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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-03-12 · 11 (12.3.1915) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
11 (12.3.1915)
Date
1915-03-12
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Stellt Dr. Bloch'S Wochenschrift Gelte «S Feuilleton. Hie Kraul aus Taruoro. Aus dem Ungarischen des Nandor Korcsmaros. Rötliches) bengalisches Licht umkoste die schneebedeckten Berge. Auf der Höhe blieb ich stehen. Ich betrachtete die Straßen, welche sich in dünnen Linien in das Tal hinabschlängelten. Im Becken bildeten die vom Schnee bucklig geioordenen Häuser eine Gruppe, wie ein Haufen zusammengetriebener fetter Schafe. Die Sonne war untergegangen. Von ihr ging der rötliche, bengalische Schein aus, welcher sich auf den First der Berge ergoß. Unten aber blieb mein Blick unter den Häusern an der Kirche hasten, wie sie ihre beiden Türme gen Himmel streckte, wie ein betender Mensch seine .Arme emporstreckt, indem er sein Gebet laut hinausschreit. Das Glockengeläute dringt zu mir empor. Langsam schreite ich mit einigen anderen den Berg hinab. Wir lenken unsere Schritte in die Richtung der kleinen Stadt hinüber, der wir zustreben. Wir bleiben dort nur einige Tage und sehnsüchtig denke ich schon an das einfache keinstädtische Hotelzimmer und an eine Tasse heißen Tee. Inzwischen war die Sonne jenseits des Berges hinabgesunken, während wir auf der dem Städtchen zug^wendeten Seite hinabgestiegen waren. Ich hatte noch etwas in der von Menschen dichtgefüllten Station zu verrichten, begab mich dahin, üm mich dann neben dem geheizten Ofen und dem heißen Tee zu flüchten. Im Wartesaal große Bewegung. In einzelnen Gruppen lagern Männer, Frauen und Kinder, mit traurigen, müden Gesichtern, aus denen die Unruhe und Schlaflosigkeit vieler Wochen sprechen. Es ist ein bereits gewohnter Anblick. Gleichgiltig gehe ich a^ ihnen vorüber. Ein andermal würden sich vielleicht meine Augen mit Tränen füllen, jetzt aber ertappe ich mich mitunter dabei, daß ich herzlos Tntu Mein Herz wird allmählich hart, wie dasjenige eines Friedhofwächters, der sich an die Tränen bereits gewöhnt hat, und immer wieder sieht, daß die Toten ruhige, zufriedene Menschen sind, die Lebenden hingegen weinen und traurig sind. Nur vor dem Schmerz der Mütter bleibe ich sinnend steh»n. Dieser Schmerz ist echt. Den 'Schmerzen liebender Frauen widme ich rasch einen flüchtigen Mick, vielleicht entschwinden sie, während ich an Meiner Zigarette einen Zug mache. An der vom Mörtel entblößten Wand des Wartesaales erblicke ich ein einsames Mädchen. Zusammengekauert sitzt es da, neben einem! kleinen, gelben, geflochtenen Korb. Es scheint, als ob selbst ihre Qualen schon verstummt wären. Ich bleibe einige Schritte vor ihr stehen. «Ich Möchte sie so gerne bedauern, ich möchte, daß mein Herz für sie Mitleid empfände. Umsonst. Ich betrachte sie bloß wie ein ernstes, finsteres Munkäcsy?