Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 17 (23.4.1915)
- Date
- 1915-04-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 17 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 319 Gewitsch. Montag, dm 29. März (Erew Pessach), kamen 1100 Flüchtlinge, zum größten Teile Juden, in geradezu desolatem Zustande nach Mähr.-Drübau, um daselbst einige Zeit in Quarantäne zu verbleiben. ( Bei den großen Opfern, die allenthalben von unseren Glaubensgenossen für ihre unglücklichen Brüder _ aus dem Osten gebracht werden, ist es gar nicht besonders zu vermerken, daß sich die in Trübau ansässigen jüdischen Familien der Flüchtlinge nach Tunlichkeit annahmen. Trotzdem muß die großzügige Hilfeleistung des Herrn Abel es, eines Trübauer Fabrikanten, besonders hervorgehioben werden. Herr Abel es, der sich schon bei einem früheren Aufenthalt von Flüchtlingen in Mähr.- Trubau derselben in geradezu väterlicher Weise angenommen hatte, ließ sofort nach Ankunft der Flüchtlinge eine große Menge Kartoffeln, Orangen, Eier herbeischaffen, welche Speisen auch die Strengreligiösen _ am Pessach genießen durften, und über welche sich die Halbverhungerten gierig hermachten. Es muß die opfervolle Hilfeleistung Herrn Abel es' besonders hervorgehoben werden, weil er selbst in seiner vornehmen Weise es verschmäht, daraus viel Wesens zu machen. Nach beendeter Quarantäne werden die Flüchtlinge in einzelnen Ortschaften verteilt. Kojetein. Anläßlich des Pessachfestes übernahm die hiesige , israelitische Kultusgemeinde auf Anregung Sr. Ehrwürden des Herrn Rabbiners S. F r i e d e n t h a l die rituelle Verköstigung der israelitischen Soldaten des hier stationierten „Lemberger Berpflegsmagazin" für neun Tage. Die Sederfeier wurde in Anwesenheit des Herrn Kultusvorstehers M. B i ck, der Kultusräte M. Löwenthal, I. Weitzkopf nach einer herzlichen, in einem begeisterten ,,Hoch" auf Seine Majestät den Kaiser ausklingenden Begrüßung des Herrn Löwenthal durch eine tiefempfundene, inhaltsreiche Ansprache des Herrn Rabbiners eröffnet, in welcher die hohe Bedeutung des Festes, besonders in unserer Zeit, eingehend erörtert wurde. Die Mannschaft wurde durch die eifrige Mitwirkung und Opferfreudigkeit der hiesigen israelitischen Frauenvereinigung, besonders der Frau Rabbiner Paula Friedenthal, der Präsidentin Sofie Kaufmann, der Damen K. B i ck, Henriette Langer, Jsabella Langer und Auguste F i n k e l st e i n reichlich bewirtet. Besonderer Dank gebührt dem löbl. Kultusoorstande für die reiche materielle Unterstützung, welche zum Gelingen dieses schwierigen Vorhabens wesentlich beitrugen. Oderberg. Wie wir vor kurzem berichteten, wohnte Se. Erzellenz Dr. R. v. Korytowski, Statthalter von Galizien, mit seinem Beamtenkorps einem Abendgottesdienste in unserem Tempel bei. Die prachtvolle Stimme und der künstlerische Dortrag des Oberkantors Herrn Ignatz Goldmann machten auf den erlesenen Zuhörerkreis solchen Eindruck, daß Seine Erzellenz den Wunsch äußerte, Herrn Goldmann auch in weltlichen Gesängen zu hören. Um diesem Wunsche des hohen Herrn nachzukommen, veranstaltete Herr Goldmann vor kurzem in seiner eigenen Wohnung eine musikalische Soiree, zu welcher außer Sr. Erzellenz auch der Bürgermeister der Stadt Bielitz und noch andere Persönlichkeiten der israelitischen Kultusgemeinde, die Gemahlin des Mühlenbesitzers N e u m a n n samt Tochter (Herr N e u m a n n war verreist) geladen waren. Oberkantor Goldmann sang im Verlause des Abends einige Lieder und Balladen und errang durch seinen abgeklärten, warmen, mit jugendfrischer Stimme durchgeführten Vortrag den aufrichtigsten Beifall der Anwesenden. Nach dem Vortrage der Ballade „Der seltene Beter" von Löwe war Seine Erzellenz so ergriffen, daß er Herrn G o l d m a n n gerührt umarmte. Auch Fräulein Grete N e u m a n n, die eine Schülerin der Gesangsnteisterin Frau-M a n b e r g, Wien, ist, sang unter der feinfühlenden Begleitung des Herrn Professors L u b r i ch einige Lieder mit kräftiger und gutgeschulter Stimme und fand wohlverdienten Beifall. Seine Erzellenz, der ein warmer Verehrer der Musik und des Gesanges ist, dankte beim Abschiede Herrn Oberkantor G o l d m a n n für den gebotenen Kunstgenuß und dessen Gemahlin für die lukullischen Genüsse her^lichst und betonte, daß es ihn besonders 'freue, einen so hervorragenden Beamten der hiesigen Kultusgemeinde in seinem Heim besucht zu haben und dieser Abend ihm lange in Erinnerung bleiben werde. Die Juden in Neutra und die galizifchen Flüchtlinge. 