Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 8 (19.2.1915)
- Date
- 1915-02-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 136 Dr. Bloch's Front, meine drei Brüder sind ebenfalls im Felde, dienen dem Kaiser und dem Vaterlande. Wegen der russischen Invasion mußte ich Haus und Heim verlassen und trage nun das schwere Los als Flüchtling. Nun habe ich den Versuch unternommen, mit Hilfe ehrlicher Händearbeit mein Brot zu verdienen und fand glücklicherweise einen Wiener Fabrikanten (Alexander Friedmann,Handelskai), der bereit war, mir Arbeit zu geben. Allein die erste Voraussetzung dafür in Wien ist seltsamerweise — die behördliche Erlaubnis, ehrliche Arbeit leisten zu dürfen. Ich wandte mich also an den Wiener Magistrat mit der Bitte, um ein Arbeitsbuch, und da wurde mir bedeutet, ein schriftliches Gesuch zu überreichen. Das tat ich nun und opferte meine letzte Krone. Man ließ mich 14 Tage warten und gab mir sodann einen ablehnenden Bescheid mit dem Hinzufügen, ich könne bei der k. k. Statthalterei dagegen Beschwerde erheben. Nun habe ich auch das versucht, jetzt liegt meine Beschwerde bei der k. k. Statthalterei, und wenn ich in die Büros wandere, weist man mich von einem zum andern. So war ich bereits in sechs Büros und als ich darüber meine Verwunderung äußerte, da sagte man mir: Es ist hier so üblich, die Erledigung wird schon kommen. Seitdem sind sieben Wochen vergangen und ich frage Sie, Herr Redakteur, gibt es denn keinen Weg in Wien für einen Menschen, der dem Staat als Soldat gedient hat, Jahrzehnte hindurch große Steuern bezahlt, wenigstens zu dem Rechte, durch ehrlihe Händearbeit sein Brot zu verdienen, zu gelangen? Ich flüchte mich mit meiner Beschwerde zu Ihnen und appelliere an die Öffentlichkeit. Moses K a tz Wien, XVI., Lindauergasse 25, 2. Stock,-Tür 12. Hilfesroerke der „Israelitische« JlUtrtttf* ftt Wien sirr die Opfer des Krieges. Sofort bei Ausbruch des Krieges fand sich die „Israelitische Allianz" in die Notwendigkeit versetzt, über ihren normalen Wirkungskreis hinaus für verschiedene Kategorien durch den Krieg plötzlich in schwere Bedrängnis geratener Glaubensgenosten, denen von anderer Seite keine Hilfe gewährt werden konnte, Beistand zu leisten. Während des Monates August, als der gesamte europäische Verkehr mit einem Schlage ins Stocken geraten war und Tausende ausländischer jüdischer Familien, welche in österreichischen Kurorten weilten, hilflos in der Fremde blieben, galt es, dieselben im Einvernehmen mit den Behörden, zum Teile auf dem Umwege über Rumänien, in die Heimat zu befördern, wobei die zahlreichen mittellosen Personen für die Weiterreise mit Geldmittel unterstützt werden mußten. Ferner war eine große Anzahl jüdischer Emigranten aus Rußland und Rumänien, welche kurz vor dem Kriege sich auf die Reise begeben hätten und entweder in Wien Schiffskarten von ihren Verwandten erwarteten oder bereits im Besitze derselben mit Unterstützung der Allianz nach den Hafenstädten befördert werden^ sollten, der Möglichkeit beraubt, die Reise nach den überseeischen Ländern fortzusetzen und es mußte für den Unterhalt dieser Familien für mehrere Monate, zum Teil während der ganzen Dauer des Krieges, Vorsorge getroffen werden. Bald trat jedoch diese Fürsorge, sowie die für internierte jüdische Ausländer und Kriegsgefangene, vor der unvergleichlich größeren Aufgabe zurück, den galizischen Flüchtlingen Hilfe zu bieten. Anfangs September wurde die Israelitische Allianz vom k. k. Kriegsfürsogcamt verständigt, daß in den nächsten Tagen einige tausend Flüchlinge einlangen werden, welche nach Mähren dirigiert würden, und die Allianz wurde dringend ersucht, bei der Aktion, die von Staatswegen zugunsten der Flüchtlinge eingeleitet wurde, soweit es sich um Juden handelt, mitzuwirken. Es konnte damals nicht vorausgesehen werden, welchen Umfang diese Aktion annehmen würde. Am 5. September erhielt die Israelitische Allianz von Sr. Exzellenz Wochenschrift Nr. 6 dem Statthalter Freiherrn v. Bleyleben in Brünn ein Telegramm: „Werde in den allernächsten Tagen über 6000 §rme jüdische Flüchtlinge aus Rußland und Galizien in der Jsraeliten-Gemeinde