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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-04-30 · 18 (30.4.1915) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
18 (30.4.1915)
Date
1915-04-30
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Sette 3LL Bloch'« Die Huden in Pale« während der Kosaken-, Tataren-. Knjsen- und Kchwrdenkriege (1648-1660). Vortrag,. gehalten am 11. Februar 1915 im Festsaale des Ingenieur- und Architetten-Vereines in Wien über Einladung des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde Wien. Von Prof. Dr. Majer Balaban. (1. Fortsetzung.) Im allgemeinen kann als Regel gelten, daß je näher dem Westen, je mehr entwickelr und besser organisiert der christliche Bürgerstand, desto ärger erging es den Juden. Die ganz deurschen Srädte Westpreußens, wie Danzig und Dhorn, Elbing und Marienburg, wurden schnell ihre Juden los, Bromberg hatte noch von den Großmeistern des deutschen Ordens sein Recht der uou toUiandis .ludaeis; in ganz Masovien mit Warschau dursten Juden nicht wohnen und inGroß- und Kleinpoleu dursten sie keine Güter, Mühlen, Zölle und andere Gefälle pachten. Im Osten Polens, in Reußen (Ostgalizien bis Rzeszow), in Podvlien, Wolhynien und Litauen hatten sie dagegen den ganzen Handel, alle Staats- und Privatgesälle in ihren Händen, sie pachteten Güter, Dörfer, Mühlen, Robotabgaben rc. Die polnischen Magnaten, die Eigentümer gewaltiger Latifundien — die wohl manches deutsche Fürstentum an Ausdehnung überrrafen — gründeten viele Städte, deren Bevölkerung fast ausschließlich jüdisch war. Auch am flachen Land waren die Juden alleinige Pächter aller Mühlen, Teiche, Robotabgaoen, Wirtshäuser rc. Die K a r c z m a und der Arendaror. find zu typischen Erscheinungen des polnischen Ostens geworden. Wie der Bürger den jüdischen Konkurrenten sich vom Halse schaffen wollte und in seiner Vertreibung aus depj^Wht die endgültige Lösung seines ökonomischen WDUWh, so meinte der unfreie, bodenständige Bauer,? / ' dWjM/Hr. Vertreibung, her Juden er aller Pflichten enthoLenDHM würde. Di^er ökonomischen Frage gesellten. sich der alte —. von der Kirche geschürte — Judenhaß und die im Mittelalter übliche Verachtung, die man dem Juden entgegenbrachte, zu. Ein jeder Stand hatte sein schmückendes Beiwort — sein epitlieton ornans —, welches am besten seine soziale Stellung bezeichnete: Der Adelige war wohlgeboren, -«ne n a t u s. g e a e r o s u s, n o b i 1 i s der Bürger ehrenfest, f;t. m atu s. der Geistliche ehrwürdig, reverendus der Bauer arbeitsam, laboriosus, und der Jude ungläubig, in f i d u s, p e r f i d u s. i n c r e. d u 1 u s. Dieses Adjektiv bezog sich anfangs nur auf das Religionsbekenntnis — i n f i d u s —, derjenige, der an Christum nicht glaubt; nachher wurde der Begriff erweitert und der „Ungläubige" ward identisch mit dem Verlogenen, dem Treu und Glaube fehlen. Z y d n e w i i a sagt noch heute der ruthenische Bauer. Schon in der Pfarr- und Klosterschule flößte man den Kindern Haß und Verachtung der Juden ein. Der junge Adelige sann schon auf der Schulbank nach, wie die Scheiben in der Judenschul' einzuschlagen wären; im Jesuitengymnasium arrangierte er, mitsammt den Handwerksburschen, Judenpogrome, die sogen. Schülergeläuf. Im reifen Alter wich der Haß der Verachtung, die aber nicht hinderte, mit dem Juden Geschäfte zu schließen, sich seiner zu bedienen und überall und immer seinen Verstand und Geschäftssinn auszunützen. So lebte sich der polnische Jude in diese Verhältnisse ein, er ertrug allen Spott