Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 18 (30.4.1915)
- Date
- 1915-04-30
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 18 Dr. Bloch's Wochenschrift «vite 341 Linz. Sämtliche in Linz und Urfahr anwesenden Verwundete mosaischen Glaubens möchten Hiermit dem Frauenverein, denk Rabbiner Herrn Dr. Friedmann sowie dem Kultusvorsteher Herrn- Schwager ihren ergebenen Dank nussprechen für die herzliche Osterspende und der damit verbundenen Mühe und Arbeit. Ganz besonders danken sie der Rabbinerstochter Fräulein Anna Friedmann und der Tochter des Herrn Kultusvorstehers, dem Fräulein Paula Schwager, für die aufopferungsvolle Tätigkeit, die sie an uns während der ganzen Zeit unseres Aufenthaltes geübt haben. Im Aufträge aller Verwundeten: Willi Halpern. Ung.-Hradisch. Am 20. d. M. verschied hier der Verteidiger in Strafsachen Josef Winter. Der Verstorbene zählte zu den hervorragendsten Juristen Mährens. Am Grabe war die Elite, der Gesellschaft versammelt. Die Leichenrede hielt Herr Rabbiner Dr. Zwick, die der kraftvollen Persönlichkeit entsprach, für den sie galt und machte, auf die Anwesenden einen tiefen, nachhaltigen Eindruck. Feuilleton. I - Frauen im Gotteshause. I Freitag abend. Langsam füllen sich die Galerien. Lange vor Beginn des Gottesdienstes erscheinen die ersten Frauen^ die einen besonders guten Platz haben wollen und sich deshalb sehr beeilt haben. Und erst nachdem! die heilige Handlung lange angefangen hat, versiegt der Strom der Ankommenden. Dann ist der Tempel aber auch bis aufs letzte Plätzchen, gefüllt. Vor Kriegsbeginn war der Besuch des Gotteshauses welliger" lebhaft.- -Aber nicht nur die Flüchtlinge bilden den Zuwachs: Viele, die früher leichten, sorglosen Herzens an der heiligen Stätte vorbeigingen, zieht es jetzt mächtig hinein. D,a kommen sie alle, deren Herzen schwer sind von bitterer Sorge um das tägliche Brot, von tätlicher Angst um das Liebste, das sie besitzen. Sie kommen in den Tempel, wie müde Kinder nach Hause kommen, sie finden den Weg in das Gotteshaus wie man am Abend sein Heim aufsucht, um im Kreise der Familie die Mühe und Plage und die Trostlosigkeit des Werkeltages zu vergessen. Denn eine Familie bilden sie alle, die Uitzähligen, die diese großen Räume füllen. Me, denen die hebräische Sprache die heilige Sprache ist, bilden eine Familie: Das hat sich nie so gezeigt wie jetzt, da viele unserer Brüder und Schwestern so sehr auf das Mitgefühl und auf die Hilfe der glücklicheren Brüder und Schwestern angewiesen sind, und wo ihnen dieses Mitgefühl' und diese Hilfe in so rührender und tatkräftiger Weise zuteil' wird. Andächtig lauschen die Frauen den heiligen Gesängen, viel andächtiger und aufmerksamer als früher. Und an manchem selbstvergessen vorgebeugten Kopf und an manchem halbgeöffneten Mund und an manchen feuchtschimmernden Augen merkt man es: Wenn sie auch den Sinn der «gesungenen Morte äicht verstehen — die Frauen, besonders die Modernen Frauen, läßt man ja leider ziemlich unwissend in bezug auf die Hebräische Sprache —, so schmiegt sich doch an die liebe, uralte Melodie, der die Stimme des Kantors so schönen Wohllaut gibt, die ganze Seele der atemlos Horchenden in wortlosem Gebet, das heiß und inbrünstig Um Hilfe fleht und um Schutz für etwas Geliebtes vor tausend drohenden Gefahren . . . In einen halbversteckten Winkel gedrückt, sitzt eine und weint. Eine einfache ältere Frau. Sie hat das Gesicht in ihr Taschentuch gedrückt und weint und weint. Es ist nicht schwer zu erraten, was ihr die vielen Tränen erpreßt. Das