Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 8 (19.2.1915)
- Date
- 1915-02-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 8 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 135 sehr stark mit Galizianern und Bukowinaern vermischt ist, zu verdanken hat. Der ehrlich gesinnten, aufrechten jüdischen Wählerschaft der Leopoldstadr hat Herr K l e b i n d e r mit seiner politischen Haltung einen Faustschlag ins Gesicht versetzt. Wir wollen gleich konstatieren, daß die politische Vereinigung, der er angehörr, für seine Handlungen nicht verantwortlich zu machen ist, denn Herr Klebinder geht immer seine eigenen Wege, die ihn sehr oft mit den politischen Bestrebungen des Vereines in Kollision bringen. Auch seinen Parteigenossen dürfte das Heldentum, den Aermsten und Unglücklichsten den Schädel einzuschlagen, beschämend erscheinen. Und soweit wir die liberale Gesinnung des gegemvärrig freiwillig im Felde stehenden Bezirksvorstehers Dr. Leopold Blasel kennen, dürfen wir ruhig behaupten, daß dieser Mann, wenn er in der erwähnten Sitzung zugegen gewesen wäre, es hätte nicht darauf ankommen lassen, daß solche Beschlüsse, die nur unter dem Einfluß der Herren aus dem Wiener Rathause stehen,'gefaßt werden. Wir wollen bei dieser Gelegenheit daran erinnern, wie in dem uns verbündeten Deutschfchen Reiche Flüchtlingsfürsorgefragen behandelt werden, und lassen zu diesem Zwecke einen Bericht aus der „Bossischen Zeitung", Morgenausgabe Nr. 78, vom Freitag, den 12. Februar 1915, folgen: „Kriegshilfskommission für Ostpreußen. Im Regierungsgebäude zu Königsberg fand Sonnabend die zweite Versammlung der Kriegshilfskommission für die Provinz Ostpreußen statt. Oberpräsident von B a t o ck i erklärte, nach der „Hartungschen Zeitung", unter anderem: Unsere Sitzung vom 12. Oktober fand unter sehr günstigen Ausspizien statt. Nach der Sitzung ist dann wieder ein Teil der Provinz in feindliche Hände gekommen und damit ist das Werk der Wiederaufrichtung der Provinz gestört. Die Russen haben im Gegensatz zu dem ersten Einfall diesmal von sich aus darauf hingewirkt, daß die Bevölkerung der von ihnen besetzten Teile die Heimat verließ. In vielen Fällen ist bei solchen, die in der Heimat bleiben wollten, die Flucht erzwungen worden. Eine erhebliche Zähl von alten Leuten, Frauen und Kindern, die der Aufforderung, die Heimat zu verlassen, nicht gleich gefolgt waren, ist in das Innere Rußlands weggeschleppt worden. Wir haben damit zu rechnen, daß etiva ein Sechstel der Provinz augenblicklich von den deutschen Bewohnern fast ganz geräumt ist. Einschließlich der schon von dem ersten Einbruch des Feindes außerhalb Ostpreußens zurückgebliebenen Einwohner haben nach einer Schätzung etwa 250.000 bis 300.000 Ostpreußen die Heimat verlassen müssen. Die Wegschafsung dieser Einwohner wurde erschwert durch das damals recht ungünstige Klima. Durch eine Zeitung wird versucht, "den Zusammenhang der Provinz mit den Flüchtlingen aufrechtzuerhalten und ihnen Gelegenheit zu geben, sich gegenseitig wieder zusammenzufinden. Man ist erschüttert über die große Zahl von Fällen, in denen Familien auf der Flucht auseinandergerissen sind. Große Schwierigkeiten bot der Abtransport der gewaltigen Mengen von Vieh. Durch die Tätigkeit der Landwirtschaftskammer sind etwa 18.000 Stück Vieh und 20.000 Pferde den Russen entzogen und verwertet oder zum Teil nach westlichen Gegenden, zum Teil auch nach gesicherten Teilen der Provinz abgeschoben worden. Dadurch ist ein sehr großer volkswirtschaftlicher Wert gerettet worden. Die finanzielle Verwertung war natürlich sehr schwierig. Wichtig war die Maßnahme, daß die Flüchtlinge möglichst von ihren Pferden und Wagen getrennt wurden. Wenn, wie im Sommer, jetzt im kalten November diese Menge von Frauen und Kindern tage- und wochenlang über Land gefahren wären, dann wäre das Elend und die Sterblichkeit ganz erschrecklich geworden. Aus einer Uebersicht über den Stand der Vorentschädigungsmittel beim Oberpräsidium am 1. Februar 1915, die auslag, ist