Nikolsburg provisorisch und sehr notdürftig unterbringen müssen, zu welchen: Zwecke ich zunächst die Erbauung heizbarer Baracken angeordnet habe. Da die staatlichen Mittel zu deren menschenwürdigen Bequartierung und Beköstigung keineswegs ausreichen, wende ich mich in dankbarer Errinnerung an die tatkräftige Unterstützung meiner seinerzeitigen Hilfsaktion zum Schutze' der rumänischen Juden in der Bukowina, an die geehrte Allianz mit der Bitte um rasche und ausgiebige Hilfe für die armen Flüchtlinge. Hoffe zuversichtlich, das die geehrte Allianz ihre so oft schon bewährte Humanität in den Dienst dieser aus humanitären Gründen eingeleiteten patriotischen Aktion stellen wird". Nicht lange darauf traf auch ein telegraphischer Hilferuf des Bürgermeisters der Jsraeliten-Gemeinde Nikolsburg ein, wo die ersten Schaaren der Flüchtlinge einstweilen in einer Notbaracke nntergebracht wurden. In einer Besprechung, welche mit Sr. Exzellenz dem Statthalter in Brünn stattgesunden, übernahm es die Allianz für die in Nikolsburg unterzubringenden Familien Decken, Strohsäcke, ^Polster, Eßgeschirr usw. beizustellen. Diese Anschaffungen, welche den dringendsten Bedürfnissen der unglücklichen, damals zum Teile obdachlosen Flüchtlinge zu entsprechen berufen waren und späterhin zur Einrichtung der Baracken verwendet wurden, waren mit einen: sehr großen Kostenaufwand!: verbunden. Als sodann in Pohrlitz und in Gaya für noch viele Tausende jüdischer Flüchtlinge Baracken gebaut werden mußten unb die G samtzahl der Flüchtlinge in Wien selbst und den andern westösterreichischen Städten nach Hunderttausenden berechnet wurde, konnte sich der Verein nicht verhehlen, daß mit den sehr beschränkten zu geböte stehenden Mitteln hier nicht geholfen werden könne. Es gelang die von den hochherzigsten Intentionen geleitete Regierung zu bewegen, ihr humanitäres Hilfswerk nach der Richtung auszudehnen, .daß die Einrichtung der in der Folge erbauten Baracken aus staatlichen Mitteln geliefert, ebenso Kleider, Wäsche und Schuhe für die unglücklichen Flüchtlinge für Rechnung der Regierung beigestellt wurden. Die israelitische Allianz steht nach wie vor mit den in Mähren befindlichen Hilfskomitees in engem Kontakte und in den häufigen gemeinsamen Besprechungen werden die Wünsche und Beschwerden geprüft und eingehend beraten, um sodann den maßgebenden Behörden, mit denen die Allianz in steter Fühlung steht, vorgelegt zu werden. Es kann mit Genugtuung konstatiert werden, daß der Fürsprache des Vereines in den wichtigsten Fragen der namentlich in Mähren geführten Fürsorgeaktion ein gut Teil an der Vervollköminnung des Hilfswerkes und an der Verbesserung der Lage der in den drei erwähnten hauptsächlichen Konzentrationslagern allein etwa 23.000 Personen zählenden unglücklichen Flüchtlinge zukommt. Der Verein konnte nunmehr §ie ihm durch Spenden zugegangenen Mittel zur Förderung zahlreicher Wohlfahrtseinrichtungen verwenden, die zur Erleichterung der Existenz der großen Massen der Flüchtlinge in Wien und auswärts geschaffen wurden. Verschiedenen Volksküche n-und Ausspeisungsstellen in Wien wurden monatliche Subventionen bewilligt, um ihnen eine sehr billige Mittagsköstverabreichung an viele Tausende von Flüchtlingen zu ermöglichen. Ebenso wurden die mit der Z e n t r a lst e l l e der Flüchtlingsfürsorgein Verbindung stehenden, teils von dort direkt geleiteten, teils durch Frau Anita Müller hervorgerufenen Institutionen, Teestuben, Wöchnerinnenheim rc. durch größere Subventionen gefördert. Für etwa 700 Schüler der in Wien ad hoc. eröffneten polnischen Gymnasien und für zahlreiche Schülerinnen verschiedener Kurse für Mädchen wurde von der Allianz das Schulgeld gezahlt und teilweise wurden überdies Schulbücher zur Verfügung gestellt. Für die Zahlung von Taxen für galizische Universität shörer wurde dem Verein zur Unterstützung mittelloser israelitischer Studierender eine größere Summe zugewiesen. Um den durch die Flucht vor der russischen Invasion am härtesten getroffenen Familien aus dem Mittelstände in besonders berücksichtigenswerten Fällen eine entsprechende, über die staatliche Unterstützung