ist sicherlich eine von den unzähligen Müttern, die jetzt in banger Sorge um ihre Söhne zittern. Vielleicht 'hat sie schon lange keine Nachrrcht erhalten und alt' ihre riefe Herzensangst löst sich nun, da sie im Gotteshause chren Gefühlen freien Lauf läßt, in tausend Tränen auf. Ihre Nachbarinnen werden aufmerksam und wechseln Blicke. Gütige, verstehende Blicke, wie sie nur Frauen wechseln können. „Wir verstehen diese arme Frau," sagen diese Blicke. „O, wie sollten wir sie nicht verstehen? Ist doch jede von uns beteiligt an dem großen Weinen, das jetzt die Welt erfüllt, hat doch jede von uns mitzulragen an der ungeheuren Last, die der Krieg der Menschheit auferlegt! Unsere Gatten, Väter, Söhne und Brüder sind tagtäglich umlauert vom Tode in hunderterlei Gestalt. Und jede Unbill, die sie erleiden, jede Gefahr, die ihnen droht, legt sich als schwere Laft auf unsere Schultern, als schwere Last, die uns nur unser festes Goltvertrauen ohne Murren tragen laßt. . . ." Wie ein geheimes Raunen geht es durch den heiligen Raum. Das Heer der Frauen halt Feidgottesdienft, um sich zu erbauen, zu stärken im Kämpfe gegen die Todesangst und gegen die Verzweiflung, um nicht unterzugehen in einem Meer von Leid und Mitleid. . . . Wie das monotone Gebet eines Priesters tönt das trostlose Schluchzen der gepeinigten Mutter. Von der benachbarten Galerie blicken zwei helle Mädchenaugen aus sie herüber. Und dann legen sich langbewimperre Lider über die großen Sterne, die sich rasch wegwenden und plötzlich ganz dunkel und rodtraurig geworden sind. Das ist eine von jenen, die chr Leid zutiefst verbergen, die lächelnden Angesichts unter den Mitmenschen einhergehen und von denen niemand weiß, daß sie in dunklen Nächten hart am Rande der Verzweiflung wandeln, daß sie, wenn alles schläft, krampfhaft verschlungene Hände zum nächtlichen Himmel emporstrecken und beten, beten mit der ganzen heiligen Leidenschaft, deren die Seele fähig ist, für ihn, dem diese Seele ganz gehört, für sein geliebtes Leben, das ein Gnadengeschenk des Himmels ist, wenn es eine feindliche Kugel noch nicht geraubt hat. Das ist eines von den Mädchen, die Nacht für Nacht wach in chren Kissen liegen mit weitofsenen Augen, die mit großen Blicken, in denen das Grauen wohnt, in eine unbekannte Ferne blicken, in eine dunkelgraue, unbestimmte Ferne, in der jede kommende Minute eine drohende Todesgefahr ist und jede vergangene Minute eine überstandene. . . . Und langsam fließen große Tränen über die Wangen in die Kissen, große, heiße Tropfen, die schließlich ein ansehnliches Bächlein bilden, das dem unermeßlichen Tränenmeer zusließt, das dieser große Krieg als Opfer fordert. Lange, lange dauert das bange, trostlose Schluchzen, bis endlich ein lichter Engel leise heranfchwebt, -mitleidig die Angst- und Kummerfalten in dem jungen Gesicht glättet, «zärtlich die Tränen trocknet, mit sanfter Gewalt die müden Lider zudrückt und die holjmatte Seele entführt in das gelobte Land, in dem er, dem all' das Ringen und Beten und Weinen galt, als König regiert und in dem sie bleiben darf bis zum traurigen Erwachen. Und Freitag abend versammeln sich die Frauen im Gotteshause, versammelt sich die Legion der Frauen, denen der Krieg tiefe, blutlose Wunden schlägt. Ein Band umschlingt sie alle, die Armen und Reichen, die Jungen und Men, die hier Zusammenkommen: All' ihre Seelen haben ein Heim, das sie aufsuchen, wenn sie müde sind — das Gotteshaus —, eine Sprache, die ihnen allen heilig ist, einen Vater, dem sie zu Hause ihr Leid klagen. Elsa Hauser.