Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 14 (2.4.1915)
- Date
- 1915-04-02
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3020846-3022142-3022157--24017-3049244- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 14 . Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 269 weißen Tuchstreifen heraus. Mit beiden Händen faßte er ihn und drückte sein Gesicht hinein. Dann zog er den Mantel und Rock aus und sah sich um^ Neben ihm stand ein hoher, dünner Stamm, dessen Spitze in den Nebel tauchte. Er stopfte das Tuch in die Hosentasche, trat an den Baum und kletterte langsam daran empör, griff um die rauhe 'Rinde und hielt sich endlich oben im Gezweig fest. Aus der Tasche zerrte er den weißen Streifen, knotete ihn um den längsten Ast und glitt dann rasch zur Erde. Hier nahm er seine Sachen auf, warf noch einen Blick nach oben und ging im Nebel seinen Weg zurück. — — Der General saß gerade beim Morgenkaffee, als der Grenadier in das Zimmer trat: „Melde gchorsamst, Befchl ausgeführt, habe die Batterie gefunden!" sagte er mit atemloser, heiserer Stimme. „Donnerwetter," rief der General und sprang auf, „gratuliere!" Er drückte die Hand des Soldaten. „Brav, brav! Wo stcht die Batterie?" „Mitten im Walde, Exzellenz. Den Ort kann ich nicht angeben, aber ich bin auf einen Baum geklettert und Hab' oben den Gebermantel von meinem Vater selig angebunden!" Der General sah ihn einen Augenblick verständnislos an. „Einen Streifen weißes Tuch, Exzellenz," setzte der Grenadier hinzu, „sobald der Nebel fort ist, muß man's von hier aus sehen können!" Der General sah zum Fenster. „Da! Es wird draußen schon lichter, kommen Sie 'mal mit!" Eilig griff er nach dem Fernglas und lief über die Straße zu dem zerschossenen Kirchturm, der der Artillerie als Beobachtungsstand diente. .Hastig polterte er die wacklige Holztreppe zum Turmfenster herauf, hob den Trieder an die Augen und rief: „Wahrhaftig, dort drüben im Walde hängt ein weißer Streifen! Rufen Sie doch, bitte, sofort den Artilleriehauptmann her, der da steht!" Eine halbe Stunde später kam der General die Treppe wieder herunter und traf vor der Tür den wartenden Grenadier Goldfarb. „Brav, mein Sohn," sagte die Exzellenz und klopfte dem Soldaten lobend auf den Arm. „Das Eiserne Kreuz ist Ihnen sicher. Uebrigens sagen Sie 'mal, wie nannten Sie vorhin das Stück Tuch, das Sie da als Markierung angebunden haben?" Stockend und errötend erzählte der Grenadier, von häufigen Fragen des Generals unterbrochen. „So?" machte schließlich der Offizier. „So ist das bei Ihnen? Sagen Sie 'mal, da muß Ihnen doch sehr daran liegen, das Tuch wiederzubekommen?" Der Soldat sah ihn mit nassen Augen an. Der General wandte sich um: „Kommen Sie mit hinüber in das Regimentszimmer," sagte er und ging eilig in die Bauernstube zurück. Hier trat er an den Telephonapparat und nahm den Hörer. „Halloh! Hier General v. Sch. selbst! Ist mein Adjutant dort? Ja, Herr Hauptmann, hören Sie bitte zu: Wir haben die feindliche Stellung im Walde bei D. entdeckt. Das Ziel wird durch einen weißen Tuchstreifen in einem Baumgipfel markiert. Haben Sie verstanden? Ich denke, heute nachmittag wird die Stellung schon sturmreif sein. Nun lege ich den größten, — hören Sie, — den allergößten Wert darauf, daß dieser weiße Tuchstreifen gefunden und mir persönlich gebracht wird! Ich bitte, dies als Befehl sofort allen Soldaten bekanntzugeben. Danke!" Er legte den Hörer hin und drehte sich zu dem Grenadier um: „Nun, ist's recht so?" sagte er lächelnd. Da beugte sich der große Soldat nieder und küßte dem General, ehe der es verhindern konnte, die Hand. Literatur. Schire Jaakow. Gemischte und Männerchöre, Soli und Recitative 1 ür den israelitischen Gottesdienst, mit und ohne Begleitung der Orgel, komponiert von Alfred Rose, Chordirigent an der Synagoge in Hannover. Verlag von Arnold Simon in Hannover. Als Napoleon der L einer symphonischen Aufführung von Cherubini beiwohnte, lieh er nach Schluß derselben den berühmten Komponisten zu sich in die Loge befehlen und sagte ihm: „Die Musik ist herrlich, Maestro,- aber zu viel Noten." „Nicht eine einzige zu viel, Majestät!" war die Antwort