Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 8 (19.2.1915)
- Date
- 1915-02-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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seile 134 Dr. Bloch'S Wochenschrift Nr. 8 25 °o zu 75 o/o. So weist das „Statistische Jahrbuch der Stadt Wien" pro 1913 für das Studienjahr 1912 13 eine Gesamthörcrzahl von 4208 aus, von denen 1055 der jüdischen Konfession angehören. Die „Reichspost" hat also frech gelogen, indem sie die Zahl der christlichen Hörer nur mit 500 angab und daran die Schlußfolgerung knüpfte, daß fast alle arischen Hörer im Felde stehen. In Wahrheit stehen mehr jüdische Studenten im Felde, als nach dem perzentuellen Verhältnis der jüdischen zu der Gesamtbevölkerung gerechtfertigt wäre, weil eine unverhältnismäßig größere Zähl von Juden als Einjahrig-Freiwillige und als Reserveoffiziere ihre Pflicht gegen das Vaterland erfüllen. Aber nicht so sehr die grobe Fälschung der Ziffern ist cs, die der Zensurbehörde hätte auffallen müssen, als vielmehr die nichtswürdige, 'hetzerische und daruni in diesem Augenblicke direkt unpatriotische Tendenz der Notiz. Mit welcher Freudigkeit und Hingebung, mit welchem Opfermute und Gemeinsinne, mit welcher Liebe und Treue zu Kaiser und Reich die Juden Oesterreich- Ungarns in diesem Kriege ihre Pflicht erfüllen, welchen hervorragenden Anteil mit Gut und Blut sie an der Abwehr übermächtiger Feinde nehmen, das wird an der Hand unumstößlicher Tatsachen und Ziffern, die in Voraussicht perfider Entstellungen unserer antisemitischen Gegner schon seit Kriegsbeginn auf Grund amtlicher Ouellen gesammelt werden, erst nach dem Kriege ganz und voll offenbar werden. Wir wollen heute keine Vergleiche ziehen, keine Beschuldigungen erheben. Aber das eine können wir mit Stolz aussprechen: Daß die Juden an reinstem und edelstem Patriotismus sich von keiner a n d e r e n Bevölkerungsklasse, keiner anderen Nationalität dieses Staates beschämen lassen, obgleich der Krieg gerade der jüdischen Bevölkerung die schwersten Wunden geschlagen und H u n d e r t t a u s e n d e von ihnen heimatlos und flüchtig g e m a ch t h a t. Auf Dank haben wir nicht gerechnet, denn eine Vaterlandsliebe gegen Belohnung ist keine. Aber mit schnödem Undank sollte man uns doch nicht kommen? Man sollte doch nicht dulden, daß noch mitten im Kampfe die alten antisemitischen Schlagworte und Verleumdungen wieder lebendig werden, die schon vor dem Kriege das soziale Gefüge zu sprengen drohten und so viel Verbitterung und Haß erzeugt haben. Man soll nicht angesichts des Ehrenzeugnisses der amtlichen Verlustlisten und der allerhöchsten Auszeichnungen an jüdische Offiziere und Mannschaften mit der elenden Verleumdung der Drückebergerei kommen. Man soll nicht angesichts des Ausspruches des Erzherzogs Peter Ferdinand: „Die Juden haben sich i n meiner Division als Helder: geschlagen und ich bin mit ihnen sehr zufrieden," den versteckten Vorwurf der Feigheit gegen sie zulassen. In Deutschland wurde durch das Oberkommando der Marken die antisemitische „Staatsbürgerzeitung" zuerst verwarnr und dann unterdrückt. In Oesterreich lebt und Hetzt die „Reichspost" lustig weiter. Aber die Dinge liegen für uns Juden heute doch anders, als vor dem Kriege und man wird uns schon gestatten müssen, nicht mir unsere staatsbürgerlichen Pflichten zu betätigen, sondern auch unsere staatsbürgerlichen Rechte in Anspruch zu nehmen. Die „Oesterreichisch-Jsraelitische Union" hat 'gegen die Zulassung der oben zitierten Notiz sowie der in letzter Zeit in verstärktem Maße zutage tretenden verhetzenden Tendenzen der „Reichspost" an den kompetenten Stellen entschiedenste