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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-03-12 · 11 (12.3.1915) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
11 (12.3.1915)
Date
1915-03-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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ite 196 Dr. Bloch'S Wochenschrift Nr. 11 Meine verehrten Herren? Ich eile zum Schlüsse! Mir in meiner jugendlichen Phantasie erschien Mannheimer als der Prophet mit dem durchgeistigten, leuchtenden Angesichte, der vom Berge herab die Gesetzestafeln seinem Volke brachte. So steht das Bild dieses herrlichen Mannes, dieses Führers in Israel, in meiner Erinnerung, und so möchte ich nach den Worten unseres von Mannheimer verfaßten Haskara-Gebetes an Sie alle und auch für die kommenden Zeiten die bereits gestern gehörte Mahnung, die ernste Mahnung richten, daß wir sein Werk in Ehren halten und heiligen, dadurch die Einheit und Einigkeit, den Frieden in unserer Gemeinde wahren und erhalten mögen, wie dies in schönerer, eindringlicherer Weise, als ich es vermag, uns allen gestern ans Herz gelegt wurde. “CT Das Andenken des Gerechten sei gesegnet. * Den Gedenkfeierlich leiten wohnten die Familienmitglieder des Verewigten, die Vorstandsmitglieder der Kultusgemeinde, die Vorstandsmitglieder des Prediger Mannheimer-Vereines, sowie eine große Anzahl hervorragender Mitglieder der Gemeinde bei. Mahnwort an die KLiichttingr'. Der in der vorwöchentlichen Nummer dieser Wochenschrift unter diesem Titel erschienene Artikel des Oberrabbiners Dr. Caro aus Lemberg hat unter den in Wien wohnenden Juden aus Galizien einen peinlichen Eindruck hervorgerusen. Daß der Oberrabbiner der größten Judengemeinde Galiziens, selbst ein Flüchtling, zu dieser Zeit und in Wien, wo die galizische Judenfchaft auch sonst nicht mit Lobessprüchen beschenkt zu werden verwohnt ist, schwere Anklagen gegen seine Leidensbrüder öffentliche erhebt, mußte schwere Bedenken wecken. Noch mehr war man darüber erstaunt. und verwundert, daß dieser Artikel in den Spalten dieses Blattes, das geradezu zum Sprachorgan für die Interessen der jüdischen Flüchtlinge geworden ist, Aufnahme fand, und um so eher erwarte ich seitens der verehrten Redaktion Entgegenkommen, auch meinen Ausführungen Raum zu geben, um gegenüber den Anklagen des verehrten Artikelschreibers ein Wort der Abwehr vorzubringen. Nach einigen einleitenden Zeilen, die sich ja schön lesen, sindet es Herr Dr. Caro für gut, eine tiefe Verbeugung vor dem Bürgermeister „der Haupt- und Residenzstadt" zu machen, um ihm und den städtischen Behörden — also auch dein Oberkurator Steiner — Worte der Anerkennung für die „Betätigung von Gerechtigkeit und Wohlwollen" seitens des Herrn Bürgermeisters und der städtischen Behörden zu spenden. Wie es aber mit dieser Betätigung mitunter bestellt ist, wissen die Leser dieses Blattes aus diesem ja zur Genüge, und es muß Wunder nehmen, daß es dem Herrn Dr. Caro entging, daß er sich „nichtsdestoweniger gedrängt fühlte, an feine Glaubensgenossen einige mcchnende Worte zu richten"! An der Hand eines aus dem Gedächtnis deutsch angeführten. Bibelverses, „daß wir Fremde und Flüchtlinge auf Erden sind", sucht er, gestützt auch auf das rabbinische Schrifttum, jede mala üäes von den Behörden abzustreifen, und kommt nun schwerbeladen mit Ratschlägen, welche jeder für sich wie ein Hammerfchlag auf die ohnehin zerbrochenen Köpfe der armen jüdischen Flüchtlinge niedersaust: „Verlasset Euch auch nicht zuviel auf Wohltätigkeit!" „Suchet vor allem Arbeit!" „Füllet nicht als Müßiggänger die Kaffeehäuser!" „Karten- und andere Glücksspiele führen Euch ins Verderben!" usw. usw. Bei aller Achtung vor der PersönliHkeit