Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 11 (12.3.1915)
- Date
- 1915-03-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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)lx. 11 Dr. Blochs Wolyenichnp Seite 1d5 Lichen, wenngleich versteckt eingebauten Tempel, sehe ich vor mir den Mann mit seinem geistig beleoten Angesichte auf der kaufet stehen, höre ich die von Begeisterung durchglüh.en, herzen^warmen Morte, die Mahnungen, Venen andactusvock die Gemeinde Lauschte, höre ich oie mahnenden, strafenden, die in jenen Zeiten des Druckes erhebenden und tröstenden und immer zur Einigkeit mahnenden Worte, deren mir so manche, noch Heine in der Erinnerung, in der Seele hastend geblieben sind. Schon als Knabe, an der Hand meines Großvaters s. A. wurde ich in den Temper geleitet. „Mannheimer spricht heute!", so lautete das Losungswort. Mannheimer, ohne jedes Epitheton. Das Wort „Prediger" ist nicht klangvoll, man gebrauchte es nicht. Er hieß nicht und war auch nicht Schuldirektor, als welcher er (eigentlich zum Scheine) berufen worden war. Er war niast Rabbiner der Gemeinde, er war nicht einmal Doktor. Aber gleich den Großen in der Geschichte, in der Kunst und Literatur hatte den vollen Klang sein Name, ohne jedes Epitheton. So wie man von Schiller, Beethoven, Spinoza spricht und nicht von dem „Dichter Schiller", dem „Komponisten Beethoven", dem „Philosophen Spinoza", wie jedes solches Epitheton omaus eine Verkleinerung des Namens, der Bedeutung des Mannes wäre, so hatte bei uns der Name Mannheimer — einfach Mannheimer — den vollen Klang. Mannheimer, der auch, nachdem er die unmittelbare Ausübung des Lehramtes zurückgelegt hatte, doch immer bei den in diesem Hause stattsindenden Religionsprüfungen erschien und da zu uns Küaben manches eindringliche Wort sprach, Mannheimer, der bei den Barmizwahs und bei den von ihm eingeführten Konfirmationen den jungen Leuten, Knaben und Mädchen, es in die Seele legte, daß sie ungeachtet aller in jenen trüben Zeiten ihnen bevorstehenden Hemmungen treu ausharren mögen an unseren geheiligten Traditionen. Mannheimer, der — ich erinnere mich dessen ganz genau — bei einem in der Gemeinde, auch unter den Vertretern aufgetauchten Konflikt von der Kanzel herab mit flammenden Worten zu Frieden und Einigkeit mahnte. Mannheimer, der, einem Rufe folgend, an das Sterbebett meines sel. Großvaters trat, tröstende und herzenserhebende Worte an den sterbenden Greis richtete. Mannheimer, der Reformator des jüdischen Gottesdienstes, der aber von dem Althergebrachten soviel beibehielt, daß alte und neue Richtung sich damit versöhnen konnte und versöhnte, und der so der Sendbote des Friedens in der Gemeinde war. Und nun, in wenigen Tagen jährt sich ein Gedenktag in der Geschichte Oesterreichs, 67 Jahre — es ist keine Zahl, welche sich zu einer Feier eignet —, aber da vor 67 Jahren, da trat, wohl zum erstenmale, der jüdische Prediger und mit ihm auch der jüdische Gesangesmeister Sulz er in das volleLicht derO öffentlich keit, als die Todesopfer jener frecheitlichen Bewegung — es waren unter diesen Katholiken, Protestanten und auch Juden — zu Grabe geleitet und in einem gemeinsamen Grabe. bestattet wurden, als Man ritz e im er, als der erste, der Er st berufene unter den Rednern, herrliche Worte des Gedenkens sprach und dann zum Schlüsse die Oeffentlichkeit daran mahnte, daß, wie man den für die Freiheit gefallenen toten Juden die letzte Ehre erweise, man auch auf das seit Jahrhunderten traurige unverschuldete Geschick der lebenden Juden blicken, ihnen als freien Männern ihr Recht gewähren möge. Als das erste Parlament, der konstituierende Reichskag, in Oesterreich