'Zu Iber unter diesem Titel in unserer vorwöcheM-- lichen Nummer erschienenen Notiz erhalten wir folgende Zuschrift: Herr Redakteur! Die Mitteilungen der Frau Rosalie G. über das Verhalten der Juden in Neutra gegenüber den in diese Stadt verschlagenen galizifchen Flüchtlinge haben mich und eine Anzahl meiner hier lebenden Landsleute peinlich berührt und aufs tiefste betrübt. Im Grunde genommen hat uns dieses lieblose Verhalten der Neutraer Juden auch außerordentlich überrascht. Denn Neutra galt von jeher als eine gastfreundliche Judengemeinde, und man durste glauben, daß der Geist des seligen „Reb Schie Schönfeld", der Jahrzehnte hindurch als Präsident der Gemeinde gerade zugewanderlen Juden gegenüber sich durch besondere Herzensgüte und Gastfreundschaft auszeichnete, noch nicht völlig ausgestorben sei. Auch die älteren jüdischen Familien in Neutra, deren Nachkommen allerdings zum großen Teile verarmt, selbst aus der Heimatsstadt auszuwandern gezwungen waren, haben sich strenge an das biblische Gebot, den Fremden gastfreundlich aufzunehmen, gehalten. Schließlich waren sich diese bewußt, daß sie oder ihre Ahnen nicht mit Arpad ins Land kamen, sondern selbst eingewandert sind, und gar mancher von ihnen durfte bei der Verfolgung ihrer Genealogie bis zu einer jener Städte geraten sein, aus denen jetzt galizische Flüchtlinge bei ihnen Zuflucht suchten. Ich kenne die heutige Struktur der Neutraer Judengemeinde kaum mehr, aber eines weiß ich, daß tlicht wenige von ihnen als Fremde in diese Stadt kamen, und es ist tlicht ausgeschlossen, daß auch die jüdische Hausbesitzerin, welche dem armen Flüchtlingskinde das reine Wasser verweigerte, selbst von russischen Flüchtlingen oder galizifchen Auswanderern abstammr. Es ist überhaupt fchwer zu verstehen, was diese Neutraer Juden eigentlich so sehr an den igalizischen Flüchtlingen abstößt. In Neutra herrscht im Judenviertel heute wie vor 30 Jahren der Jargon und weicht höchstens in der Melodie von dem galizifchen Jargon ab. Ist es vielleicht jener Ultra- ChauvinisMus, der sie fürchten läßt, daß die galizifchen Juden vielleicht zum Teile in der Stadt bleiben und ihrem Magyarentum schaden könnten, da kennen sie die Geschichte der Juden in Ungarn und die Intelligenz der galizifchen Juden zu wenig. Sonst müßten sie wissen, daß der gekrönte ungarische Dichter der Jetztzeit — der gefeierte Josef Kiß —, der sicherlich ein guter Ungar und ein guter Jude ist, aus Rußland stammt und sich dieser Abstammung nicht nur nicht schämt, sondern ihr auch in einem seiner herrlichsten ethischen Werke ein bleibendes Denkmal gesetzt hat. Sie müßten wissen, daß es noch eine große Zahl angesehener Juden gibt und gab, die aus Galizien stammten und der ungarischen Nation unvergängliche Dienste erwiesen haben. Aber die Neutraer Juden sind schon einmal so. Sie müssen von Zeit zu Zeit von sich reden machen. Es war wirklich überflüssig, den Ruf, den ihnen Legende und Anekdote inr vorigen Jahrhunderte angedichtet hatte und schon aus dem Legendenkreise zu schwinden im Begriffe war, auf so unliebsame Weise abermals ins Gedächtnis zu rufen. Die Neutraer Juden, wie meine ungarischen Landsleute überhaupt, sollten doch des in ganz Ungarn zum geflügelten Worte gewordenen Wählspruches der Bndapester Rettungsgesellschaft eingedenk sein, der da lautet: ..Mindnyäjnnkat erbet baleset!“ zu deutsch: „Jeder von uns kann vom Unglück betroffen werden." . . . Ein Neutraer Jude in Wien. Sichron L’dor Dor! II. Zu der im vorigen Blatte ausgewiesenen Spendensammlung der Leobener jüdischen Bürgerschaft trugen bei: Je 25 K: Eduard Glesinger, Vorstand der Leobener Tempelgemeinde, Kleiderhaus G ö t z e 1, Josef Neumann (Letzterer auch Zigarettenspende);