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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-04-02 · 14 (2.4.1915) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
14 (2.4.1915)
Date
1915-04-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr 14 Dr. Bloch's Wochenschrift Sette 261 Vorräten zu decken, was eine zeitraubende, mühselige und kostspielige Prozedur nötig machte. Die Kartoffeln mußten in den Kellern gesackt, gewogen und aus diesen tiefen Räumlichkeiten hinauf auf die Fuhrwerke verladen werden. Während die Verteilung in den verschiedenen Filialen rasch vor sich ging, mußten in der Nachlieferung wiederholt Stockungen eintreten. Eine Schwierigkeit bereitete auch der gegenwärtige Mangel an Lastfuhrwerken und S cken. Trotz aller dieser Hemmungen wurden bis zum 30. März gegen 29 Waggons, d.- i. zweihundertundneunzigtausend Kilo Kartoffeln, zur Verteilung gebracht; während die restlichen acht Waggons, d. i. achtzigtausend Kilo, am 1. April, als am ersten Tage Cholhamoed, ausgefolgt werden. In der Niederlage am Nordwestbahnhof besteht eine Abteilung der Kriegsfürsorge, die von Herrn Major D a t t n e r geleitet wird. Seine aufopfernde und tatkräftige Unterstützung verdient besonders anerkennend hervorgehoben zu werden. Diese Mithilfe ermöglichte es z. B., daß an einem Tage einmal 30.000, ein andermal über 40.000 Kilo in dieser Niederlage allein ausgegeben werden konnten. Von den 360.000 Kilo gelangten zur Verteilung an Flüchtlinge 276.350, der Rest (83.650) an Wiener Arme. Das Verhalten der Armen, die bei dem großen Andrang mitunter stundenlang warten mußten, um schließlich doch unverrichteter Sache heimzukehren, um am nächsten Tage wiederzukommen, gab zu lehrreichen Beobachtungen Gelegenheit. Es war rührend mitanzusehen, welche Bescheidenheit gerade die Flüchtlinge hierbei an den Tag legten. Und welches Elend muß unter den Bejammernswerten herrschen, wenn sie in solchen Scharen — etwa 60.000 Personen — und mit solcher Ausdauer sich an den Ausgabestellen drängten. Jetzt, da sich das Ergebnis der gesammten Aktion überblicken läßt, zeigt es sich, welch eine Notwendigkeit sie war und welch ein Bedürfnis sie befriedigt hat. Die „Weibliche Fürsorge" hat sich jedenfalls durch dieses glücklich durchgesührte Hilfswerk um die Armen Wiens und um die notleidenden Kriegsflüchtlinge anerkennenswert verdient gemacht und damit ihrer jungen Geschichte ein Ehrenblatt einverleibt. Seder irr der IMchtttngsausspeisung XX., Wallenstemstraße 72 unter Leitung der Frau Sofie Grünfeld. Am 29. Märiz vereinigten sich 450 Heimatlose in den glänzend beleuchteten und mit erlesenem Geschmack dekorierten, sogar mit einem gewissen Prunk gedeckten Festtafeln in den zwei Sälen der Ausspeisung. In bunter Reihe saßen schlichte galizische Arbeiter neben ordensgeschmückten Landsleuten, Professoren der Literatur, Advokaten und Beamten, deren Heim der Feind verwüstet hat. Nur die kleinen Kinder, die noch nicht ahnen, was sie verloren, waren in Jubelstimmung. Nachdem Frau Dozent Sofie Grünfeld, eine wahre Mutter dieser Flüchtlinge, in tiefer Ergriffenheit die Lichter entzündet, und-die'. Benediction gesprochen, verrichtete Herr Kantor E n s e r aus Lemberg mit schöner, klangvoller Stimme das Maarivgebet. Herr Rabbiner Doktor G u t m a n n aus Lemberg hielt eine formvollendete und tief ergreifende Rede, bei der kein Auge tränenlos blieb. Sein Hoch auf die beiden verbündeten Monarchen und die Wünsche für die im Felde stehenden Glaubensgenossen fand tiefen Widerhall. Würdevoll verrichteten der Herr Rabbiner unter Assistenz des Herrn Kantors den Seder. Hierauf folgte das Festessen, das trefflich bereitet war und aufs anmutigste von Damen der Gesellschaft serviert wurde. Unter den Festgästen bemerkten wir: die Vorstandsdamen des Ferienheims Sofie Q u i t t n e r, Rosa F r eh - b e r g, Adele Zins, Fanni T i r i n g, Helene Porges, Karoline Deutsch, Jda Politzer, Bertha Lichtenst a d t; die Herren Baumeister Edmund Melcher, Hoftat von Twardowsky im Namen des polnischen Ministeriums, Reg.