des Herrn Dr. Caro kann ich ihm den Vorwurf der Unüberlegtheit und der Vergeßlichkeit in bezug auf der Weisen Mahnung für Weise, „vorsichtig in ihren Worten zu sein," nicht ersparen. Kein einziger unter den Flüchtlingen, auch unter denen, die eine Unterstützung beziehen, verläßt sich auf die Wohltätigkeit, er käme auch bei diesem Massenelend schlecht davon. Um mit der spärlichen Unterstützung auszukommen, schreien sie sich heiser bei dem Verkauf von Extraausgaben, tragen sie sich müde mit Brot und andern Lebensmitteln, übernehmen sie bei Uebersiedlungen schwere Arbeiten aller Art. Oeftere Besuche im 2. und 20. Bezirke können Sie davon überzeugen. Andere Flüchtliuge, die keine Unterstützung beziehen, trotzdem auch sie nicht zu den Reichen und Glücklichen zählen, legen sich die größten Entbehrungen auf, um nur die Wohltätigkeit nicht in Anspruch zu nehmen. Daß „Israels Kinder schamhaft sind," dürfte Ihnen aus dem Schrifttum und dem Leben nicht unbekannt fein. „Auch das Suchen von Arbeit" kann ihnen kaum ernstlich angeraten werden; lesen Sie gefl. diese Blätter nach, und Sie werden finden, daß die „wohlwollende Behörde" Flüchtlingen kein Arbeitsbuch ausfolgt. Den Flüchtlingen, die das Kaffeehaus aufsuchen, kann schön deshalb daraus kein Vorwurf gemacht werden, weil jeder von diesen je nach Lage und Stand, in der Heimat §eine seinen Verhältnissen entsprechende Wohnung hatte, die ihm hier äbgeht, und er daher guasi gezwungen ist, zum Kaffeehaus Zuflucht zu nehmen, dort auch mit seinen Landsleuten zusammenzutreffen und sich auszusprechen. Doch bilden diese nur einen geringen Teil, während Sie die meisten der Flüchtlinge in den Lehrstuben der verschiedenen Bethäuser im 2. und 20. Bezirke treffen können, wo sie sich, alt und jung, durch den ganzen Winter hindurch! an jedem Nachmittag versammeln, sowohl zu lehren als zu lernen. Es verlohnt sich!, daß Sie einmal das Beth-Hamidrasch der polnischen, wie das der Schiffschul, die Kultusgemeinde-Bibliothek (vergleiche die „Wochenschrift" vom 12. Februar d. I.), das Beth-Hamidrasch in der Tempelgasse aufsuchen, und Sie werden Ihre Meinung wesentlich berichtigen müssen. Generalisieren darf und soll ein Mann wie Sie nicht. Uebrigens kann nicht zugegeben werden, daß sich Juden aus Galizien, die nach Wien flüchteten, auf diesem Boden als Fremde oder Flüchtlinge im traurigen Sinne des Wortes fühlen und nicht als gleichberechtigte und gleichwertige Bürger des österreichischen Staates. Der traurige Beiname „Flüchtling", so traurig er auch für die Betroffenen ist, wird vom jüdischen „Flüchtling" nie als Schimpfname betrachtet werden. Wie sagen Sie selbst: „Unter den galizischen Juden gab es keinen einzigen Spion, keinen einzigen Landesverräter!" Zu schämen haben sich nur die, die den Patriotismus des jüdischen Flüchtlings verkennen und ihn ungebührlich behandeln. Darum sollte man auch nicht öffentlich von „strafbaren, ihrem sonstigen Berufe fernliegenden Geschäften" schreiben. Für solche Pauschalbeschuldigungen müssen Beweise erbracht sein! In der Tat liegt aber die Sache so, .daß man diese Leute, die gewohnt sind zu arbeiten, Handel zu treiben, zu völliger Untätigkeit verurteilt, ihnen kein jGewerberecht erteilt und das Gros unter chnen vor die Gefahr stellt, ihre bescheidenen Mittel, die sie herbrachten, bald ganz versiegt zu sehen. Was dann? — Auf Schritt und Tritt werden sie von der außerordentlichen Wachsamkeit der „wohlwollenden Behörde" behütet und es geschieht oft, daß sie schon bei einer Aussprache über eine zu unternehmende Tätigkeit beanständet werden. Gegen das „Karten- und Glücksspiel" sich zu wenden, wie für das „Beschenken der Be-

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