Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 13 (26.3.1915)
- Date
- 1915-03-26
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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!»f. 13 Dr. BLoch's Wochenschrift gilt 249 Geschicke so schwergebeugte Mutter und Familienangehörigen. Worte des Trostes, indem er unter anderen bemerkte, daß an dem Verstorbenen der Wunsch unseres' Stammvaters Jakob, dessen Namen fcr trage, in Erfüllung gegangen: „Ruhen will ich bei meinen Vätern, führe mich aus Aegypten und begrabe mich in ihrer Grabstätte." (Genes. 47, 30.) Die täntorale Funktion versah in ergreifender Weise Herr Oberkantor Goldenberg, begleitet von dem gutgeschulten Männerchore. An der Beerdigung nahmen außer den hier weilenden Offizieren und einem Truppenkörper des hiesigen Bahnhofs- und Brückenkommandos, eine Abordnung des Veteranenvereines und viele Trauergäste aus allen Schichten der Bevölkerung teil. Prag, 19. Mürz. (S t e r b e f a l l.) Gestern ist hier Herr Samuel Lieben, eine in den weitesten Kreisen unserer Stadt wegen ihrer hervorragenden Tugenden bestbekannte Persönlichkeit.nach kurzem Leiden im 67. Lebensjahre verschieden. Herr Samuel Lieben war bis vor wenigen Jahren Inhaber der alten Tuchfirma M. Hock Sohn Nachfolger. Nebst seiner kaufmännischen Tätigkeit widmete er sich schon in seinen jüngeren Jahren mit seltenem Eifer und liebevoller Sorgfalt allen humanitären Bestrebungen der jüdischen Gemeinde. In der Armenrommission der Kultusgemeinde, der er etwa zwei Jahrzehnte angehörte, hatte sein gutes Herz ein reiches Feld, sich im Interesse der Armen zu betätigen. Er fühlte Hund zeigte sich im Verkehr mit den zahlreichen Bittstellern immer als ein wirklicher Vater der Armen, dem sich jeder vertrauensvoll näherte. Und'wie groß war der Kreis der Armen und Notleidenden, die in ihrer Verlegenheit hie nie versagende Hilfe und Vermittlung des Verewigten aufsuchten. Samuel Lieben besaß außer einer umfangreichen weltlichen Bildung tiefe Kenntnisse in der räbbinisch-talmudischen Literatur, die, verbunden' Mit einer seltenen, keine Opfer scheuenden Frömmigkeit, in ihm den würdigen Erben einer alten vornehmen jüdischen Familie der Stadt Prag erkennen ließen. Nebst der Witwe, Frau Johanna Lieben, geborenen Teweles, trauern um deU Verklärten die Kinder: Rabbiner Prof. Dr. A. Deutsch und Frau, Prof. Dr. S. H. Lieben und Frau, Pros. Oskar Lieben, Ung.-Hradisch, Rabbiner Prof. Dr. Leo Singer und Frau, Med. Ludwig Lieben und Frl. Grete Lieben. Feuilleton. Schir Hamaaloß. Von Emanuel Reisz. Die Tage meiner Jugend waren keine freudenreichen. Unbeschadet jener Freuden, die eine an Körper und Geist gesunde Jugend an und für sich verleiht, hatte ich von frühester Kindheit an mit Entbehrungen aller Art zu kämpfen, unter denen eine sich besonders stark fühlbar machte — der stets unbefriedigte, brennende Durst nach Wissenschaft, die heiße Sehnsucht nach der großen Erkenntnis, zu wissen, was gut und was böse ist. .... Notgedrungen, in ungarischen Dörfern und Pußren mein Dasein zu fristen, wähnte ich stets, nur das Leben in der Großstadt vermöchte meine Sehnsucht zu stillen, da, wo dje Kultur ihre Zelte gufgeschlagen und Menschengeist .pus jedem Steine spricht — allein dieser mein WunfÄj blieb lange ein frommer, und in den letzten Jahren meiner Junggesellenzeit wurde ich gar nachhinein polnischen Dorfe verschlagen, wo mir von allen -Leiten Unwissenheit und Unkultur entgegenstarrte. In der zu einer