Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 13 (26.3.1915)
- Date
- 1915-03-26
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 2#«'> Dr. Oloch's Wochenschrift Nr. 13 Zuhörern die hohe Bedeutung dieser Worte mit aller Macht einprägen wollte, es war, als ob der Scheliach Zibur (der Gesandte der Gemeinde) von seiner hohen Mission erfüllt, vor dem Throne Gottes die Unzulänglichkeit menschlichen Wollens darlegen wollte. Bei den Worten „Bar Lewvw" (klar das Herzbemächtigte sich des Sängers eine so tiefe Ergriffenheit, daß sich der ganze Körper zusammentrümmte und man das innere schluchzen herausfühlte. Ich stand verblüfft da und konnte mir die Ursache dieser Ergriffenheit nicht erklären. Dieser Psalm war ja, genau genommen, nicht einmal ein Gebet, sondern eher eine fromme Ermahnung des Psalmifren,; warum also diese ganz absonderliche Herzergriffcnheit?. Dieser Gedanke ließ mir keine Ruhe, rch konnte auch die Nacht nichr schlafen, bis ich endlich die Lösung gefunden, und der Veriöhnungstag ward mir zu einenr Tage der Versöhnung mit meinem Gotte, mit mir selbst und mit meinen Nebenmenschen, die dort um mich waren. Wie oft legen sich die Menschen gewisse Ansichten, Lebensmaximcn und Weltanschauungen zurecht, die so sehr in den Rahmen ihres Wesens hmeinpassen, sie sind selfensest davon überzeugt, daß sie auf dem richtigen Wege seien, so daß fie zu jeder Stunde bereit wären, daraus zu schwören - und wie oft erweisen sie sich als trügerisch! „Ich Hasse die Juden!" rufen die sonst ganz anständigen Renaten weiblichen und männlichen Geschlechts, und - „Ich kann die polnischen Juden nicht ausstehen!" schreien auch die anständigsten Aschkenasim. „Ich passe nicht mehr in diese Kreise!" sagt sich der oder jener erfolgreiche Künstler, Geldmann, ja auch Gelehrte, mit Bezug auf seine Freunde oder Verwandte, die feinen Ausstieg mit Sympathie begleitet, mit ihm gebangt, gehofft und gejubelt hatten, und — „Sie gehört nicht mehr zu uns!" sagen diese auf das arme Mädchen, das ihr Schicksal in die Hand genommen, ihren Lebensweg sich selber bahnt. — „Ich bin der Herr im Hause!" behauptet steif so mancher Ehemann, der sonst für jedernrann der allerergebenste Diener ist, es aber mit seiner Würde nicht vereinbar findet, Nachsicht zu üben gegen diejenige, die daraus am meisten angewiesen ist, uttd „Ich lasse mich von einem Manne nicht tyrannisieren!" kreischt so manches Weib, das durch ihre Launen den Mann zum Tyrannen gemacht hat, den sie durch Sanftmut und Milde zu einen: Engel hätte inachen können. ... j So ließen sich der Beispiele noch viele anführen. Alle, alle sind sie fest überzeugt, wie sehr sie im Rechte seien — und wie oft erweist sich diese Ueberzeugung als eine trügerische! Diesen Gedanken har der Psalmendichter in erhabene Worte gefaßt, und die jüdischpolnische Liturgie hat sie für geeignet gefunden, sie gleichsam als Devise dem heiligsten Tage des Jahres voranzustellen. Adonai ist die Vollkommenheit. Kein Mensch kann vollkommen sein — aber es ist in unsere Hand gegeben, uns der Vollkommenheit zu nähern. Groß ist der Berg und kein Mensch hat noch je den Gipfel erreicht, aber je näher wir ihm kommen, umso göttlicher ist unser Denken und Fühlen, denn je näher wir ihm kommen wollen. umso reiner müssen unsere Hände und umso klarer muß unser Herz sein. Vor allem rein die Hand nichts Unrechtes tun, kein Unrecht dulden, dies können wir aber auch nur dann, wenn klar das Herz, so klar, „daß es mir nicht den Geist zu Falschem krage And nicht beschwöre Trügerisches". Wir Aschkenasim oder „Datsche", wie sie uns nennen, gleichviel ob wir deutsche, ungarische, böhmische oder sonst ihnen fremdländische Juden sind, wir sind in der Regel recht nette, seine Leute. Nicht als ob es unter nns keine. Bösewichter gäbe die gibt es überall —, das sind eben die Ausnahmen. Aber so im allgemeinen kann man uns doch wirklich nichts Schlimmes nachsagen. Vor allem rein die Hand — wir schauen gar viel auf Korrektheit, wir