Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 20 (14.5.1915)
- Date
- 1915-05-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 366 Dr. Bloch's ungefähr siebenjährigem Aufenthalte in der Anstalt zu einem Handwerker, Kaufmann oder Gewerbetreibenden in die Lehre gegeben. Der Besserbefähigte wird behufs Absolvierung einer Handelsschule, bezw. einer Gewerbeschule .unterstützt. "Hervorragettd begabte Schüler können einige Klassen der Mittelschule besuchen. In jedem Falle nur, bis diese Zehn Jahre vorüber sind. Mit diesen Opfern werden sich die Gemeinden an den Zöglingen tüchtige und dankbare Mitglieder erwerben. Damit der Plan verwirklicht werde, muß zuvor ein Zentralamt geschaffen werden, bei dem die Waisenknaben (Mädchen sind hier nicht ins Auge gefaßt) im Alter von sechs Jahren anzumelden sind. Das Zentralamt hat alle Formalitäten zu erledigen. Es hat die Kinder der sich um Aufnahme bewerbenden Mütter oder Vormünder den einzelnen Gemeinden, die sich zur Führung und Erhaltung einer Anstalt bereitfinden, zuzuweijen. Es fällt ihm ferner zu, eine Kontrolle über die Komitees der in den einzelnen Städten geschaffenen Waisenhäuser zu führen, sowie eventuelle Fehlbeträge durch Aufrufe und Veranstaltungen hereinzubringen. Kleine Gemeinden sollen dem Zentralamt einen Jahresbeitrag widmen, um sich von der, der ganzen vaterländischen Judenheit obliegenden Pflicht loszukaufen, wenn es ihnen an den erforderlichen Vorbedingungen für die Etablierung einer Erziehungsanstalt fehlt. Junggesellen und ' kinderlose Ehepaare werden sich gerne selbst besteuern und dem Zentralamt hilfreiche Hand bieten. Es ist ja nicht in Abrede zu stellen, daß die Glaubensgenossen in den vom Kriege direkt nicht betroffenen Kultusgemeinden keine geringe Last an der Flüchtlingsfürsorge haben. : Aber diese Last, ist vorübergehend und wird, wie wir alle zuversichtlich hoffen, durch einen baldigen Sieg unserer gerechten Sache und durch einen glücklichen Friedensschluß aufhören. Diese Gemeinden werdmsich -dann rasch erholen, ,Für. bst, schlechte, .Zeit wird ihnen eine günstigere Konjunktur reichliche Entschädigung bringen. . Diese jüdischen Kriegs-Waisenhäuser sollen den glorreichen Namen unseres erhabenen Kaisers tragen, dessen Losungswort seit dem Jubiläum des 60. Regierungsjahres „Für-das Kind" lautet. Ein „Israelitisches Kaiser Franz Josef-Kriegs -Waisenhaus"/ wenn auch nur ein Dezennium bestehend, welch' eine Ehre-und welch' ein Monument der Humanität der Kultusgemeinden!! Die in solchen Häusern erzogenen Knaben werden stets von dem Bewußtsein begleitet sein, daß man sich in Anerkennung der Hingabe ihrer Väter für Kaiser und Reich deren Kinder in dankbarer Liebe angenommen hat, und werden darum wackere Juden sein. Wer jüdisch denkt und fühlt, dem braucht die Bedeutung der Waisenerziehung nicht weiter auseinandergesetzt zu werden. Er wird sich eins wissen mit dem Talmudlehrer, welcher den Psalmsatz: Dp (Ps. 106, 3) „Er übt Wohltat für alle Zeit" auf keinen anderen Wohltäter anwenden mag, als auf denjenigen, der Waisenkinder erzieht. (Kethuboth 59 a.) Mähr.