Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 9 (26.2.1915)
- Date
- 1915-02-26
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 132 Dr. Bloch's rade unsere alte jüdische Bibel gegenwärtig %u so alles beherrschender Geltung gelangt, ist etwas, was . jedes Mische Herz mit besonderem Stolze erfüllen muß. Wo ist. der ehedem so Viel gerühmte Kodex Hammurabi? Wo bleiben die für das Verständnis der biblischen Gedankenwelt angeblich so unentbehrlichen Theologien und KosMogonien des Gilgamesch und Bundehesh? Wo der Priesterkodex, der Jahwist und Elohist und wie sonst alle die aus dem Arsenal der Bibelkritik geholten Granaten und Schrapnells heißen, womit man die Position unserer Bibel, ihre Originalität jund Priorität zu erschüttern so emsig bemüht war? Wer denkt heute an sie, wer kümmert sich um sie? Das ist es eben. In der heißen Glut dieser eisernen Zeit wird zur stählernen Härte geschmiedet das Wahrwort Dickens': Der beste Prüfstein für eine Theorie ist die Praxis und der schlagendste Beweis für eine Lehre ist das Leben. Der Kodex Hammurabi ist sicherlich, ein sehr lehrreiches und lesenswertes Buchl, Gilgamesch und Bundehesh sind es nicht minder, hellenistische Weisheitsbücher und juden-christliche Apokalypsen sind ohne Zweifel geeignet, den Gesichtskreis des Forschers zu erweitern, vor dem hohen Wellengang des brandenden Lebens jedoch vermögen sie nicht standzuhalten. Da gllt nur ein Buch, das Buch der Bücher, unsere alte, wetterfeste Bibel. Denn nur sie ist eine „Lehre des Lebens", des wirllichen blutwarmen Lebens. Die Bibel, sagt Goetheist nicht nur ein Volksbuch, sondern ein Buch der Völker, weil sie die Schicksale eines Volkes zum Symbol aller übrigen aufstellt, oder etwas abstrakter mit Herder ausgedrückt, sie ist die Emanation des in der Geschichte waltenden Gottesgeistes. Wie die Kohle, das Produkt der Erhitzung tierischer und pflanzlicher Stoffe, die durch. Jahrtausende aufgestapelte Wärmeenergie wieder abgibt, sobald sie einer ihrer lÄrtstchung entsprÄhenden Temperatur ausgesetzt wird, so verhAt es sich mit der Bibel. Auch in chr, die nicht ohne jGrund die „Feuerlehre" genannt wird, sind Jahrtausende alte geistige und ethische Energien aufgehäuft, die wieder abgegeben werden, sobald der Anlaß zu einer chrer Entstehung entsprechenden Verbindung vorliegt. In der Weltgeschichte begegnen wir nicht selten derartigen Anlässen: Der mit der Regierung Alexanders des Großen stark einsetzende Hellenismus, die Eroberungszüge des Jslaw im frühen Mittelalter, die Reformation und der mit ihr einhergehende Humanismus in Deutschland, die italienische Renaissance, in allen diesen Epochen erweiterte sich der Geltungsbezirk der Bibel, und es trat gleichsam automatisch ihre Höherwertüng zutage. Solchen Charakter trägt auch! der vor unseren Augen lodernde Weltkriegsbrandan dessen mächtiger Lohe wir die Feuerlehre vow Sinai sich entzünden sehen. Er ist gewissermaßen ein grandioser Akkumulator, der die in der Bibel niedergelegten, dem' Heil der Menschen dienenden Lehren, Erkenntnisse und Erfahrungen vervielfältigt und in gesteigerter Intensität zur Auslösung bringt. Daraus erklärt sich die Erscheinung, daß gegenwärtig ein großer Teil der menschlichen Geistestätigkeit in Mitteleuropa auf die Bibel konzentriert ist. Nicht nur wird ihr Verhältnis zum Weltkriege in zahllosen Vorträgen, Vergleichungen und Gelehrtenuntersuchungen festgestellt, sondern auch! die für den Tag bestimmten Gebete, Kriegslieder, Kriegsballaden können sich ihres Einflusses nicht erwehren. Die Bibel ist das richtige Buch /)es Tages loder wie wir noch vor einem halben Jahre vielleicht gesagt hätten, das Buch up to date. Denn „alles hat seine Zeit und Gelegenheit". Das fühlen gegenwärtig alle in Zentraleuropa. Feind und Freund, Gegner und Bundesgenosse, von dem „der aus dem Throne sitzt, bis zu dem der die Handmühle dreht". Das' fühlten instinktiv auch die wackeren