lügen nicht, betrügen nicht, beleidigen niemanden geflissentlich, — nur wenn es sein muß. Wir sind auch wohltätig, wir reichen dem Bettler sein Almosen, wobei wir allerdings daraus achten, daß er uns nichr zu nahe komme, ja, wir haben schon eine gewisse Virtuosität darin erlangt, die Münze so hineinzupraktizieren, daß wir die Hand nicht berühren — und geschieht ein großes Unglück, da stellen wir auch unfern Mann, wir spenden groß und sorgen dafür, daß es — zur Anspornung für die ändern — auch in die Zeitung komme. Der „Polische" gibt kein Almosen er gibt Zedokoh. Was das ist? Wenns euerem Herzen nicht klar ist, werdet ihr es nie verstehen. Zedokoh heißt Gerechtigkeit, Tugend, Liebe zu Gott —. aber als Abraham sich bereitwillig zeigte, sein einziges Kind als Opfer darzubringen, da wurde ihm dies auch als Zedokoh angerechnet. Der Polnische begrüßt den Armen beim Kommen und beim Gehen mit einem breiten Salem aleikunr, und hat er Hunger, setzt er ihn an seinen -tisch und. spricht sich mit ihm aus wie mit seinesgleichen. Wir Datsche sind aber doch auch gute Juden. Die alten Sitten und Gebräuche haben wir wohl als unnütz über Bord geworfen, aber an den Hauptsachen halten wir noch immer fest oder bemühen uns wenigstens - allerdings vergeblich —. unseren Kindern einen Begriff davoir beizubringen. Wir fürchten Gott, tun recht und scheuen nichts so sehr, als uns „zu erkennen zu geben". Wir sind recht nette, seine Leute — wenn ich aber die Stufenleiter ins Auge fasse, die zum Gipfel des Berges führt, dann muß ich es bekennen: Jener blaffe „Bar Lwow" mit dem Bär'Lewöw steht, Hoch) uüerriüchbar hoch über uns! Literatur. Leier und Schwert. (Gewidmet dem Andenken d s Helden und Dichters Dr. Hugo Zucker m a u n von Lberkantor Armin W i l k o w i t s ch, Eger. Mil: dem Aufgebot seiner letzten Kräfte schleppte sich Dr. Hugo Zuckermann, 'mit einem verwundeten Reh vergleichbar, nach seinem heimatlichen Reviere, um dem heißgeliebten Mütterchen, der Erwählten seines Herzens und den vielen, vielen Verwandten und Freunden in Eger die abgemagerte Hand zum Scheidegruße zu bieten. Ahnte und fühlte er doch wohl, daß sein blutgetränktes Schwert, womit er, wie er selbst sagte, die unschuldig hingemetzelten Glaubensgenossen von Kischinew nach echter Makkabäerart rächte, zerbrochen sei, daß die Saiten seiner wunderbaren Leier, die die berzerquickendsten und seeleerhebendsten Lieder hervorzauberten, zersprungen seien,' und darum stand darnach sein heißestes Sehnen: auszuruhen in den heimatlichen Gefilden, nach heißer, mörderischer Schlacht . . . Was liegt daran? — Barg doch seine Dichterbrust süßes Hoffen, daß viele Hunderttausende traben in Oesterreichs Reiterei, die mit Begeisterung Habsburgs Banner schützen wider jeden Feind, starb er doch mit der Zuversicht im Herzen, daß der Sieg am Ende unser sein wird! . . . Was liegt daran? wenn sie ihn begraben! Wenn nur unsere Fahnen wehen auf Belgeräd! — Und wer Dr. Hugo Zuck er mann so wie ich kannte, wie edel und selbstlos sein ganzes Leben, ja sein Sterben war, der wird ohne Bedenken seine Rechte zum Schwur für die Wahrheit seiner Dichterworte erheben: — „Was liegt daran?" — Nun riefen sie mich, deren Fenster den meinen gegenüberliegen, mich zu sorgen, daß in der Synagoge für die Genesung ihres teueren Kranken Psalmen rezitiert werden und kamen dann zu mir, ehe der Morgen anbrach, zu künden die erschütternde Nachricht, daß der Held ausgerungen habe, daß er nun friedlich und ohne Verzerrung seiner Gesichtszüge auf dem Totenbette liege, als schwebten noch die Worte auf seinen schmalen fahlen Lippen: „Was liegt daran?" . . . Und am Abend fuhr ich mit seinen Lieben hinaus auf den Gottesacker, ihn in der Totenkammer auszubahren. Gespensterhaft starrten uns die verschneiten Grabsteine an: „Was wollt ihr hier zu dieser ungewohnten Stunde?" Seid ruhig! Wir bringen euch einen Toten, edel und gut, der einst diese Stätte hier berühmt machen wird! Dereinst werden Pilger