Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 14 (2.4.1915)
- Date
- 1915-04-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite »6 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 14 Me der kleine Iudenjunge in de« Krieg zog. Das „Mährische Tagblatt" in Olmütz berichtet: Mit einem hier eingetroffenen Verwundetenzuge kam auch ein kleiner Junge mit, der zehnjährige Janosch K. aus Budapest. Janosch, ein kräftiger, munterer Bub, wurde, da er sich von den Soldaten, mit denen er kam, nicht trennen wollte, mit ihnen in das Verwundetenspital der Artilleriekaserne gebracht, das unter ärztlicher Leitung des Dr. Georg Fischer stcht. Aus welche Weise der kleine Janosch zu den Soldaten verschlagen wurde, ist gewiß erzählenswert und bildet eines der kleinen Kapitel, das der große Dichter Krieg novellistisch! gestaltet hat. Der Vater von Janosch, ein jüdischer Fuhrmann aus Budapest, war auf Grund des Kriegsleistungsgesetzes einberufen worden und sollte als Kutscher mit dem Truppen^ train auf den Kriegsschauplatz. Seine Frau war längst gestorben. Verwandte hatte er keine, und so wußte er sich mit seinem Buben, der allein hätte zurülkbleiben müssen, keinen Rat. Für Janosch aber hatte die Sache gar keine Schwierigkeiten. Warum sollte er nicht auch mit in den Krieg, in den schrecklicht-schönen Krieg, den er aus Geschichtenbüchern und Zeitung kannte, und wo auch ein kleiner Bub — er wußte es — Heldentaten verrichten konnte. Mit all' seiner kindlichen Ueberredungsgabe setzte er seinem Vater zu, bis dieser nachgab und aus dem chm bedrängenden Dilemma den Entschluß faßte, seinen Jungen mitzunehmen. So zog Janosch mit in den Krieg! Es ging in die Karpachen, wo gerade der furchtbarste Gebirgswinter die Schrecken der Kämpfe noch steigerte. Bald auf dem Wagen seines Vaters, bald mitten unter den Soldaten tummelte sich Janosch> herum und was seine Bubenphantasie noch eben zuvor nur geträumt hatte von Krieg und lustigem Soldatenleben, das durfte er nun alles selbst erleben. Da wurde eines Tages der alte K. von den Russen gefangen genommen mb der Kleine, der gerade damals irgendwo anders gesteckt hatte, blieb allein zurück. Im Tale von Homonna, am Laborczflusse, lag er mit den Soldaten in den Schützengräben. Flintenkugeln, Granaten und Schrapnells flogen herüber, aber den tapferen Kleinen schreckten sie nicht und mitten im Kugelregen trug er den Soldaten Essen und Trinken tzu. Er hätte sich aus diesem Leben gar nicht fortgesehnt, hätte nicht vor drei Wochen der Kommandant der Kompagnie, bei der er sich aufhielt, befohlen, daß Janosch mtt einem Verwundetentransport hinter die Front abginge. Mit diesem Transport kam der tapfere Junge nach Olmütz und wird von hier wohl in seine Heimat gebracht werden. Jüdische AetdgoLLesdienste. Aus einem Feldpostbriefe des königl. ung. Honvedrabbiners Dr. Samuel Lemberger: „. . . . Du wlllst .über unsere Feldgottesdienste näheres erfahren. Ich versuche nun. Dir hierüber einiges Mitzuteilen, aber erwarte kein vollständiges Bild. Es sind ja Seelenerlebnisse, und die sind hier, wo die Fittige des Todesengels stets in unsere Ohren rauschen, so intensiv und so subtil, daß sie nur erlebt, aber nicht geschildert werden können. Das religiöse Gefühl hat sich gehoben. Du kennst doch das Wort unserer Weisen: „Wenn die Sünde den Menschen mit ihren eisernen und zugleich verlockenden Banden umklammert und feflhält, so sei er eingedenk des Todestages „jazkir eth jaum hamissoh", und wahrlich, hier wandeln Tausende und aber Tausende nebeneinander die Sühnestraße und sie horchen den gestrengen Mussarwvrten des Kugelregens und des Granatensausens. Die ernste Stille und Zurückgezogenheit verleiht unseren Seelen eine bisher ungeahnte Tiefe und so kommen wir näher zur Wahrheit