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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-05-07 · 19 (7.5.1915) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
19 (7.5.1915)
Date
1915-05-07
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 354 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 19 Korrespondenzen. Das Jubiläum der Ringstraße im Lichte der „Reichspost". In allen Tonarten haben wir das hohe Lied edler Baukunst jubeln gehört. Die Dichter uni) Sänger derselben — es ist ja versteinerte Musik, was Hier geschaffen wurde, — bemühte man sich, den jüngsten Generationen verständlich zu machen. Wer die trostlosen Stätten gekannt hat, die den sogenannten Paradeplatz bildeten und aus welchen Ferstels Universität, Hansens Reichsratspalast und des großen Baukünstlers Schmidt Meisterwerk, das kfeenhafte Rathäusmärchen, umrahmt von einem förmlich über Nacht hervorgezauberten Park, zu ewigem Ergötzen entsprossen sind, der hat ein Stück Wunder miterlebt, und jeder Wiener, jeder Fremde steht heute unter dem Eindrücke des Fertigen. Und doch ist es nicht dieses Schmuckkästchen unserer herrlichen Stadt allein, das es hier zu bewundern gibt, sondern die Juwelen sind es, welche in diesem vollendeten Schrein geborgen lagen, die wir vor den Augen der jubilierenden Welt ausbreiten wollen. Das «erhabene Wort /aus unserer Schöpfungsgeschichte: „Es werde Licht", hier ward es von einem frommen Monarchen nach^ebetet. „Es werde Licht", beschloß Kaiser Franz Josef I., der Einzige, und es fielen die beengenden Mauern; die düsteren Wölbungen der Tore stürzten ein. Gräben wurden ausgefüllt, Schanzen abgetragen, Licht uit'b Sonne, Freiheit und Aufklärung breiteten sich aus, wo früher Mittelalter und Vorurteil von Mauern und Wällen umpanzert waren, und es war unser Heldenkaiser, welcher der Freiheit und dem Fortschritte eine Gasse schuf. Als erster kam der Großindustrielle Dräsche zu Wort, und was er sprach, das war der Heinrichshof — heute noch ein Wahrzeichen neu erstandener Bürgerhoheit. Es folgte Palast auf Palast: Tedesco, Leitenberger, Dumba, Epstein — jeder ein in Stein und Marmor gemeißeltes Patent frei gewordenen Bürgertums. Wiens vornchMster Bürgermeister, Dr. Cajetan Felder, baute uns das herrliche Rathaus - — aber persönlich konnte er es nicht lange genießen; er residierte im Palais Dreher neben der Oper und rang sich hier halb tot, weil es ihm so schwer gemacht wurde, seiner geliebten Vaterstadt ein würdiges Heim zu bereiten. Der Dank ist ihm ßricht vorenthalten worden; die Straße, welche den rechten Flügel des steinernen Liedes, das er dem dankbaren Wien dichtete, begrenzt, trägt seinen Namen, und von den Kreuzblumen der Bögen in der Volkshalle trägt eine auch sein Bildnis, ganz so wie sie Bildnisse seiner Baugegner — Ignatz Mandl und Konsorten — trugen. Professor S ue ß, diese Leuchte seiner Zeit und der Nachwelt, verlängerte das Leben; er gab dieser Stadt das Höchste, was sie auch heute besitzt — Gesundheit. Dieser Meister in der Berechnung hat sich bloß ein einzigesmal verrechnet, indem das von ihm gespendete Lebenselixier zuM großen Glücke seiner Anhänger auch an ihm sich bewährte. In Marczalva hat man dem großen Manne aus seinen Wunsch das Grab geschaufelt, aber in den Herzen seiner Zeitgenossen wurden ihm Mausoleen errichtet, von deren Höhe die Epigonen nichts ahnen. Wer vermöchte all das Große und Schöne zu schildern, das mit dem Fallen der Mauern und Wälle begann! Wohl gab es kleine Rückschläge, wie