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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-04-16 · 16 (16.4.1915) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
16 (16.4.1915)
Date
1915-04-16
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr 16 Sette 301 Dr. Bloch'S Wochenschrift Ein RituaLmordmärchen in Olmütz. Das „Mähr. Tagblatt" in Olmütz schreibt: Das Ritualmordmärchen, durch die Tatsachen und gerichtlichen Erhebungen sowie wissenschaftlichen Untersuchungen, so oft es auftauchte, jedesmal widerlegt, spukt noch jetzt in -manchen Köpfen und wird, sei es aus Böswilligkeit, sei es aus Beschränktheit, von einzelnen Leuten wider alles Vermuten doch immer wieder genährt. Am vorigen Freitag hat sich auch in Olmütz ein solcher Fall zugetragen, der glücklicherweise b a l d v ö l l i g a u f g e k l ä r t w u r d e. Jnl Hause Pilten Nr. 24, das einer hiesigen Juweliersfamilie gehört, ist eine Flüchtlingsfamilie namens P e r lut a n n eingemieter. Da sich zwischen der Familie Perlmann und dem Hausbesitzer Unstimmigkeiten ergaben, erhielt erstere vor einigen Tagen die Kündigung und sollte am 11. April ihre Wohnung verlassen. In der Kündigungsperiode scheint sich die Spannung zwischen Mietern und Hausleuten noch vergrößert zu haben, und laute Streitigkeiten waren oft die Folge. Die Hausmeisterin verspürte nun seit einigen Tagen einen merkwürdigen Geruch aus dem den Perlinanns zugewiesenen Hausboden. Sie kolportierte diese Tatsache möglichst eifrig im ganzen Hause, das jüdische Osterfest fiel in die Zeit und vor allem - das 13 jährige Dienstmädchen der Flüchtlingsfamilie, Valerie B a ck, war seit acht Tagen verschwunden. Spurlos verschwunden. Das Getuschel und Getratsche im Hause wuchs und verdichtete sich endlich zu der Behauptung, Perlmann habe das Mädchen als rituelles Opfer zu den O ster feiertagen umgebracht! Als Perlmann zufällig auf den Hausboden kam, sah er, ganz überrascht, daß die Latten, die seine Bodenabteilung von den anderen trennte, heruntergerissen waren. Durch das entstandene Loch war die Hausmeisterin in den Bodenraum hineingekrochen und wühlte in dem dort aufgehäustcn Kram. Auch die Hausbesitzerin beteiligte sich an dieser „Untersuchung", doch war sie, wie wir von informierter Seite hören, erst nach der Hausmeisterin hinzugekommen. Doch das mit so gieriger Phantasie Gesuchte fand sich nicht vor, aber dafür die Erklärung des verdächtigen Geruches. Verdorbene Speisereste, unvernünftigerweise in den Bodenraum gebracht, waren seine Ursache. Doch wo war das geheimnisvoll verschwundene Mädchen? Inzwischen war auch die Polizei verständigt worden und Herr Perlmann wurde zur Aufklärung des Sachverhaltes auf die Wachstube vorgeladen. Dort gab er an, das Mädchen fei aus seinem Dienst entlassen worden und habe nun einen Posten in H o d olein. Faktisch konnte man bereits nach kurzer Zeit das Mädchen aus H o d o l e i n z u r Stelle b r i ng e n. Natürlich wurde darauf Herr P e r l m a n n von der Polizei sofort entlassen. Seine Anhaltung war, wie wir polizeilicherseits erfahren, nur erfolgt, um einer Kollusionsgefahr vorzubeugen. Der Fall ivird in der Stadt lebhaft besprochen. Leiden der Inden. In der „Arbeiter-Zeitung" vom 10. April meldet der Kriegsberichterstatter W. Düwell: „Eine offizielle russische Persönlichkeit schrieb selbst das Folgende in mein Notizbuch: Ein Kosakenoffizier' - erschoß eigenhändig einen Juden im Dorfe Lausk, weil dieser im August an deutsche Truppen Hafer verkauft hatte und angeblich ein Spion sei. Der Erschossene heißt Meyer Njemtschewitsch. Ferner hat man elf Juden unter derselben Beschuldigung nach Sibirien gebracht. Einer davon, Tobias Hajmann, ist dort gestorben. In einer Stadt besuchte ich den Rabbiner und fragte ihn, ob er mir über Bedrückungen der Juden etwas erzählen könne. Der sinnende Mann, aus dessen Zügen Milde und Güte sprachen, sagte schlicht und