Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 22 (28.5.1915)
- Date
- 1915-05-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr.22 Dr. Bloch's Wochenschrift Se^te 405 davon abgesehen werden, diesen Mädchen den Genuß der in der Schule zubereitelen Speisen zuzumuten. Wir ersuchen, diesem Wunsche entsprechend künftighin zu verfahren." Km Jeldpostörief aus dem italienischen Kriege im Zayre 1848. Piave, den 10. September 1848. . Teuerste Geschwister! Mit größtem Vergnügen habe ich den Brief von Euch anr 10. September erhalten, aber in einem schlechten Zustand. Ich war zehn Tage im Spital mit Fieber. Ich bin herausgekommen, aber leider mußte ich aufs neue retour ins Spital nach Padua gehen, denn das Fieber hat mich stark angegriffen. Solange wir noch zurücktvaren, wo das Wasser noch ziemlich gut war, bin ich immer in einem gesunden Zustande gewesen. Jetzt aber, weil wir nächst Venedig stehen und das Wasser nicht zunr Trinken ist, so ist' bereits eine halbe Kompagnie im Spital, denn das Meerwasser darf der Mensch nicht trinken, sonst muß er sterben. Gott weiß, wie es später gehen wird. Ich Möchte vom Herzen gerne den Brief in meiner eigenen Handschrift schreiben, es ist aber jetzt bei mir unmöglich, denn ich bin sehr schwach und dabei ganz hin. Ich hoffe, daß mich vielleicht unser Herrgott wieder gesund macht. Ich war überall und alle Schlachten habe ich mitgemacht und ist mir nichts geschehen. So hoffe ich, daß mid) unser Herrgott nicht verlassen wird. Neues schreibe ich Euch, liebe Geschwister, daß das Land Italien ganz unser ist bis auf Venedig, und das muß in kurzer Zeit ein Ende nehmen, denn von keiner Seite kommt etwas herein. Uebrigens wünsche ich Euch ein gutes neues Jahr,' es ist mir leid, daß ich die Feiertage nicht halten kann. Ich grüße alle guten Freunde. Juda Kobler aus Mißlitz liegt auch hier im Spital. Schreibt mir nach Padua. Ich verbleibe Euer treuer Bruder Hartwig G r o ß h e i m. Der Schreiber dieses Briefes, Hartwig Großheim ans Mißlitz in Mähren, ein Onkel des Hof- und Gerichts- Advokaten Dr. Hartwig Weng er in Wien, kämpfte damals mit tausend anderen Juden unter den siegreichen Fahnen Radetzkys. Kaddisch im Schützengraben. Von Dr. Oskar Faludi. Es war in Galizien anläßlich der großen blutigen Zusannnenstöße. Eingegraben feuerten wir auf die Russen und warteten im Schützengraben auf den Tod. In solcher Zeit hat man weder Muße noch Lust, Freundschaften zu schließen, besonders hatten wir noch damals keine Lust hiezu, als wir Tag um Tag in neue Stellungen vorwärtsgingen und kaum Gelegenheit hatten, an einem Orte unS für einen längeren Aufenthalt einzurichten. Die Ä>anitätsnmnnschaft trug die verwundeten Soldaten nach hinten auf den Verbandsplatz. Manchen verbanden wir selbst die Wunden und wem es der Allmächtige beschieden hat, 'sein Leben hier in der Verteidigung seines Vaterlandes zu beschließen, den begruben wir hier in der galizischen Ebene tränenden Auges, aber wahrlich, oft auch ohne jede Zeremonie. Eines Tages — ich erinnere mich — es war an einem Donnerstagabend, kam zu uns ein bis zum Halse kotiger Soldat mit aufgebundenem Arm. Sein Gesicht war gleich dem meinigen von einem mehrwöchigen Bart bedeckt, seine Schulter trug das Gewehr und bloß daran erinnere ich' mich kncht genau, ob er Zugsführer oder Korporal war. Er frug mich: „Bist du Jude, Kamerad?" Ich antwortete: „Ja. Warum fragst du?" — „Ich will für meinen verstorbenen Vater Kaddisch sagen und das Minjan ist nicht beisammen. Drei Mann warten