gewissen Berüjhmcheit gelangten Geschichte der jungen Renate Fuchs entfährt einmal der,. Heldm der Erzählung, gleich zu Anfang, öa£ ominöse Wort: „Ich Hasse die Juden!" — Fräulein Renare war damals noch im Vollbesitze ihrer rörperlichen, geistigen und materiellen Vorzüge. Jung, schön und reich, fein erzogen, hochgebildet, klug, bescheiden und sittsam, die vielbeneidete Braut eines Fürsten, hatte sie wahrlich wenig Veranlassung, die Juden zu hassen, die ihr noch nie etwas zuleide getan hatten, und die sie ja auch kaum kannte. Und sm Grunde genommen, war es auch gar nicht währ — denn dasselbe Fräulein Renate erweist sich später als die innig-aufrichtige Freundin einer jüdischen ehemaligen Schulkollegin und wird am Ende gar die vom Herzen zugetane Gattin eines allerdings exzeptionellen Juden. Mer subjektiv war es dennoch wahr, und als Mademoiselle die erwähnte Aeußerung gemacht hatte, wäre sie wohl imstande gewesen, mit gutem Gewissen darauf zu schwören, daß sie die Juden hasse. So ähnlich erging es mir mit den polnischen Juden. Auch ich mochte, wie so viele meiner ungarischen und deutschen Stammesgenossen, die polnischen Juden nun einmal nicht leiden und wäre gewiß zu jeder Stunde bereit gewesen, einen heiligen Eid darauf zu Leisten. . . . Ein Zufall fügte es, daß ich gerade vor den hohen Feiertagen in die Gegend kam. Der Rosch-haschanah wurde Wir gründlich verleidet. Der ungewohnte Gottesdienst in der ungewohnten Umgebung flößte mir Widerwillen, ja fast Grauen ein, und wenn ich mich, da mit meinem Gotte aussprechen wollte, mußte ich die Augen schließen, um meine Umgebung nicht zu sehen. . . . Wie wird düs erst am Jomkipur werden? Mit Bangen und Zagen sah ich dem Versöhnungstage entgegen, der für mich, allem Anscheine nach, ein wirklicher „langer Tag" werden mußte. „Wird vor Kolnidre gepredigt?" fragte ich. „Nein," wurde -mir, zur Antwort, „wir sagen Schir Hamaaloß." — Was ist das nun wieder für eine verrückte Sache? dachte ich bei mir. Die Schir Hamaaloß (Srufenlieder) sind gewisse Psalmen, die wir bei uns zu Hause schon als Kinder an Winter-Sabbatnachmittagen lesen mußten, und an denen ich, obschon ich sie ganz gut verdeutschen konnte, nie was besonderes gefunden hatte. Und gerade eines dieser langweiligen Schirhamaaloß wird hier herausgesucht, um damit die heiligste Stunde des Jahres einzuweihen? Entsetzlich! Wahrlich, diese polnischen Juden verstehen es nicht einmal, fromm zu sein! — Mir Mißmut und Unbehagen erwartete ich den Kölnidreabend. Und es kam der Abend. Ein noch junger, schlanker Mann mit durchgeistigten jGesichtszügen trat vor den Omid. „Ein Bar Lwow — ein Lemberger Bochur!" hatte mir mein hebräisch gelehrter Nachbar mit bedeutsamen Augenzwinkern zugeflüstert. Es war mäuschenstille geworden in dem vorher'noch so geräuschvollen Bethause, alle Lauschten voll andächtiger Spannung wie auf eine Offenbarung . . . „Schir Hamaaloß . . „Wer kann erklimmen den Berg Adonai? Wer aufrecht steh'n auf seinem heiligen Gipfel? Wer rein die Hände hat Und klar das Herz — Daß es mir nicht den Geist zu Falschem trage Und nicht beschwöre Trügerisches. . ." Was war das?! Waren das dieselben Worte, die ich als Knabe so oft heruntergeleiert hatte? Es wären dieselben Worte — aber welch' überirdische Kraft mußte in ihnen verborgen sein, wie sie jetzt aus dem Munde dieses Vorbeters an mein drangen. . . . Tie Stinrme war nicht schr kräftig, aber üheraus innig, zu Herzen dringend. Es war, als ob der Sänger seinen