Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 21 (21.5.1915)
- Date
- 1915-05-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Sette S8S Nr 21 Dr. Bloch's Wochenschrift sten Instinkte gegen einen Teil der Bevölkerung wachrufen, nur deshalb, weil sie Juden sind. Wer alle Regierungen und alle Staaten, in denen solche Verhetzungen geduldet wurden, haben es dann bitter bereut. Die bösen Geister, die sie untätig wachriefen, und gegen Juden poltern ließen, konnten nicht mehr gebannt werden. Sie ließen sich aber auch kein Ziel diktieren. Die einmal bei Juden mit Duldung der Regierung gestillte Raublust Machte selten bei den Juden Halt, sie erwies sich unersättlich und hieß jede Gelegenheit und jeden Vorwand willkommen, um zu rauben, plündern und brennen. Auch der englische Mob ist Nicht anders wie der russische. Die niedrigen Instinkte in der unteren Schichte des englischen Volkes offenbaren sich nicht weniger grausam als diejenigen der russischen. Laut einzelnen Berichten soll es in dieser Heldenschlacht in den einzelnen Städten Englands auch Tote geben. Warum denn nicht? Auch England wird es noch am eigenen Leibe erfahren, daß diese raubenden Männer, Frauen und Kinder, welche ihre Körbe, Taschen und Handwagen mit geraubtem Gut vollgestopft heimschafften, sich mit diesem einen Raubzug nicht begnügen werden. Die Duldung dieser Ausschreitungen wird sich noch bitter rächen. Genau so, wie sie eine Konsequenz der Duldung der antisemitischen Verhetzungen ist. Es war überall so, und es wird auch in England nicht anders kommen. Jahresversammlung -er „Israelitische« Allia«;" in Wie«. (Unter dem Vorsitze des Ministerialrates Reichsrats-Abgeordneten Kamill Kuranda.) Die Wiener „Israelitische Allianz" hielt Montag, den 17. Mai, abends 6 Uhr, im Sitzungssaale der isr. Kultusgemeinde die diesjährige Generalversammlung ab. Der Vorsitzende und Leiter der Generalversammlung war in Verhinderung des Präsidenten Herrn Dr. Alfred Stern Reichsratsabgeordneter Ministerialrat Kamill Kur an da, der zu Beginn der Sitzung ein ausführliches mit vielem Beifall aufgenommenes Expos« über die reiche Tätigkeit der Allianz in diesem schweren Kriegsjahr vor den Zuhörern entwickelte. Ueber den Verlauf der Versammlung werden wir in der nächsten Nummer berichten. Dem interessanten Jahresbericht entnehmen wir folgende Abschnitte: Repatriierung russischer Glaubensgenossen. Da der Ausbruch des Krieges Ende Juli vorigen Jahres gerade zu einer Zeit erfolgte, in der alljährlich zahlreiche osteuropäische Glaubensgenossen aller Stände in westlichen Kurorten Heilung suchen, wurde die plötzliche Stockung des gesamten internationalen Verkehres und namentlich die Sperrung der Verbindungen nach Rußland zu einer wahren Katastrophe für viele Tausende, ahnungslos von ihrer Heimat abgereiste, an österreichischen Erholungs- und Heilstätten weilende Juden. Namentlich in den böhmischen Bädern befanden sich große Scharen zum Teile wohlhabender, aber mit einem Schlage in eine mißliche Lage geratener, teils von Haus aus wenig bemittelter Glaubensgenossen, deren Lage noch dadurch verschlimmert wurde, daß sie zu ihren Angehörigen im Ausland keine Beziehungen erlangen konnten. In Marienbad, Karlsbad, Franzensbad und anderen Erholungsorten bildeten sich Hilfskomitees, welche mit uns in Verbindung traten. Wir intervenierten zunächst bei den Behörden zugunsten derjenigen Personen, zu deren Internierung als Zivilgefangene kein Anlaß vorlag, damit diesen Passierscheine zur Rückkehr nach Rußland auf dem Umwege über Rumänien ausgefolgt werden. Wie so oft, konnten wir auch bei dieser Aktion die weitgehende Humanität unserer Staatsbehörden konstatieren, welche in richtiger Würdigung des Umstandes, daß gerade die jüdischen Untertanen des Zaren, welche in ihrer Heimat als rechtlose Parias behandelt werden, nicht die mit uns kriegführenden Feinde repräsentieren, der Repatriierung der von uns an den Bahnhöfen übernommenen zahlreichen Gruppen von Kurgästen keine Schwierigkeiten in den Weg legte^ Es galt aber nicht bloß diesen in eine bedauernswerte Situation geratenen Angehörigen eines feindlichen Staates moralischen Schutz zu bieten und für sie bei den Behörden zu intervenieren, sondern es mußte auch den in eine finanzielle Notlage gelangten Personen eine Unterstützung zur Heimreise gewährt werden. Während der ersten Wochen des Krieges bildeten die Intervention für die täglich unser Bureau füllenden, um Rat, Schutz und materiellen Beistand flehenden ausländischen Glaubensgenossen und die Veranstaltung von Gruppentransporten zur Heimreise einen Hauptgegenstand unserer Hilfstätigkeit, wobei die israelitische Religionsgemeinde in Budapest in dankenswerter Weise mit uns im Einvernehmen wirkte. Zurückgebliebene Emigranten. Der geschilderten Kategorie hilfsbedürftiger ausländischer Juden schloß sich eine zweite als Opfer des Kriegsausbruches an: die der Emigranten aus Rußland und Rumänien, welche sich bereits im Besitze von Schiffskarten befanden und auf eigene Kosten oder mit unserer Unterstützung nach den Hafenstädten zu reisen, im Begriffe waren. Viele andere warteten in Wien auf Schiffskarten, welche sie von ihren Angehörigen erhalten sollten. Durch die Einstellung des Auswanderungsverkehres und die ungeheure Erschwerung der Korrespondenz sowohl mit den östlichen Ländern, wie mit Amerika, durch das Ausbleiben von Dokumenten und Geldsendungen blieben zahlreiche Familien mit Frauen und Kindern mittellos in Wien und suchten in der „Israelitischen Allianz" ihren einzigen Rettungsanker. Es blieb uns in Ermanglung jedes anderen Ausweges nichts anderes übrig, als diese Familien für unsere Rechnung unterzubringen und zu verpflegen. Ein Teil dieser unserer Schutzbefohlenen konnte nach mehreren Monaten mit großen Kosten nach .überseeischen Zielen oder in die Heimat zurückbefördert werden, für andere hatten wir die Unterhaltskoften bis zum Schlüsse des Berichtsjahres zu tragen. Flüchtlingsfürsorge. In unvergleichlich größerem Maße sollte einige Wochen nach Kriegsbeginn die Aktion für die FlüchtlingeausGalizienundderBukowina unseren Verein in Anspruch nehmen. Schon in den ersten Tagen des September richtete an uns das k. u. k. Kriegsüberwachungsamt das Ersuchen, bei der Unterbringung einiger tausend jüdischer Flüchtlinge, die aus Oftgalizien erwartet wurden und für welche ein Aufenthalt in Mähren in Aussicht genommen war, mitzuwirken und die Staatsbehörde bei den Fürsorgemaßnahmen zu unterstützen. In diesem Ansangsstadium der nachher ins riesenhafte gewachsenen Bewegung war noch kein Raum für Verhandlungen darüber, in welchem Umfange sich die kompetenten Staatsstellen die Fürsorge angelegen sein lassen werden und innerhalb welcher Grenzen auf materielle Beihilfe seitens der privaten Wohltätigkeit überhaupt und insbesondere seitens unseres Vereines gerechnet wird. Eines stand nur fest, daß wir in gleicher Weise vom patriotischen Gesichtspunkte, wie im Interesse der durch die russische Invasion in grauenhaftes Elend gestürzten Glaubensgenossen unsere Kräfte mit vollster Bereitwilligkeit in den Dienst dieses Werkes brüderlicher Hilfe stellen