schon auf Inich, es fehlen noch sieben. Möchtest du nicht mit mir kommen?" Ich bat meinen Fähnrich, der damals Abteilungskommandant war, um die Erlaubnis, mit meinem verwundeten Kriegskameraden zu diesem Gelegenheitsgottesdienste gehen zu dürfen. Es war bereits Abend, in der Umgebung der Schützengräben war es still, der Feind jenseits des kleinen Baches verhielt sich gleichfalls ruhig. Mein Abteilungskommandant erhob keine Einwendung dagegen, daß ich mich entferne, legte es mir nur ans Herz, ruhig und schleichend fortzukommen. In ineiner Abteilung brachten wir noch vier Juden zusammen, einen Raseur, einen Handlungsgehilfen, einen Gutsverwalter und einen Beamten, und wir fünf gingen weiter. Die noch fehlenden Personen fanden wir auch bald, zwei beim Train und einen am Verbandplatz. Langsam auf der Erde kriechend, kamen wir vorwärts, etwa 200 Schritte zum rechtsliegenden Schützengraben. Dort zündeten wir eine Kerze an und damit der Feind das Kerzenlicht nicht bemerke, gruben wir ein eigenes Loch im Graben, und dort flimmerte, fern vom heimatlichen Boden, die Kerze für das Seelenheil des im Pester Friedhofe ruhenden 'Börsekommissionärs. Diese halbe Stunde, welche ich hier im Schützengraben verbrachte, ist die unvergeßlichste Erinnerung meines Lebens. Ich war in großen Tempeln, in blutigen Schlachten, achtmal wurde ich wegen meiner auf dem Kriegsschauplätze erhaltenen Wunden und Krankheiten operiert, ich stürmte vorwärts, sah Menschen neben mir fallen, hörte die letzten Seufzer der sterbenden, vergoß mehr als eine Träne bei der Bestattung der Leichen lieber Kameraden, aber jene zwei Kerzen und die aus dem Herzen quellenden betenden Stimmen kann ich niemals vergessen. Auf dem Bette im Spitale, wenn mich Fieberträume quälten, sah ich immer das Bild vor mir: lieber uns blickte das Firmament mit seinen Millionen Sternen auf uns herab, um uns schliefen Soldaten, halbwach ihre Leiber zusammengezogen und erschöpft, etwas weiter warfen die Geschosse von Leuchtpistolen ihren Schein auf verfaulte Baumstümpfe, nicht weit von uns glänzte der Bach, dessen Wasser von ach so vielem Blute rot gefärbt war, einige Tage später dröhnte das dumpfe Rollen der Geschütze zu uns herüber und hier unten unter der Erde sprachen zehn jüdische Soldaten bei dem Scheine zweier Kerzen, vollständig bewaffnet, mit tränenden Augen: „Jisgadal wejiskadasch scheine rabo. . ." Dann erinnere ich mich genau: wir hatten das Gebet noch nicht beendet, da platzte neben uns ein Schrapnell, erst eines, dann kam das zweite und wir zehn jüdischen Soldaten wichen nicht von dannen, sondern beteten weiter, ruhig, traurig, als ob das Gebet nicht nur jenem einen Menschen gelten würde, sondern jenen Hunderttausenden und Millionen, von denen nach Jahren der Sterbetag nicht wird genau festgestellt werden können, und die unter unbezeichneten Hügeln auf allen Teilen dieses Kontinents ihre ewige Ruhe gefunden haben. Erst als das Gebet sich seinem Ende näherte, bemerkten wir, daß ein Soldat auf uns zukam. Es war der Kommandant einer Kompagnie, der erst vor kurzem zum Hauptmann befördert wurde, und von dem wir wußten, daß sein Vater noch unserer Glaubensgemeinschaft angehörte, sein Sohn aber vor Jahren den Glauben seiner Väter verließ. Er schien nicht zu bemerken, zu welchem Zioecke wir hier so beisammen sind, er sprach wohl kein Wort, holte aber seine Zigarettentasche hervor, steckte eine Zigarette in den Mund und ging zu den zwei Kerzen. Er wollte anrauchen. Einer von uns erhob sich nun und sprach: