Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 21 (21.5.1915)
- Date
- 1915-05-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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. Seite 362 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 21 vollen Worte entsprangen auch keinem schwachgewordenen Herzen, sondern dem starken Gefühle, das diesen Mann beseelt, und seinen Geist veredelt. Hier war Rührung mit machtvollem und gebieterischem Sinne gepaart; die stolze Gebärde des sic vglo sic jubeo nur in die Form der bittenden Mahnung gekleidet;. der impulsive Appell jugendlich brausender Gedanken mit überströmen- Empfindung gemengt; die Absicht, nicht so sehr ein Vermächtnis sestzulegen, als den hellen, schmetternden Weckruf eines unermüdlichen, kampffrohen Führers auszustoßen, damit die, die am. Steuer Zurückbleiben, nicht aufhörcn, es in seinem Geiste zu lenken. Und es schien, als wollte er sagen: Ich werde wachen, ich werde prüfen und werde Rechenschaft heischen. — Immerhin, es war eine packende Szene, ein unverwischbarer Pfingfteindruck, eine Stimmung, die mithinüber klingen wird aus den Drangsalen dieser stürmischen Tage in die Zeit der friedlichen Wandlung und der glücklichen Wende unseres Schicksals, als ein Angebinde an jenen Kriegs-Schewuoth, der unter Blitz und Donner die Zeichen einer neuen Zckit offenbart. Rußlands Grfotgr in — England. Mit der rohen Gewalt hat Rußland auf den Kriegsschauplätzen bis jetzt keine endgiltigen Erfolge zu erzielen vermocht. .Die Uebermacht der rohen Masse hat bisher nicht ausgereicht, um entscheidende Siege zu erringen. Fluchtartig verläßt das Moskowiterheer den Schauplatz so vieler unerhörter Gewaltakte, Galizien wird dank der überlegenen Führung der verbündeten Heere hoffentlich bald von den Russen gesäubert sein. Ist nun Väterchen Zar in Oesterreich und Deutschland kein bleibender Erfolg beschieden, so mag er sich damit trösten, daß der russische Geist, der Geist Kritisch e w a n s und Puris chkewitschs. jetzt seinen Sieges- . zug durch. das .stolze ^Albion macht,. Der freiheitliche, liberale Gedanke, der . bis vor wenigen Jahren noch die Politik und die Völker Großbritanniens beseelt hatte, hat vor dem Geist der Knute, der Verfolgung unschuldiger Menschen, dem Raube und der Plünderung fremden Eigentumes, dem Ueberfall auf wehrlose Fremde kapituliert. Wenn Zar Nikolaus heute durch das East- End von London ginge, er würde sich in seinem geliebten Kiew, im Judenviertel von Odessa oder in Bialystok, wenn nicht gar in Kischenew wähnen und würde sich stolz vor die Brust schlagen und rufen: „Das ist mein Werk, das ist mein Erfolg!" Vor neun Monaten noch mochten empfindsame Gemüter sich unbehaglich gefühlt haben bei dem Gedanken, daß England, welches stets stolz darauf,war, der Beschützer der Bedrückten und Verfolgten nicht nur im eigenen Lande, sondern auch in fremden Staaten zu sein, mit dem Pogrom^Zar eine Allianz auf Krieg und Vernichtung einging. Heute werden auch diese Anbeter von England geheilt sein. Sie werden auch die Allianz mit Rußland begreifen. Sie werden erst jetzt dessen inne werden, worauf wir in diesen Blättern schon seit Jahren wiederholt hinwiesen, daß das englische Volk sich nicht nur politisch, sondern auch moralisch dem russischen Pöbel nähere. Wir haben wiederholt daran erinnert, daß ein Teil der englischen einflußreichen Presse das englische Volk zu Pogrommachern züchte und ihnen russische Methoden der Behandlung politischer Fragen einimpfe. Die Presse in England kann nun stolz sein auf ihre pädagogischen Erfolge. Das englische Volk hat jetzt die Reifeprüfung in Russisch summa cum lande ihrer Lehrer abgelegt. Die Erziehung John Bulls für den Pogrom hat an dem Tage eingesetzt, als die große „Times" vor ungefähr sechs Jahren