Cherubinis. — Ebenso könnte man beim oberflächlichen Ueberblicken des vorliegenden großen Chorwerkes, ob seines reichen Inhaltes ausrufen: Zu viel des Guten! Man würde aber sehlgehen, dieses Gute in ungebührlichem Sinne auszulegen, denn alles ist an seinem richtigen Orte und sehr mannigfaltig ausgearbeitet. Vor allem herrscht reiche Polyphonie vor, wie z. B. in Nr. 53: Der M i nh a m e z a r. Wir haben ja da ein bedeutendes Vorbild im Naumburgschen Semiros Iisroel und kein Geringerer als Jacques Frommenthal Haleoy gibt da sein großes Können auch als Synagogenkomponist vor die jüdische Oesfentlichkeit und ihm nahestehend erö,snete Herr Chordirigent Rose uns hier das effektvolle Gebiet der Rezitationen und Fugetten, während im Schlußgesang Seh hajom der Höhepunkt gesanglicher Kunstleistung von einem wohlgeübten Chor erklommen werden soll. Gleich der in As-dur geschriebene Lecho - dodi stellt nicht gewöhnliche Anforderungen an einen gut geschulten Chor, von welchem da besonders reinste Intonation gefordert wird; aber auch dem Vortragenden Kantor wird die Sache nicht leicht gemacht, denn nicht nur hier, sondern in allen Piecen sind die eingestreuten Solis und die für ihn bestimmten Stellen und Recitative harte Nüsse; aber ihr Kern — ist süß. ... So sehen wir einige Prachtexemplare von Ma godlus, Ädonoj meloch u. a. m., die, wenn auch ihre oftmals zu düstere Schattierung an theatralische Szenen hinneigt sich erinnere nur an das Auftreten Wolframs im „Tannhäuser": „Ich hörte Harsenklang"), doch von großer Wirkung sind. — Eine hübsche Piece mit etwas traditionellem Einschlag ist der Weschomru Nr. 34. Der Komponist liebt es, die Schlußstellen (ebenso bei dem späteren Ilmnucho jomar) a la Levandovsky, mit einem Orgelpunkt Sopran und Baß zu versehen, während Tenor und Alt den modulierenden Teil übernehmen. Der darauf folgende Kadisch im Klange des Freitag-Abendgebetes ist D-moll. Das hier notwendige Bin H aufzulösen ist nicht angängig, weil dadurch die Tonart dorisch wird und die jüdische Skala ist verwischt. — Eine Neuerscheinung, die zu begrüßen ist, finden wir bei Verkündung des Neumondes Nr. 71 und 72 (Iechadschehu). Die erste Nummer in der Chanukamelodie, die zweite in der von Pessach, beide hinweisend aus die kommenden Feste. — Kehren wir jedoch noch einmal zum Freitag-Abendgottesdienste zurück, so sind es die zwei Nummern (39 und 41), Kidusch, welche unsere Aufmerksamkeit fesseln. Der erste in der Hellen Tonart A-dur, worin sich eine hübsche Wendung nach F-dur angenehm ausnimmt. Daran schließt sich noch eine Ertranummer (40) Schehechejonu an, welche nicht minder effektvoll geschrieben ist und einem Heldentenor so recht Gelegenheit gibt, sich in den Tönen des hohen Männer- Diapasons auszuleben. Hier wie in manchen anderen Piecen wäre nur die Frage auszuwerfen, warum dem Kantor, der gewöhnlich als Bariionist gedacht ist, so wenig Raum gegönnt ist, da doch anzunehmen ist, daß Sänger mit solcher Stimmentfaltung, wie sie obige Piecen erfordern, nur wenig anzutreffen sind, wogegen vom allgemeinen Standpunkte die Anwendung baritonal gehaltener Recitative und solistischer Vorträge sich empfehlenswerter erweisen. Damit sei aber dem Komponisten nichts vorgeworfen und die Güte seines Werkes nicht geschmälert, weil anzunehmen ist, daß der Verfasser, der sich im Milieu hauptstädtischer Kunstkräste bewegt, auch nur Großgedachtes niederzulegen und wiederzugeben vor Augen hatte. — In seinem Geleitwort bemerkt er auch, „daß die Gesänge zunächst für den Gebrauch in der Gemeinde Hannover bestimmt wären", wo wirklich bedeutende Kantoren mit immer glänzender Chorunterstützung und der Verfasser selbst als Dirigent durch 31 Jahre segensreich wirkte. — Doch noch zu einer wichtigen Piece zurück, zur Kedufcha, die in vierfacher Bearbeitung vorliegt und die wieder den Beweis und den Stempel der Großzügigkeit an sich tragen. Hier finden wir aber auch» was uns not- und wohltut: Die echt jüdische Art der Melodieführung, nach dem Ausspruche unseres Berliner Kollegen, des genialen F r i e d m a n n, der für die Kedufcha nichts Weltliches verwendet wissen will. Schon die landläufige Art, den Mimkomo in der