Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 11 (12.3.1915)
- Date
- 1915-03-12
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Leite 110 Dr. «loch's Wochenschrift Nr. 11 „Jawohl, Herr." Nach einer Viertelstunde kehrte ich zurück. Mein Gast hatte sich inzwischen schön frisiert und wärmte sich mit aufgelöstem Haar am Ofen. Das Feuer goß seinen Schein auf chr Gesicht, auf chr herabwallendes reiches Haar. Sie war schön. Auch ihr Auge glänzte nicht mehr so kalt. Mein Gott, was mußte das vor noch nicht langer Zeit zu Hause für ein stolzes, selbstbewußtes Geschöpf gewesen sein! Ich breite das kalte Nachtmahl auf dem Tisch aus. Eine Dose Forellen in Oel, Schinken, Butter, zwei oder drei verschiedene Käsesorten, Obst, einige Semmeln und eine Flasche Muskateller. Von dem Schinken nahm sie nichts. Wer mit gierigem Heißhunger sprach sie den übrigen Gerichten des einfachen Nachtmahles zu. Ihre herrlichen gesunden Zähne glänzten, chr Gesicht wurde im Essen ganz rot. Hie und da hielt sie ermüdet inne. Ich schenkte chr von dem Muskateller .ein. Mit wahrem Genuß die Augen schließend, schlürfte sie "den schmackhaften Wein, und es schien, als kümmerte sie sich jetzt um nicht anderes, als darum, sich endlich sattzuessen. Während dieser ganzen Zeit sprachen wir kein Wort. Ich wollte sie nicht mit meinen Fragen stören. Als sie gesättigt war, blickte sie wieder so gleichegütig und abgespannt vor sich hin, wie im Wärteramn. Ich schälte chr einen Apfel und begann ^ein Gespräch „Woher sind Sie?" „Aus Tarnow. Seit zwei Wochen werde ich so hin- und hergeworfen. Ich ging allein fort, denn meine Mutter lag krank und mein Vater wollte sie nicht zurücklassen. Auch ich wollte dort bleiben bei meiner Mutter, aber die Russen hatten sich genähert. . . . Ach du, lieber Gott. Sie wissen, Herr, was das bedeutet. Ich bin ein schutzloses jüdisches Mädchen, und die Russen kommen immer näher! Auch meine Mutter bat weinend, daß ich gehe. Die Menschen eilten in großen Gruppen zur Bahn, von ferne her war das Brummen der Kanonen zu hören, starke Explosionen erschütterten die Fenster, und selbst die Erde unter uns erzitterte. Ich hatte nicht viel Zeitzu überlegen. Ich eilte den Menschen nachzum Zuge, wo es einen großen Lärm und viel Geschrei gab, und Frauen leise weinten und Kinder laut weinten. Ich stieg in einen Zug, ich wußte nicht einmal, wohin er mich führt, bloß das eine wußte ich, daß er mich weittveg führt, aus der Nähe der Russen, und das war mir genug. Ich nahm bloß diesen, kleinen Korb mit etwas Wäsche mit und dieses gestrickte Tuch, welches meine Mutter mir auf die Schultern legte, als ich flüchtete." „Das gestrickte Tuch bedeckte auch jetzt ihre Schulbern. Sicher war es noch jetzt warm von der mütterlichen Liebe, die es chr umgehängt hatte. s Ich goß Wasser in den Samovar und zündete den Spiritus darunter an. Ich rauchte eine Zigarre und sann über den Fall des Mädchens nach, der deshalb sehr traurig ist, weil es Tausende und Tausende solcher Fälle gibt. „Geschwister haben Sie keine?" frug ich mit unwillkürlichem Interesse für chr Schicksal. „Nein. Ich habe bloß . . . einen Bräutigam." „Er blieb zu Hause?" „Nein. Er ist Soldat. Zog in den Krieg . . . ." Nach^ denklich blickt sie vor sich hin, chre Gedanken mögen jetzt weit von hier weilen, ein unruhiger, nervöser Seufzer entreißt sich