z. B. '1873, da wir die letzte Cholera- und die erste Börsenkatastrophe hatten. Doch was bedeuten solche Zwischenfälle im Laufe der Jahre und des bedeutsamen Fortschrittes? „Anlagen sind darüber gewachsen," könnte man börseumäßig witzeln. Die glänzende Kriegsanleihe, welcher die zweite folgen wird, zeigt uns die Vollreife des, frei und reis gewordenen Bürgertums, das sich nun wieder in patriotischestem Glanze erweisen wird. So und ähnlich klang und klingt es feierlich durch alle Tagesblgtter ohfne Unterschied der Parteirichtung anläßlich des Jubiläums der Ringstraße, und nun hören wir das arme Sünderglöcklein, welches die „Reichspost" läutet: „Als die große Baubewegung einsetzte, erhoffte man in Wien viel von der Behebung der Wohnungsnot. Tatsache ist, daß die Ringstraßenhäuser und deren Woh^ nungen sofort in den Besitz jener Teile der Bevölkerung übergingen, die n i ch t bodenständig waren. Die Wiener christliche Bevölkerung fand nur zum geringsten Prozentsatz dort Platz, es zeigten sich schon damals gewisse Erscheinungen, welche zu der großen Bewegung hinführten, von der in diesen Zeiten in der Presse nicht — gesprochen werden darf." Wir haben sie wörtlich zitiert, und wir sehen also in einer Zeit, wo unsere jüdischen Jungen in denselben Gräben liegen mit allen anderen tapferen Wienern, Tirolern, Ungarn, Kroaten, Tschechen, Polen, Rutheueu und sich bemühen, den Feind aus seinen Stell u n lg e n zu dräng e n, wie die „Reichspost" keine anderen Gedanken hat, als die „nicht b o d e n st ä n - d i g c Bevölkerung" a u s den Ringstraßenhäusern zu verdrängen. Das Blut jüdischer Helden vermischt sich mit dem Blute der anderen opferfreudigen Helden zum Schutze des' gemeinsamen Vaterlandes, zur Ehre unseres guten Kaisers, dessen Kind er. wir alle sind. Aber die „Reichspoft" spricht nicht von dem, was in diesen Zeiten in der Presse nicht — gesprochen werden darf. Wer sagt da, die „Reichspost" sei nicht freimütig? Sie spricht nicht freimütig, das wäre ja auch gegen ihr Programm. Sie denkt nur ein wenig laut, und „was sie denkt, ist Haß und was sie nicht ausspricht, 'ist Verdächtigung und Verleumdung", könnte man einen anderer: weltberühmten Fluch (des Sängers Fluch) variieren. Aber das braucht uns nicht zu bekümrnern. Seit Bilearns Zeiten gab es immer einen Esel, ^er mehr sah als der Seher, und auch die Flüche dieser falschen Propheten werden sich in Segen verwandeln. Nur eines muß man der „Reichspost" zugestehen: sie hält ängstlich den Burgfrieden: das Wort „Jud" kommt nicht über ihre Lippen, womit erwiesen ist: „die „Reichspost" ist ein ehrenwertes Blatt". Bernhard Reich. Kartofsk(pessachaktion der „Weiblichen Fürsorge". Nachträglich, sind noch! an Spenden bei uns eingelangt: 25 Kr. 1. Hümboldtloge in Neisse; Frau Caroline Re sch; 20 Kr. Herr David Hartenstein; 11 Kr. Herr Julius Reich; 10 Kr. Frau Hedwig Sachs, Frau Zerline Stavenhagen (durch Frau Ingenieur G e l b h a u s); je 5 Kr. Herren M. A u g e n f e l d, Nathan Grünwald, Frau Professor Oppenheim; insgesamt 111 Kronen, Hiezu die ausgewiesenen 22.655.75 Kronen und 555 Mark, ‘ also 22.766.75 Kronen und 555 Mark. Naturalspenden: Herr Hugo Fassel (größte Kulanz bei Uebernahme der ungebrauchten Säcke und mehrere unentgeltliche .Fuhren); Frau - Emmy Fischler- L and eis (hat die Kosten ihrer Filiale des Jubiläumsausspeisungsvereines aus Eigenem bestritten); 1. Frauenhort feine Kosten (28 Kr.) der Fürsorge gespendet.

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