zu entnehmen, daß bis Ende Januar dem Oberpräsidium vom Finanzminister 17 Millionen Mark überwiesen waren. Davon sind verausgabt worden: von dem Regierungspräsidenten in Königsberg 17,100.000 Mark, von dem Regierungspräsidenten in Gumbinnen 10,330.000 Mark und von dem Regierungspräsidenten in Allenstein 9,000.009 Mark." Vergegenwärtigt nran sich den Bericht der Kriegshilfskommission für Ostpreußen und die Haltung der Machthaber des Wiener Rathauses, und in neuester Zeit auch die der Leopoldstädter „liberalen" Majorität der Bezirksvertretung, so sieht man, wie es mit unseren Flüchtlingen bestellt ist. Aber die Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina dürfen beruhigt sein, an kompetenter Stelle weiß man ihre momentane Situation zu würdigen, und dort richtet matt sich nicht nach den Anschauungen aus Rathauskreisen, aber am allerwenigsten noch nach den der Leopoldstädter Bezirksvertretung, deren Wortführer jetzt Herr K lebinder äst. Dort obetl sprechen Tatsachen, und vor diesen darf den Flüchtlingen nicht bange sein. I. G r o b t u ch. Stellungnahme des : Gemeinderates Josef Stein zur letzten Leopoldstädter Bezirksratssitzung. Ä : In der am Dienstag, den 16. d. M., stattgefundenen Versammlung des Vereines der Fortschrittsfreunde d*-r Inneren Stadt nahm Gemeinderat Josef Stein Anlaß, die Taktik der Christlichsozialen“während des Kr eges näher zu beleuchten. An der Hand der letzten Ereignisse wies er nach, daß die christlichsoziale Partei in Wien, an ihrer Spitze der Bürgermeister Dr. Weiskirchner, die ersten waren, die die ausgegebt-ne und bisher strenge von allen Parteien eingehaltene Parole des Burgfriedens gebrochen haben. In Form von Vertrauensmännerversammlungen wurde die parteipolitische Agitation der Christlichsozialen in ihrer bekannten demagogischen Art wieder aufgenommen. Um einen Vorwand für diese, den gesamtstaatlichen Interessen nicht entsprechende Handlungsweise zu finden, versuchen sie das Odium der Preissteigerung gewisser Lebensmittel einem Teil der galizischen Flüchtlinge aufzubürden. Es ist d.es ein probates Mittel, ihren Wiener Anhängern die Wahrung ihres bekannten Parteistandpunktes vorzumachen und gleichzeitig ihren engeren Alliierten, den Agrariern, die in Wirklichkeit allem von den Preissteigerungen profitieren, aus der Verlegenheit zu helfen. Mit großer Entrüstung wendet sich Gemeindetrat Stein gegen den Standpunkt, welchen die christlichsozialen Führer gegenüber den galizisch-bukowinaischen Flüchtlingen einnebmen, indem sie ihnen die Tore der Reichshaupt- und Rezidenzstadt zu schli ßen bemüht sind. Wien hat als Metropole des Reiches die moralische! Verpflichtung zur weitestgehenden Gastlichkeit gegenüber allen seinen Völkerstämmen, zumal in diesen Zeitläuften, da die härtesten und unmittelbaren Folgen des Krieges die galizische Bevölkerung treffen. Umsomehr, erklärt Redner, den vom Bezirksvorsteher- Stellvertreter Klebinder in der {Bezirksvertretung Leopold*tadt eingebrachten Antrag, man möge gewisse gal zis he Flüchtlinge in die Konzentrationslager abschieben, und den von anderer Seite ein gebrachten Antrag, eine näcbtlicbeRazzia jederzeit auf dieselben zu veranstalten — angeblich im Einvernehmen mit dem Bürgermeister, jedoch sicherlich ohne Einvernehmen mit den freiheitlichen Mandataren — auf das schärfste und entschiedenste zu verurteilen. Unter lebhaftem Beifall nahmen die Versammlungsteilnehmer, unter denen sich mehrere Abgeordnete, Gemeinde- und Bezirksräte befanden, die Ausführungen des Gemeinderates Stein [zur Kenntnis. Eingesendet. An die^ Redaktion der „Öftere. Wochenschrift" Wien. Gestatten Sie mir, daß ich Ihnen mitteile, wie österreichische Staatsbürger in dieser Kriegszeit behandelt werden Ich bin in Zloczow geboren, habe in Grzymalow gelebt, dort als Hausbesitzer Steuern bezahlt, mich redlich ernährt, ich war Soldaten der'österreichischen Armee und habe mir in meinem Leben nichts zuschulden kommen lassen. In meiner Familie und nnter meinen nächsten Verwandten sind 15 Personen an der