auf den durchaus nicht neuen Gedanken kam, den bedenklich gewordenen Abonnenten- und Jnseratenschwund dadurch auszugleichen, daß sie eine Schwenkung ins Antisemitische unternahm. Anfangs wollte sich auch diese neue Richtung nicht recht einträglich erweisen, und die „Times", einmal auf die abschüssige Bahn geraten, ließ sich konsequentermaßen in die rubelspendenden Arme der russischen Regierung gleiten. Von da ab hatten die russischen Machthaber in der „Times" eine nicht nur für die Ententepolitik, sondern auch für die russische Judenpolitik gefügige Kreatur gewonnen. Die schlauen Russen wußten ganz gut, daß die Abneigung des englischen Volkes gegen ein Bündnis mit Rußland erst dann gebrochen werden wird, wenn es zur Judenpolitik Rußlands bekehrt ist. Und in dieser Richtung hat die „Times" wahrhaftig Hervorragendes geleistet und Rußland konnte mit Befriedigung konstatieren, daß die „Times" den Schandlohn nicht umsonst eingesteckt, sondern auch wirklich schändlich gearbeitet hat. Das gute Geschäft der „Times" hat bald Neider gefunden und in England erscheint heute bereits eine mit Rücksicht auf die englische Vergangenheit beträchtlich zu nennende Anzahl bewußt antisemitischer Blätter. Authentische Londoner Berichte besagen, daß der plündernde Pöbel den Raubzug zunächst ins Ostend, also in jenen Stadtteil unternahm, welcher zum größten Teile von Juden bewohnt wird. Juden sind auch die meisten Opfer der Ausschreitungen. Ein Vorwand hiezu war leicht gegeben, denn die Juden in diesem Stadtteile tragen ohne Rücksicht auf ihre Herkunft zumeist deutsche Namen. Sie sprechen entweder deutsch oder den deutschjüdischen Jargon. Und es ist erwiesen, daß diese Juden von christlichen Bekannten geplündert wurden, denen es bekannt sein mußte, daß die Geplünderten aus Rußland und nicht aus Feindesland stammen. Bezeichnend hiefür ist ganz besonders die Meldung eines Genfer Blattes, daß eine Anzahl jüdischer Kaufleute mit deutschem Namen im Ostend von London ausgeraubt wurden,, weil sie aus -einer „Gegend in Rußland stammten, welche mit Hilfe jüdischer Spionage von Deutschen besetzt wurde". Die wüsten Szenen, welche sich anfangs nur in London abspielten, haben im ganzen stolzen großbritannischen Weltreiche bereits Nachahmung gefunden. In Johannisburg sowohl wie in den Städten Australiens hat der Mob fürchterlich gehaust und seine Raublust ist nur schwer gestillt worden. Aber ist es nicht merkwürdig, daß alle diese Pogroms nach russischem Muster zugeschnitten sind? Hat man nicht das Gefühl, einen alten Bericht aus Kischenew zu lesen, wenn man erfährt, daß in London, in Johannisburg, in Leed usw. diese Pogroms von langer Hand vorbereitet, gut organisiert waren und daß die Rädelsführer dieser Ausschreitungen an der Hand einer genauen Wohnungsliste der zu Ueberfallenden vorgingen? Wähnt man sich nicht in die Zeiten von Bialystok, Kiew und Odessa anno 1905 zurückversetzt, wenn man liest, daß die mächtige englische Polizei, diesem Treiben raublustiger Gesellen machtlos zusah? Ist es nicht echt russisch, all zu russisch, wenn die englische Regierung, anstatt diese Empörung gegen Recht -und Ordnung niederzudrücken, anstatt unschuldige wehrlose Menschen zu beschützen, diese armen Menschen dem über die Mißerfolge der Regierung sowohl aus dem Kriegsschauplätze als auch bei den Neutralen bitter enttäuschten Volke als Raubbeute überläßt? .Ist es nicht russisch, echt russich, daß die englische Regierung, anstatt die Räuber und Plünderer hinter Schloß und Riegel zu bringen, die Beraubten, schutzlos Ueberfallenen einsperrt? In England hat sich das wiederholt, was wir in anderen Staaten schon so oft erlebt haben. Kurzsichtige Regierungen sehen gleichmütig zu, wie unverantwortliche Elemente die Hetze Legen die Juden schüren, die böse-