- Bild in der Galerie. Hätte ich Mitleid mit ihr empfunden, so wäre ich befriedigt weitergegangen. Aber gerade, weil mir dies nicht gelang, trat ich auf sie zu und redete sie an. „Wohin reisen Sie?" \ „Ich weiß es' nicht. Irgend wohin. Der Zug nimmt mich Mit, mein Herr." „Allein?" „Ja." „Wann fahren Sie weiter?" „Morgen früh." „Was machen Sie bis frühmorgens?" „Hier sitzen und warten." Ich schweige einige Sekunden. Dann beginnt sie wieder: „Ich habe mich schon daran gewöhnt, mein Herr." Sie zittert kaum merklich vor Kälte. Ich bringe es nicht Mer mich fortzugehen. Und um nur etwas gesagt lzu haben, bemerke ich: „Das ist aber furchtbar, für ein so schwaches Geschöpf. Sie werden sich krank machen!" >Sie erwiderte nichts. Sie zieht ihr gestricktes Tuch fester um ihre schmalen Schultern zusammen. Gawz ohne Grund ziehe ich meine Uhr hervor, um sie anzuschauen. Eigentlich müßte ich schon fort, weiß aber nicht recht wie. Ich bleibe noch ein wenig und sage nur so mit der im Zivilleben angewöhnten Zuvorkommenheit: „Kommen Sie. Ich werde Ihnen ein Nachtquartier verschaffen. Ich kann Sie in dieser Kälte nicht hier zurücklassen." Ohne nachzudenken, stand sie auf, nahm ihren ge flochtenen Korb auf den Arm und sprach: „Führen Sie mich, Herr." Auf dem langen Wege, den sie schon bisher zurückgelegt hat, hatte sie sich schon daran.gewöhnt, daß man sie hierher und dorthin schickt, oder führt. Sie hat es ganz natürlich gefunden und sie hatte auch recht. Wie sie nun aufgestanden war, musterte ich sie mit meinen Blicken. Das zusamniengekauerte, unansehnliche Geschöpf hatte sich zu einem schönen, schlanken Mädchen emporgereckt. Mein Blick blieb auf ihrem großen, schwarzen Auge haften, aber ihr Blick war kalt. Sie ging so neben mir her und sprach so, als ob es meine Beschäftigung und Meine Pflicht wäre, derlei Flüchtlingen Nachtquartier zu verschaffen. Ich freute mich darüber, denn ihre Danksagung wäre mir unangenehm gewesen. In meinem Hotel — dem einzigen Hotel des Städtchens — konnte ich kein Zimmer für das Mädchen bekommen. Jedes hatte schon seinen Gast. Einen Augewblick war ich ärgerlich darüber, daß ich-sie mit mir nahm, denn es wäre mir recht unangenehm, sie jetzt wieder in den Wartesaal zurückzugeleiten, aber plötzlich dachte ich daran, was eigentlich mein erster Gedanke hätte sein sollen. „Wir können nichts anderes tun," sprach ich, „Sie besetzen mein Zimmer, und ich werde die Nacht schon irgendwie verbringen." Das Mädchen ward verlegen. Als ob es erst jetzt zum Bewußtsein gelangt wäre, daß die Quartierbeschaffung denn doch nicht meine Beschäftigung sei und zu meinen Pflichten gehöre. „Mein Herr," sprach sie befangen, während Röte ihr Gesicht Wergoß, „wenn Sie sich nicht genieren, in dem Zimmer zu schlafen, wo ich. . ." „O, ich kann auch auf der Erde schlafen! Ich bitte, mich überhaupt nicht zur Kenntnis zu nehmen. Wie wenn ich gar nicht hier wäre. ..." iAie ließ ihren Kopf sinken und auf ihrem Arm hing traurig der gelbe, geflochtene Korb. In diesem Augenblicke schien es mir, daß sich in jenem gelben, geflochtenen Korb ihr trauriges Schicksal, ihre Leiden bergen, welche ste auf dem Wanderwego der Flüchtlinge mit sich schleppt. Ich griff nach dem Korb, nahm chn ihr weg. Kommen Sie," sprach ich, „gehen wie in unser Zimmer." Dankbar, glückselig erhob sie ihre Blicke zu mir und folgte mir. Ich führte sie in die gutgeheizte Stube. „Ich gehe noch fort, bringe irgend etwas zum essen. Inzwischen machen Sie sich's bequem. In einer Viertelstunde bin ich wieder da."

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