unserer Emunoh. Denn wie paradox es auch klingen mag, ist es dennoch wahr. Nirgends leben wir so in Stille — wohl in tiefernster und trauriger Stille — und in Seeleneinsamkeit als eben hier am Schlachtfelde. Es gibt da wochenlanges Ausharren, Warten in Wäldern, in Bauernhütten, in Schützengräben, wo man in den langen Gefechtspausen keine andere Beschäftigung hat als über das eigene Schicksal, über das eigene Ich, über die Seele und die gewichtigsten Weltprobleme nachzudenken. So kommt auch der irreligiöse Mensch näher zur Religion und erst der zu Hause streng dem Gesetze Nachlebende Jude. Du kannst Dir die Freude dieser unserer wackeren Brüder vorstellen, wenn ihnen Gelegenheit geboten wird, in althergebrachter Weise mit Minjan ihr Gebet ungehindert und ungestört zu verrichten. - Beim Anblick eines solchen Gottesdienstes käme jeder zu der alten Wahrheit, daß weder Musik noch Choralgesang die wahre Seelenandacht bewirken, sondern einzig und allein die innere Seelenbewegtheit und Vertiefung, die unsere Altmeister so vortrefflich mit dem Worte „Kewonoh" kennzeichneten. Du weißt wohl, wir haben weder Tempelmusik noch mehrstimmige Chöre. Oft geschieht aber, daß eine andere Musik die Andacht steigert. So geschah es vor einigen Wochen. Da hielten wir einen Donnerstag-Gottesdienst in der Nähe der Schützengräben ab. Die Leute kamen kriechend aus chren Löchern hervor und wir versammelten uns in einem zirka 150 Schritt weit gelegenen Häuschen. Der Anblick der Umgebung stimmte uns auch schon ernst und zur Andacht an. Vor uns Drahtstachelhindernisse, Gräben, Bombenwerfer, Minen, drüben — kaum auf Schußweite — der Feind. Was alles uns dieses kleine Erdenfleckchen erzählt und zuflüstert. . . Gerührt und inniglich bewegt beginnen wir das Gebet. Inmitten des Gottes Herrlichkeit preisenden Gebetes, als wir eben den Satz repitieren: „Gott o helft uns", klirren die Fenster und erzittern die Wände. De Feldkanonen und die schweren Haub'tzbatterien haben ihr Feuer eröffnet. Einen Moment Stille, und dann beteten wir weiter: „O König, antworte uns, wann wir Dich anrufen". Abends traf ich unseren Artilleriebrigadier Oberst N. und dankte ihm für die Musik seiner Kanonen, mit der er die Andacht gehoben. Lächelnd erwiderte er, daß er gar nicht wußte, daß'seine Batterien heute auch eine solche Wirkung ausübten. Selbst auf einen Tempel müssen wir stets verzichten. Wir hielten schon überall Gottesdienste ab: im Freien am Felde, in Scheunen und Höfen, in gräflichen Schlössern, in einem Kindergarten, in verlassenen Häusern, in Schützengräben, in Schulen, nur noch nie in Tempeln. Dennoch könnten viele hieher kommen, wahre, unverfälschte Andacht zu schöpfen. Die Zeit des Gottesdienstes ist stets unbestimmt. Hier hängt alles von den Gefechtsverhältnissen ab. Sehrselten läßt sich hier etwas auf zwei Tage voraus bestimmen. Es war schon öfters geschehen, daß der schon auf eine Zeit bestimmte Gottesdienst abgesagt werden mußte infolge eines Weitermarsches. Daher muß alles rasch geschehen. Bringe ich in Erfahrung, daß ein Regiment Rast hat, so wird telegraphisch oder telephonisch ein Gottesdienst vereinbart. Die Division hat eigene Tefillin, Tallis, Gebetbücher, wie auch! eine Sefer-Thora, eine komplette ambulante Synagoge. Ich nahm auch einen Schofar mit. Es wird gebetet wie zu Hause. Stets, auch an Wochentagen, wird. gepredigt und ein Gebet für den Sieg unserer gerechten Sache verrichtet. Es sind Truppen, zu denen ich auch achtmal hintereinander jede Woche kommen konnte. Hingegen kam auch vor, daß wir an einem Feiertag infolge Truppenverschiebungen keinen Gottesdienst abhalten konnten. Mit der Jomkippur- Andacht ging es uns schr gut. Wir waren in einem Keinen galizischen' Dörfchen. Unsere Division hatte eben