eliah. Aber Eliah der Prophet ließ und läßt lange, auf sich warten und statt seiner traten oftmals in die festlich geschmückte Stube gar andere Gestalten und brachten ihm Unheil in die Familie und in die Familie. Heinrich Heine erzählt in seinem Fragment „Ter Rabbi von Bacharach" gar meisterlich in seiner Art eine derartige Szene, die „an jenem Pessach- Abend 1287", laut Ueberlieferung, alle Juden Bacharachs ins Unglück stürzte.*) „Im großen Saale seines Hauses saß einst Rabbi Abraham und mit seinen Anverwandten, Schülern und übrigen Gästen beging er den Abend des Pessachfeftes. Im saale war alles mehr als gewöhnlich blank, über den Tisch zog sich die buntgestickte Seidendecke, deren Goldfranzen bis aus die Erde hingen, traulich schimmerten die Tellerchen mit den symbolischen Speisen, sowie auch die hohen weingefüllten Becher, woran als Zierat lauter heilige Geschichten von getriebener Arbeit. . . Der zweite Becher war schon eingeschenkt, die Gesichter und Stimmen wurden immer heller und der Rabbi, indem er eines der ungesäuerten Osterbrote ergriff und, heiter grüßend, emporhielt, las folgende Worte aus der Hagada: „Siehe, das ist die Kost, die unsere Väter in Aegypten genossen. Jeglicher, den es hungert, er komme und genieße; Jeglicher, der da traurig, er komme und teile unsere Pessachfreude . . ." Da öffnete sich die Saaltür und herein traten zwei große blasse Männer, in sehr weite Mäntel gehüllt, und der eine sprach: „Friede sei mit Euch; wir sind reisende Glaubensgenossen und wünschen das Pessachfest mit Euch zu feiern!" Und der Rabbi antwortete rasch und freundlich: „Mit Euch sei Friede, setzt Euch nieder in meiner Nähe!" Die beiden Fremdlinge setzten sich alsbald zu Tische und der Rabbi fuhr fort im Vorlesen. Derweil die schöne Sara andächtig zuhörte und ihren Mann beständig ansah. bemerkte sie, wie plötzlich sein Antlitz in grausiger Verzerrung erstarrte, das Blut aus seinen Wangen und Lippen verschwand und seine Augen wie Eiszapfen hervorglotzten; aber fast im selben Augenblick sah sie, wie feiste Züge wieder die vorige Ruhe und Heiterkeit annahmen. wie seine Lippen und Wangen sich wieder röteten, seine Augen munter umherkreiften, ja wie sogar eine ihm sonst ganz fremde, tolle Laune sein ganzes Wesen ergriff.... Immer unheimlicher ward es der schönen Sara bei dieser krampfhaft sprudelnden Lustigkeit ihres Mannes und, beklommen von namenloser Bangigkeit, schaute sie in das summende Gewimmel der buntgeleuchteten Menschen, die sich behaglich breit hin- und herschaukelten, an den dünnen Pessachbröten knusperten, oder Wein schlürften, oder mit einander schwatzten, oder laut sangen überaus vergnügt. Da kam die Zeit, wo die Abendmahlzeit gehalten wird; alle standen auf, um sich zu waschen, und die schöne Sara holte das große silberne, mit getriebenen Goldfiguren reichverzierte Waschbecken, das sie jedem der Gäste vorhielt, während ihm Wasser über die Hände gegossen wurde. Als sie auch dem Rabbi diesen Dienst erwies, blinzelte ihr dieser bedeutsam mit den Augen zu und schlich sich zur Tür hinaus. Die schöne Sara folgte *) ©uttmann Samuel: Pämictur noe sederowa. ) Ich gebe es gekürzt wieder.

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