gewählt wurde, da war es selbstverständlich, daß in demselben Mannheimer nicht fehlen durfte. Die Stadt Brody hatte ihn zum Deputierten gewählt, und da führte nun einmal mich, den Ir jährigen Jüngling, der Zufall in die Kaiserburg — ich gmuoe, es war in dem Reooutensaale, wo sonst die Maskenbälle abgehalten wurden, oder in der kai,errichen Reitschule, welcye, zu einem Saale umgeftaltet, Sitz des Parlamentes war. Und gerade da hielt Mannheimer eure Rede, eine — Finanzrede zum Budget des Reiches. Eine Finanzrede, welche er ungeMr mit den Worten begann, daß er von Kapital uno Finanzen gar nichts verstehe. Mer in diesem Budget waren ettthalten die Judensteuern, die jüdische Au,enthalrssteuer, die jüdische Schlachtsteuer. Und in einer geradezu Ua,,ischen Rede richtete er an die Abgeordneten des ersten österreichischen Parlamentes die Frage, ob sie denn diese R e l i g i o n s besteuerung in dem ersten Budget, welches sie, die Volksvertreter, zu votieren berufen seien, ausrechterhalten wollen. Die Mische Aufenthalts steuer, die jeder nach Wien kommende fremde Jude — und welcher Jude war nicht fremder Jude? — zu bezahlen hatte, also einen Leibzoll, der ^chon seit Kaiser Josefs Zeiten allgemein aufgehoben worden war, nach dessen Tode als Jude n-BoUette wieder eingeführt worden war. Und die Schlachtsteuer, die doch nur der arme Mann, der bei der Schlachtung des Hühnchens das Rituale beobachtet wissen will, rucht aber der Reiche, der sich über das Rituale hinwegsetzt, zu zahlen hat, die Steuer, welche sich daher als eine Auslage für einen religiös-rituellen Akt darstelle. Und da meinte er nun, daß er da eigentlich gar nicht für uns Juden spreche; wir Juden könnten zu den uns treffenden schweren Lasten auch diese Last noch etwa ein Jährchen tragen, aber eine Ehrensache für die ersten Volksvertreter sei es, bei dem e r st e n von chnen votierten Staatsbudget derartige Besteuerungen des religiösen Bekenntnisses nicht zuzulassen. Man kann sich heute kaum einen Begriff machen von den amtlichen, legalisativen, gesetzlich geltenden Bedrückungen und Verfolgungen unserer Voreltern. Da — es sind ungefähr 75 Jahre her —, ich war damals in der Volksschule, forderte der Lehrer eines Tages von der Kanzel öffentlich die jüdischen Schulkinder auf, in der nächsten Stunde sich über die Aufenthaltsbesugnis chrer Eltern auszuweisen. — Ich hatte einen Korrepetitor, der eines Tages nicht zur Lehrstunde erschien; er war des Nachts polizeilich ausgehoben und abgeschoben worden. Es dürfte wohl die Aufenthalts- Bollette abgelausen gewesen sein. — Das sind so Arabesken, Schnörkel in dem monumentalen, aber der Menschheit nicht zum Stolz und nicht zur Ehre gereichenden Bauwerke der Judendruck-Gesetzgebung. Daß da gar oft Mannheimer, sowie die Vertreter der Gemeinde da und dort intervenierten, ist allbekannt. Indessen das größte Lebenswerk Mannheimers war und bleibt doch die Reformierung des jüdischen Gottesdienstes, bei welcher er das richtige Maß einzuhalten, altes und neues zu versöhnen, miteinander zu verbinden verstand, durch die Einführung der deutschen Predigt unserem Gottesdienste neues Leben einhauchte, so ein einträchtiges Zusammenwirken der verschiedenen religiösen Richtungen ermöglichte. Und als Folge oder im Zusammenhänge die Schöpfung einer Reihe von Anstalten und Stiftungen auf dem Gebiete der Wohltätigkeit. Und all' das die Grundlage für die nach einundeinhalbhundertjähriger Störung wieder auflebende und erstarkende Wiener jüdische Kultus gem e i n d e, die, in t' a o t, o bestehend, nach weiteren Jahrzehnten^ auch die rechtliche Anerkennung erh'elt durch ein Kaiserwort, durch ein Wort unseres erhabenen Monarchen.