deutschen Krieger, aus deren Munde bei ihrem Einzug in Antwerpen der 46. Psalm Wochenschrift Nr. 9 erklungen war; das wissen aber auch bewußt alle, die ihre wissenschaftliche Lebensaufgabe bis heute darin erblickten, den absoluten Wert und Edelgehalt unserer Bibel heräbzusetzen. Sonst wäre es unmöglich, daß z. B. Friedrich Delitzscheiner der führenden Generale in dem gegen unsere Bibel gerichteten -Angriffskriege aüsruft: Ein unerschöpflicher Quell des Trostes, der Erhebung und der Stärkung in dieser schweren Zeit ist jenes wunderbare alttestamentarische Liederbuch, dem weder die indische, noch die babylonische, noch die semitische Poesie etwas an die Seite stellen können, was an poetischer Schönheit und in ergreifender Betätigung lauterster Religiosität einen Vergleich aushielte mit diesem hohen Liede des Gottvertrauens. Also doch! Also braucht unsere Bibel nicht erst nach Indien und Babylonien in die Schule zu gehen und dort „die Betätigung lauterster Religiosität" zu erlernen. Welche Umwertung aller Werte, welche Umgruppierung aller bibelkritischen Streitkräfte! Wie haben sich da wieder einmal bewahrheitet die Worte dieses selben „alttestamentarischen" Meistersängers: „Die Wahrheit sprießt aus dem Boden.hervor". Aus dem blutgetränkten Boden eines beispiellosen Völkergemetzels steigt sie leuchtend und strahlend empor. Diese allgemein gewordene Erkenntnis von der einzigartigen religiös-sittlichen Kraft, die unserer Bibel innewohnt, ist ein nicht hoch genug anzuschlagender moralischer Gewinn, den dieser Völkerkrieg gebracht, wenn anders er nicht der höchste ist. Ein Gewinn nicht etwa für uns Juden und das Judentum, sondern für die ganze Menschheit, für jeden, der das Bedürfnis fühlt und die Fähigkeit besitzt. Wer die blutigrote Gegenwart hinweg, im Geiste sich einer lichtvollen Zukunft zuzuwenden. „Der Weltfriede, die Entwöhnung der Völker vom Kriege, das ist ein Gedanke, der uns alle mehr belastet, als die Sorge um das glückliche, glorreiche Ende des uns aufgezwungenen Krieges." In. diesem Ausspruche hat der Altmeister der 'deutschen Philosophie, Hermann Eohen, einen Grundgedanken der jüdischen Sozialethik zuM plastischen Ausdruck und in die einzig' richtige Beziehung zum Weltkrieg gebracht. Unsere vieltausendjährige Geschichte, die sich!zum größten Teil auf fremdem Boden abgespielt, die vielfachen Vertreibungen von Land zu Land und Ort zu Ort, die wir erlebt und erlitten, haben uns einen weiten Gesichtskreis verschafft, weit und durch keinerlei Schranken beengt. In den düstersten Epochen der Weltgeschichte standen wir Juden aüf hoher Warte und schauten hinaus in die ferne Zeit. Dort hörten wir den leisen Tritt der Geschichte, den stillen Gang der Geschicke und was im dunklen Schoß der Zukunft sich! vorbereitete, wir sahen es zu allererst kommen, wie wir auch noch heute allmonatlich die Erneuerung und Wiedererleuchtung des. Mondes in unseren Gotteshäusern feierlich . verkünden, . ehe .auch nur ein kleiner Schimmer der verjüngten Mondscheibe vom Auge wahrgenomwen wird. So vermag auch die seit einem halben Jahre über den Himmel Europas gelagerte, scheinbar undurchdringliche Finsternis uns nicht zu hindern, Wer alles Dunkle und Düstere hinweg ein lichtvolleres Gesichtsfeld zu erschauen — Frieden. Nicht etwa den durch diplomatische Künste und völkerrechtliche Verträge zusamMengeleimten Frieden, der dem blutigen Kampfe der miteinander Ringenden ein Ende bereitet, nein, ein viel höheres Ziel hat sich das Judentum , als Weltanschauung gesteckt, den Welt- und Menschheitsfrieden oder wie Hermann Cohen sagt, die Entwöhnung der Völker vom' Kriege. Mit unserem ganzen Wollen und Können und allen unseren Kräften in der Gegenwart stehend, voll edelster und aufopferungsvollster Hingabe an ihre Pflichten und Notwendigkeiten, mit dem Fluge unseres Geistes aber jener hehren Zeit entgegenstrebend und sie erstrebend, da „kein Volk mehr Krieg