ihrer .Brust, während sie chre Stirne zuf sammenzieht. „Haben Sie chn geliebt?" frug ich leise, wie es sich geziemt, dieses Wort auszusprechen, und betrachte schärfer das Mädchen, das noch immer vor sich hinstiert, wie wenn sie Von quälenden Gedanken geplagt würde. Auf meine Frage wirft sie ihren Kops nervös unruhig zurück, und schaut mich an, wse eine, die über diese Sache vieles zu erzählen hätte, was ihr am Herzen liegt. „Mein Herr, wenn ich all das so erzählen könnte, wie es wirklich ist. . . wie es gekommen ist . . .!" „Sprechen Sie. Das tut einem manchmal recht wohl. . . ." „Ja, das tut wohl. Und^ich habe hierüber noch mit niemandem gesprochen. Aber ich fühle, daß es wohl tun >müsse, alles einem Menschen zu sagen, der es versteht, der gut ist, wie Sie, mein Herr. ..." Nervös ziehe ich an meiner Zigarre. Den ganzen Wend über wollte ich gut sein, bin Labev bloß höflich gewesen. Und auch jetzt sprach nicht das Mitgefühl, sondern meine Neugierde zu dem Mädchen. Das ist übrigens gleichgiltig. Die Hauptsache ist, daß sie mich für gut hält und beginnt, die Geschichte ihrer Brautschaft, richtiger gesagt, ihrer Traurigkeit zu erzählen. (Fortsetzung folgt.) Kileratur. Rabbiner Dr. Ansbacher, Heilbronn. „Das Wort des Tages an seinem Tage." Grundsätze der jüdischen Lebensanschauung, in populärer Form behandelt. Predigten und Vorträge. 5675— 1914. Preis 1 Mark. Der Reinertrag ist zum Teil für die durch den Krieg Betroffenen bestimmt. Th» Jewish Quarterly - Review. New Seriös Edited by C.yrus Adler and 8. Schechter. Vol. V, Nr. 3, January, 1915. Contents: Dr. Char'es Singer: Allegorical Representation of tue Synagogue in a Twelf h C ntury Ms. of Hildegard of Bingen. Judüe Mayer Sulzberger T e Ancient Hebrew law of Homicide. — Dr. B. HaTper: A. Volume of ibe Book of IVcepts by Hefes B. — Yasliah, Arabic Text — Critical Notice-: EK Israel Davidson: Some Remarks on the Poems Ascribed to Joseph ben Abraham Ha^oh-rn. (Jor., IV. pp. h2i—3i). :0r Julius H. Green stonu: Thrue Ju*ilee Volumes Published Q arlerlv by the Dr >psie College for H-brew and Cognate Learning. Broad and York Streets Philadelphia Pei na. Prof. Dr. Hermann L. Strack: Verakhoth der Misnatraktat „Lobsagungen". Mit Vokabular und drei Registern. Leipzig, I. C. Hinrichsche Buchhandlung, 1915. L. Wiesner, Wien: Die Jugendlehrer der talmudischen Zeit. Wien 1914. Verlag von R. Löwit, 1. Bezirk, Rotenturmstr. 22. W. Feldmann: Deutschland, Polen und die russische Gefahr. Mit einem Vorwort von Dr. Alexander Brückner, o. Professor a. d. Universität Berlin. Verlag von Karl C u r t i u s, Berlin W. 35. Dr. Alfred Wolfs, Oberlehrer am Lessinggymnasium in Berlin: Der Toleranzgedanke in der deutschen Literatur zur Zeit Mendelssohns. (Gekrönt mit dem ersten Preis der Mendelssohn- Toleranz-Stiftung.) Berlin 1915. Mayer u. Müller, Berlin NW., Prinz Louis Ferdinandstratze 2. Briefkasten. Moritz Salamon, Vattelau. Die Gemeinde muh Sie als ihren Religionslehrer reklamieren. Adolf Fleischer, Kaufmann in Lundenburg. Von der erfolgten Dekorierung des Hugo B i t t n e r erbitten wir Mitteilung. Ernst Kohn in Prag. Wir bitten um den Nachweis, dah Fähnrich Stutz ignum l<udis erhalten hat. Wir -brauchen diesen Nachweis für die Kriegszensur, weil wir sonst die Meldung nicht publizieren können. Signum iaudis wird sonst nur an Offiziere verliehen.