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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-04-23 · 17 (23.4.1915) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
17 (23.4.1915)
Date
1915-04-23
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 11 Kr. Kloch'S Wochenschrift Seite 323 gesandt Hat Sa b b at ai Kohen aus Wilna, der aus seiner Vaterstadt vor dem Feinde nach Krakau geflohen und von hier aus ein Sendschreiben an die deubfchen und italienischen Gemeinden verschickt hat. Es war nach den Greueltaten des Jahres 1648, „eines Friedensjahres für Mitteleuropa, eine's Freiheitsjahres für England, eines Ehristusjahres nach den Verheißungen Pierre de la Fons, eines Messiasjahres nach 'dem Sohar, eines Unglücksjahres für die Juden in Polen und in der Ukraina". „Das Haar sträubt sich bei den Beschreibungen," sagt unser Altmeister Zunz, „die Qualen übertreffen die des Mittelalters, die Anzahl der Opfer hält den des Jahres 1348 die Wage, die Zerstreuung der Gemeinden erinnert an den Hadrianischen Krieg." Denn in diesem Jahre brach der große Kosakenaufstand aus und drohte den ganzen polnischen Staat und mit ihm alle seine Juden zu vernichten. Wenn man von polnischen Juden im Jahre 1648 spricht, so weiß man, daß damit vier Fünftel aller Juden Europas gemeint sind. Noch heute leben in den Provinzen des alten polnischen Staates (in Polen, Rußland, Galizien) zirka sieben Millionen unserer Stammesgenossen, die übrigen polnischen Juden in der Zahl von über zwei Millionen sind nach Amerika gewandert und nur ein kleiner Teil blieb in Westeuropa zurück. Im 17. Jahrhundert war aber Amerika noch kein Asyl für unsere Väter und aus dem ganzen Westen Europas sind sie nach und nach verjagt worden. Mit dem 12. Jahrhundert begann die Verfolgung und reichte in das vierzehnte hinein, bis sie im fünfzehnten ihren Zenith erreichte. So vertrieb man die Juden im Jahre 1306 aus Frankreich, 1390 aus England, zwischen 1348 und 1496 fast aus allen deutschen Reichsstädten und Ländern. In diesem letztgenannten Zähre wurden die Juden aus den Alpenländern vertrieben. Alle deutschen Juden und Judengemeinden hatten ein Ziel und dies war Polen; dorthin zogen die Flüchtlinge aus dem ungastlichen Westen (Deutschland) und dort fanden sie Schutz und Schirm; ein neues Jerusalem ward hier gegründet. Eine wichtige Frage drängt sich uns auf die Lippen.- und zwar, „ob auf der Grenze Polens der leidenschaftliche Haß, der die Juden aus Frankreich, Spanien und Deutschland wies, ob der Judenhaß plötzlich an der polnischen Reichsgrenze aushörte, oder aber den Juden auch hierher folgte?" Die Antwort lautet: „Die Juden waren im ganzen Westen Europas Stadtbewohner und Kaufleute und der Konkurrenzneid der in Polen ansässigen — durchwegs deutschen — Bürgerschaft war nicht kleiner als in Deutschland, nur lagen die sozialen Schichtungen hier anders als im Reiche, und diesem Umstande ist die Existenz' zahlreicher Judengemeinden zu verdanken. In Deutschland spielten die Reichsstädte eine gewaltige Rolle, Kaiser und Fürsten buhlten um ihre Gunst und suchten bei ihnen Stütze und Geld. In Polen war der Adel alles und die Städte bemühten sich umsonst ihre Rechte zur Geltung zu bringen. Auf Land- und Reichstagen suchte der Adel den aufstrebenden Bürgerstand zu unterdrücken, und zu dem Zwecke diente die gänzliche Zollsreiheit des adeligen Gutes, das Recht, steuerfreie Häuser in den Städten zu besitzen und ähnliches meh>r. Eines der Mittel, den (Stolz und die Exklusivität des Bürgerstandes zu brechen, war die Unterstützung der Juden im Kampfe mit den Stadtmagistraten. In einer jeden reichsunmittelbaren, oder — wie wan sie in Polen nannte — königlich freien Stadt war eine starke Judengemeinde, die mit dem Magistrat ihrer Stadtgemeinde in steter.Fehde lag. In Posen, Kalisch, Lemberg und solchen (mehr kämpften die Juden stets um ihre Wohn- und Handelsrechte; manchmal kam es zu einem Waffenstillstand, d. i. zu Handelsverträgen, ein