-Vizesekretär Paul Flandrak als Delegierten der Wohlfahrtseinrichtungen für Flüchtlinge, Professor Ehrmann als Vertreter der israelitischen Kultusgemeinde, Frau Schmittlein vom Burgtheater, Hofopernsänger Schwarz, Ehepaar Emil Lederer, Generaldirektor Porges, ka'serl. Rat Frankel, Hof- und Gerichtsadvokaten Dr. F i a l l a und Schnabel, Notar Dr. Willig, Dr. Hirsch (Krakau), die Maler Prof. Isidor Kaufmann und Zewy, Ingenieur Kar eis, Dr. Josef Bloch, Frau Benedikt namens der „Weiblichen Fürsorge", Herrn Karl Freund als Vertreter des israel. Humanitätsvereines „Eintracht" mit Gattin, und das Ehepaar I. Freund als Hauseigentümer. An einem Tische sah man viele verwundete jüdische Soldaten aus Wiener Spitälern, welche für die beiden Sederabende als Gäste geladen waren. Frau Ingenieur Kar eis kommandierte als gewiegter Feldherr die weiblichen liebenswürdigen Hilfstruppen der Küchen- und Bedienungsmannschaft. Unter den liebenswürdigen Helferinnen bemerkten wir die Gattinnen der Maler Isidor Kaufmann und Carl Zewy, Frau Doktor Stolper, Frau Dr. Subak, Frau Dr. L i f c z i s, Frau Dr. Blech, Frau Irene Reschovsky, Frau Frau Bolz-Feigl, Fräulein Erna Hamburger, Fräulein Edith Cornfield, Frau Popper, Frau Dr. Körting, Frau Rosa Czeczowiczka, Frau Dr. Braun, Frau Oberrechnungsrätinnen Weinberger und Bloch, Frl. Löwy u. v. a. Alle Anwesenden stimmten darin überein, daß sie einen so schönen Seder, in dem die Verbrüderung aller Stände, die Vereinigung von West und Ost, das vor einem neuen Pharao geflohen war, zum Ausdruck kam, nie erlebt hatten, und die alten Zeiten des selbständigen Israel traten allen mit Wehmut vor die Augen. Eine mit Jlluüratwnen geschmückte Haaada und ein dem heurigen Jahr anaepaß^es hebräisches Gedicht von Dr. Armand Kaminka wurden in 600 Exemplaren an die Anwesenden verteilt. Am zweiten Abend, der ebenso würdig verl'ef, waren Dr. Edm. Kohn mit Frau Gemahlin und Schwägerin, Frau Regme Ulmann, Frau Dr. Sidonie Kahn, Regimentsarzt Dr. L. Stolper unter den Festaästen, und alle stimmten wieder das Lob für die Veranstalter an, welche den zerstreuten Glaubensgenossen diesen historischen Moment der Zusammengehörigkeit in der Fremde erleben ließen. Rührend waren die innigen Dankesäußerungen der Flüchtlinge, die aUe überschwänglichsten Segenswünsche vom Himmel erflehten für die edelherzigen Wohltäter, die diese beiden Festabende ihnen veranstaltet haben, und denen der Eindruck dieser Feier auch in ftoherer Zukunft unvergeßlich Leiben tmrd. Diesen Gefühlen lieh der Flüchtling Frau Fischmann aus Jaroslau Ausdruck, indem sie im Namen aUer Leidmsgenossen aus allen Gemei' den Galiziens, die in diesem Saale versammelt waren, den Dank an die Präsidentin und ihren Stab aussprach und hervorhob, daß die Damen, welche zu Hause von einem Troß von Dienstleuten umgeben sind, hier untergeordnete Arbeit zur Bedienung der Flüchtlinge verrichten, um wenigstens in diesen Räumen die Heimatlosigkeit nicht so sehr bedrückend zu empfinden. Trotz der Erinnerung, daß sie selbst zu Hause Wohltaten geübt haben und im Kreise ihrer Lieben dieses Fest begangen, wird ihnen der Gedanke an diesen für sie veranstalteten Seder ewig im Gedächtnis bleiben. Frau Sofie Grünfeld erwiderte hierauf in bewegten Worten: „Wir Juden in Wien bilden jetzt alle zusammen eine unglückliche Familie, der eine hat sein Hab' und Gut, der andere sein Blut verloren. Meine Kolleginnen und ich haben Euch mit

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