Verwahrung eingelegt. S. Fl. Seltsame politische Gestalten. Zu den unangenehmsten Aufgaben der jüdisch.':: Publizistik gehört es, mitten in dem brausenden Völkerringen öffentlich gegen eine Körperschaft Stellung nehmen zu müssen, die man bei uns in Wien infolge ihrer gegenwärtigen Zusammensetzung liberal nennt. Am vergangenen Samstag hielt die Bezirksvertretung der Leopoldstadt eine Bezirksrarssitzung ab. Die Tagesordnung derselben und die Anträge, die dort zum Beschluß erhoben wurden, zwingen uns leider, mit der Majorität dieser Bezirksvertretung, hauptsächlich aber mit dem gegenwärtigen Leiter derselben, Bezirksvorsteherstelloertreter Redakteur Ernst K l e b i n d e r, uns eingehender zu befassen. In der erwähnten Bezirksratssitzung stellten die Bezirksräte Hessenberger, Schütze, Schlüsselberger und Zesewitz, die ersten drei von der Partei Klebinder, den Antrag, an den Magistrat heranzutreten, damit unter Zuziehung von Funktionären des Bezirkes nächtliche Revisionen in den Wohnungen der Flüchtlinge vorgenommen werden. Bezirksvorsteher K l e b i n d e r selbst verwies auf die Erhebungen des Marktamtes, laut welchen Flüchtlinge durch ihre Beteiligung am Lebensmittelhandel die Preise maßlos! in die Höhe treiben und schilderte in grellen Farben die Entrüstung Der Wiener Bevölkerung, die durch das Vorgehen der Flüchtlinge entstanden ist. Sern Antrag geht deshalb dahin, die Bezirksvertretung möge dafür wirken, daß diese Flüchtlinge nicht bloß mit Geld oder Arrest bestraft, sondern aus Wien in die einzelnen.Konzentrationslager abgeschoben werden. All diese Anträge wurden, nach dem Berichte des „Neuen Wiener Tagblatt", einstimmig angenommen. (!!) Wir sind immer weit davon entfernt, irgendeine Unzukömmlichkeit zu beschönigen, viel weniger noch gut zu heißen, am meisten verurteilen wir Ungesetzlichkeiten, die von Jude:: begangen werden, weil es uns leider nur zu 'gut bewußt ist, wie sehr das Gesamtjudentum durch das unreelle Vorgehen eines einzelnen Juden zu leiden hat. Wir müssen uns aber die Tatsache bei der Beurteilung dieser Fälle vor Augen halten, daß diese, tvie BezirksvorsteherstellvertreterKlebinder erwähnte, vom „Marktamte der Gemeinde Wien festgestellt wurden". Wer sine im et Studio die Ursachen der täglich im Preise steigenden Nahrungsmitteln untersuchen will, der wird außer in den Kriegsverhältnissen den Uebelstand dort suchen, wo er augenscheinlich zu finden ist, und zwar bei den Agrariern, also bei einer Gruppe von Staatsbürgern, die den kommunalen Machthabern von Wien politisch an: nächsten stehen. Das Ist übrigens ein Thema, welches uns hoffentlich nach einer baldigen siegreichen Beendigung des Krieges eingehender beschäftigen wird. Unsere Aufgabe ist es jetzt, der Oeffentlichkeit zu zeigen, mit wie wenig Wohlwollen treue österreichische Staatsbürger, die nichts anderes verschuldet haben, als daß sie der grausamen Gckvalt des Feindes unter Zurücklassung von Hab und Gut gewichen, hier in Wien, im Zentrum des Reiches, behandelt werden. Die Motive, die die herrschende Partei in Wien zu einer schroffen Handlung gegenüber Flüchtlingen aus Galizien und der Bukowina veranlassen, sind jedermann ziemlich klar, nur ist es leider vom Staatsinteresse zu bedauern, daß solche Gesinnung so splitternackt sich vor die Oeffentlichkeit wagt. Mit aller zu Gebote stehenden Energie müssen wir es jedoch verurteilen, daß es eine „liberale" Körperschaft in Wien gibl und in dieser wiederum einen Juden, 'der diesen traurigen Anlaß dazu benützt, den Christlichsozialen Vorspanndienste zu leisten. Derselbe Herr Kleb in der, der sein Mandat im Bezirksrate der Leopoldstädter jüdischen Wählerschaft, die