-Ostrau. ' Dr. R. Fäerber. O, diese galizische» Iudrn! Die Mqmummer der ungarisch-jüdischen Monatsrevue „Multes Jövö" enthält unter diesem' Titel interessante Aufzeichnungen des bei der 17. Landsturmdivision als Feldrabbiner in Dienst gestandenen Anton K erstes, welcher an den galizischen Feldzug tecknahm und über zwei Monate lang in russischer Gefangenschaft in Lemberg war, von wo et: am 10n November entfloh und unter großen Gefahren nach Ungarn zurückkehrte. Wochenschrift 20 „Ich halte es für meine Gewissenspslicht," so schreibt der vielerfahrene Feldrabbiner, „über unsere galizischen Glaubensgenossen einiges erzählen. Dieses Thema, ist jetzt) wo sie die in diesem gegentvürtig tobenden Welt-" kriege schon bisher die am härtesten getroffenen Opfer sind, abermals zum Wanderstab greifen müssen, sehr aktuell.. Ihr Los wird noch härter dadurch, daß gegen über den galizischen Juden nicht nur Christen, sondern auch — wozu es leugnen — ein Teil unserer Glaubensgenossen eine gewisse Animosität bekunden. Dieser Teil unserer Glaubensgenossen kennt sie nämlich nicht. Er sieht bloß, daß der galizische Jude lange Payes, langen Bart und Kaftan trägt, und auch seine Jargonsprache ist seinem Ohre ungewohnt. Als Feldrabbiner hatte ich reichlich Gelegenheit, sie gründlich kennen zu lernen. Ich befand mich vom Beginn des Krieges an auf dem nördlichen Kriegsschauplätze^ in Galizien. Die ganze Zeit meiner russischen Gefangenschaft, vom 3. September bis zum 10. 'November, habe ich sozusagen unter ihnen verbracht. Ich kann von ihnen sagen, daß sie vollständig rehabilitiert sind. Nicht nur behaupte ich dies von ihnen, sondern es können dies auch die während deö Krieges in Galizien gewesenen christlichen Offiziere, vom General angefangen, und auch die Mannschaft bestätigen.. , Als wir noch am Anfang des Krieges nach Przemysl zogen, wurden wir bei jeder Eisenbahnstation von den Payes- und Kaftanjuden mit ihren Frauen und M.üdchen erwartet. Sie brachten Blumen, Syrup, Milch, Kaffee, Obst und Zigaretten mit sich und mitvon patriotischer Glückseligkeit strahlenden Gesichtern botensie, ja zwangen sie uns auch all' das Gute auf und NnOHtzn übrigen Andersgläubigen zusammen riefen sie uns -mit gleicher Begeisterung zu: „Eljen a magyar!" undsangen die schöne Hymne der Polen. In Mosciska verkündete Oberrabbiuer Chajim Halber stamm am Freitag Abend in der Synagoge/daß es Pflicht jedes guten Juden sei, seine für den Sabbat hergerichteten Speisen mit den gerade damals in diesem Städtchen angekommenen -ungarischen Soldaten zu teilen. Unsere Honved haben sich damals tatsächlichan dem feinen Schulet der- Juden .von Mosciska, von welchen sie förmlich bestürmt wurden, sattgegessen. Nikolaus Batta, mein reformierter Kollege, .der mir mir ' war, war von der patriotischen Haltung der Juden so überrascht, daß sich seine Augen vor Rührung mit Tränen füllten. Vergebens wollte er dem jüdischen Hotelbesitzer für die vornehme Wohnung und Verpflegung bezahlen, aber jener wollte es durchaus nicht annehmen. Er verwahrte sich dagegen, von ungarischen Seelsorgern Geld anzunehmen. „Eljen a magyar!" Mit diesem Zurufe drückte er uns die Hand beim Abschiede. Ich erinnere mich ganz genau, daß Generalmajor W e e b e r, Kommandant der Kaschaüer 97. Landsturminfanteriedivision, welcher ich zugeteilt war, meinen Offizierskameraden mit der größten Anerkennung von dem seitens der galizischen Juden beobachteten Patriotismus und Opfermut erzählte. Ich sah, . wie das ganze Offizierkorps förmlich überrascht: war, daß wir bei den bei uns zu Hause so, sehr verachteten galizischen; Payesjuden nie geahnte Treue erfahren haben. Es wurde auch — wie ich gehört habe — bei anderen Truppenkörpern der Befehl .ausgegeben, daß in Galizien jeder vorsichtig in der Annahme von Speise und Trank sei. Bei den Juden hingegen, hieß es im' Befehl,. kam: jeder unbesorgt essen und trinken, denn der Jude ist verläßlich. Und so war es auch. In Galizien wurde von der Bevölkerung überhaupt nichts angenommen und wenn ja, so mußte es "der Geber selbst erst kosten, während den Juden gegenüber unsere Soldaten das vollste Vertrauen an den^Tag legten. Sie hatten es auch nicht zu bereuen.