und alle Schmach, er ließ sich von allen beschimpfen und verstand seinen phy- Wochenschrifr N, a fischen und psychischen Schmerz vor der Außenwelt zu verhüllen. Nach außen war er nur der J u d', der nur Verstand, aber kein Herz, nur Geschäftssinn, aber keine Liebe und kein Verständnis für das Schone und Erhabene besaß. In der Juden st a d t, im Weichbilde seines Hauses,' war er Vater seiner Kinder, Vorsteher seiner Gemeinde, Prediger in seinem Lehrhanse. Wie in Deutschland vor der Vertreibung, so schlossen im 17. Jahrhunoerr in Polen die Ghettomauern aus Ziegel und Stein, aber auch aus Haß und Tücke den Juden ein; alles was ihn umgab, wartete nur auf die Gelegenheitdie. Judentore einzubrechen und die Jnnwohner mit Stumps und Stiel auszurotten. Die langersehnte Gelegenheit bot allen ' Ständen das Jahr 1648, der Kosaken aufstand. II. Kosaken! Dieses furchtbare Wort können wir erst in unserer Zeit verstehen, denn es ruft uns die Augusttagc 1914 ins Gedächtnis: die leidvolle Flucht der Brodyer Juden nach Zloczow, der Zloczower nach Sassow und Bialy-Kamien, der Sassower. nach Gliniany und von hier zusammen mir allen Gliniany er Juden zu Fuß nach Lemberg. Kosaken! gellte es in den Ohren der Juden von Buczacz, die im Kugelregen nach Sranislau flohen, um von da aus den langen Leidensweg über Ungarn nach dem Westen anzutreten. Der Beginn der Kosaken reicht gegen den Anfang des 16. Jahrhunderts zurück. Südöstlich von Polen, am unteren Dniepr bis an das Schwarze Meer, lagen herrenlose Steppen, wohin sich alles Gelichter aus ganz Polen flüchtete. Ihren Gutsherren entronnene Bauern, Adelige, die vor der halspeinlichen Gerichtsbarkeit sich hierher geflüchtet, Bürger, die hier chr Glück suchten, und Juden, die hier alles kauften und verkauften. Die Nähe der Moskowiter leistete der Missionsarbeit der russischen Kirche Vorschub und so ward die prawoslavische Religion, die orthodoxe Kirche, aus der Ukraina — so namrte man dies Herren- und uferlose Gebiet — vorherrschend. Die polnischen Könige kümmerten sich anfangs um diese Bevölkerung nicht und die Kosaken — so nannte sich das Gelichter — lebten von dem Schwerte und zogen auf dem Landwege bis an die Wolga auf die T a t a r e n d ö r f e r und auf langen und schmalen Kähnen über das Schwarze Meer bis in die Vorstädte Konstantinopels. Bald lenkten sie aber die Aufmerksamkeit der polnischen Regierung auf sich und die polnischen Könige organisierten einen kleinen Teil der Kosaken in ein stehendes Heer unter der Führung eines Atamans, die übrigen aber — und das war die/Mehrzahl — drückten sie zu bodenständigen Bauern herab und verschenkten die gewaltigen Gebiete an.einige Magnatenfamilien. Die Rücksichtslosigkeit der Gutsverwalter und Jesuiten und der gewaltige Steuerdruck, der oftmals vott jüdischen.Pächtern geübt wurde, führten in der Ukraina zu einer Massenslucht über den Dnjepr Und auf die kleinen und unzugänglichen Inseln, aus den Katarakten dieses reißenden Flusses; hier bildeten sich die Heerlager der Kosaken: die Körbe (Kosjz) oder die S-icz. Von hier aus wurden Aufstände gegen die Magnaten und überhaupt gegen die polnische Regierung organisiert und das Losungswort dieser Aufstände war: das Hinschlachten des Adels, des lateinischen Klerus und d e r I u d e n. Gegen diese letzten, als gegen die Verachteten und Schutzlosen, wendete sich, der ganze Groll der Kosaken und in Bildern und Volksliedern hat sich, bis aus unsere Zeit, der Haß gegen, das Judentum erhalten. .

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