andermal.zu Exzessen, Gewalttätigkeiten und Pogromen. ,Die Handelsverträge schlossen den Judenhandel meistens in allzu enge Rahmen ein, aus denen er sich herausbrechen wollte und mußte; hier war der Grund zu Mitzhelligkeiten und Verfolgungen aller Art; dies gab den Ansporn zum Verjagen der Juden aus Krakau im I a h r e 1495. Wie so oft in Deutschland, so mußten auch hier an der Weichsel die Juden ihre Häuser und Güter, ihre Synagogen und Friedhöfe verlassen, nur daß sie von hier nicht weit gingen und in der kleinen Nachbarstadt, jenseits der Weichsel ihre neue Gemeinde gründeten, die xbü'V p-lKEttp p"p« die heilige Gemeinde Kasimierz an der Weichsel und an der Wilga, in der Männer vom Ruf eines Jakob P o l l a k und eines Moses I s s e r l e s lehrten und wirkten. Vom T a l m u d st u d i u m konnten aber die Kasimierzer Juden nicht leben, sie mußten ihr Brot im Handel und Handwerk suchen und das konllten sie nur in Krakau tun. Daher das Hineindrängen in die ungastliche Stadt, das Mieten von Läden am Marktplatz und in den Tuchlauben .und in gleichem Maße das Anschwellen des Hasses der christlichen Kaufmannschaft und der Zünfte. Anfangs wollten die Bürger den Judenhandel gänzlich unterbinden, dann wenigstens ihn einschränken und als dies -alles mißlang, griffen sie zu Pogromen und Brandschatzungen. - Auch in anderen Städten erging es den Juden nicht besser, aus manchen ^wurden sie sogar gänzlich ausgewiesen, wie z. B. 1569 aus B i e c z, 1605 aus Bochnia, dann auS Oswiecin, Jaslo, Krosno usw. (Fortsetzung folgt.) Ateratvr. Irene l'riesck ate Bibel-Interpretin. - v - prau irene Triesch hat als Gast in Wien wieder einmal durch ihre unvergleichliche Kunst, die erhabenen und pathetischen ebenso wie die naiv erzählenden Stellen der heiligen Schrift vorzutragen, außerordentlichen Beifall gefunden. Neben der Bibel und sogar an erster Stelle war zwar Strindberg auf dem Programm. Aber obwohl auch die zum Vortrag gelangten Stellen aus den Werken dieses Dichters, insbesondere die das Problem der Schuld und der Verführungen aufrollende Gerichtshofsszene, einen großen Effekt erzielten, so lag der Schwerpunkt der Darbietungen doch in der Deklamation der alttestamentarischen Texte, deren echte Poesie, von der Künstlerin mit treuer Nachempfindung wiedergegeben, stellenweise erschütternd auf die zum Teil nicht sehr bibelfesten Zuhörer wie eine neue Offenbarung wirkte. Die aneinandergereihten Auszüge aus verschiedenen Reden des J e s a i a wurden mit andächtiger Begeisterung vernommen und diejenigen, welche zwischen dem Stil des Propheten und dem eines Jean Paul nicht zu unterscheiden vermochten, glaubten sogar, daß eine von der Künstlerin eingeschaltete Trostansprache an die Angehörigen der im Kriege Gefallenen ebenfalls der heiligen Schrift entnommen sei. An zwei Stellen traten jedoch bei der Interpretation der von Frau Triesch im allgemeinen mit feiner Nuanzierung und tiefem Verständnis gelesenen biblischen Berichte bedauerliche Mißverständnisse hervor, gegen welche Verwahrung eingelegt werden muß. Im Vortrag aus dem Buche der Richter, Kap. IV und V, knüpfte sie an den Bericht über die im Schlafe erfolgte heimtückische Ermordung des geschlagenen Feldherrn Sisra durch die Kenitin Jael, ganz sinnwidrig pointiert, das in der Bibel daneben stehende Deborah- Lied: »Damals sangen Deborah und Barak . . .«, wodurch der ganze herrliche Gesang, dessen Thema die Heldenkämpfe der israelitischen Stämme bilden und in welchem nur zum Schlüße nebenbei der schimpfliche Tod des feigen aus der Schlacht geflüchteten Tyrannen als dekorative Einzelheit erwähnt wird, den Eindruck eines, abstossenden von roher Schadenfreude eingegebenen Dankliedes machie. Eine andere peinliche Entstellung wurde bei der Lektüre des Buches Ruth— gewiß unbeabsichtigt— durch Weglassung entscheidender Stellen herbeigeftibrt. Ruth erschien als eine Art bäuerlicher Dirne, die sich beim Lesen der

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