einfach; „Darüber wäre viel zu erzählen, aber ich kann nichts sagen." — „Sie fürchten die Rache der Russen," bemerkte ich ftagend. — „Nein nein, nicht aus Furcht. Was hätte ich zu verlieren? Gewisscnsgründe erlauben nicht, daß ich rede. Mein' Pflicht gebietet mir. gegen die Regierung, unter der wir leben, nichts Böses zu jagen. Wir müfien dulden; es ist Gottes Wille. Wenn wir die Regierung auch nicht lieben können, loyale Untertanen sind wir doch; das ist Gewissenspflicht." — Weiter erfuhr ich, daß in der Schule durch eine große Beschwörung (Cherem) den Juden verboten worden sei. von den in Deutschland geraubten Sachen etwas anzukaufen. Es ist sicher nicht die Schuld des Rabbiners, wenn nicht alle Juden in dem Geiste feiner eigenen Lauterkeit leben." „In einem anderen Orte erzählen mir mehrere Einwohner, unter ihnen ein alter Jude mit treublickenden braunen klugen: Als die Deutschen diesmal kamen, ging ein alter, fast tauber Mann nach S. Die Russen beschuldigten ihn, er habe die Deutschen geholt; sie banden den Hilflosen an ein Pferd und schleiften ihn eine weite Strecke mit. Weiter sagten mir die Leute: „Wir sahen hier viele Kinder aus Deutschland, die von den Soldaten vorbeigetrieben wurden." Daß noch Schlimmers passiert ist als das Verschleppen von Kindern, wird sogar in einem von unseren Truppen aufgefundenen Armeebefehl des Generals Baron v. Siewers zugestanden." Budweis. Der Verein ..Allianz, B'nai B'rith" in Budweis, dessen Bestintmung es ist. Werke der Nächsten liebe und Wohltätigkeit zu üben, hat am 2K. v. M. zur Einleitung des Pcsfachfestes die in Budweis weilenden zahlreichen Soldaten israelitischer Konfession zu dem rituell üblichen Gedenk-(Seder-)abend eingeladen. Bei diesem Anlasse hielt Herr MUDr. Gustav H e s k Y, welcher den Vorsitz innehatte, an die teils vom Felde zurückgekehrten Verwundeten, teils an die noch der Marschordre harrende Mannschaft eine Ansprache, die es verdient hätte, in ddr weiteren Oefsentltchkeit gehört zü werdend Der Redner führte aus, daß. wenn die erschienenen Soldaten ihrem Eide und der Fahne getreu zur Verteidigung des Vaterlandes Oesterreich kämpfen, sie dies nicht nur als Oesterreicher, sondern auch als Juden zum Heile des jüdischen Volkes tun, daß sie ihr Aeußerstes an Pflichterfüllung und Selbstaufopferung daransetzen müßten, um den bösesten Feind aller Freiheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit zu hindern, seine schlechten Absichten zu verwirklichen. Dr. Heskp verwies sodann auf die starke Aehnlichkeit zwischen den Ereignissen, deren Erinnerung der veranstaltete Gendenkabend gelte, und den gegenwärtigen weltbewegenden Ereignissen, denn wie damals gelte es auch heute einem Befreiungswerke, gelte es zu hindern, daß finstere, kulturfeindliche Macht mit unmenschlicher Gewalt die kultivierte, dem Lichte und der Gerechtigkeit zustrebende Menschheit der angegriffenen Staaten in Sklavenketten schlage. Da Gott aber, wenn auch oft auf schmerzensv ollen Wegen, schließlich stets dem Gerechten Hilfe und Sieg verleche, so mögen die anwesenden Krieger, wenn die ernsthaften Stunden blutiger Entscheidung für sie kommen, ihre äußerste Kraft für die große Sache 'hingeben, im Bewußtsein, daß alle Opfer an Blut und Leben nicht nutzlos sein werden, da der Sieg mit der ewigen Hilfe bestimm^ bei ih!nen nnb uns sein werde. - Diese Worte riefen bei den Zü Hörern, trotz der schlichten Vortragsweise, den tiefsten Eindruck hervor, weil sie den Stempel der Wahrhaftigkeit und innerster Empfindung trugen, so wurde das religiöse Fest zu einer spontanen patriotischen Kund gebung, die jeder phrasenhaften Aufdringlichkeit ent behrte und eben deshalb von nachhaltiger Wirkung auf die Zuhörer blieb. Im Namen der geladenen Soldaten erklärte Feldwebel W., daß ihnen allen,, die aus den verschiedenen Provinzen Oesterreich-Ungarns stammen, der

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