Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 7 (12.2.1915)
- Date
- 1915-02-12
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 130 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 7 691 (72 nach der Hegira) eroberten die Araber ganz Nordafrika und sollten es bis in die neueste Zeit behnlten. Nun aber wechselten erst recht Kämpfe ab zwischen einzelnen Machthabern der verschiedenen Provinzen des einstigen Mauritanien und dieselben wetteiferten, die Gunst der seßhaften kriegerischen Juden für sich zu erlangen. Im Jahre 788 war es einem Usurpator, dem Imam I d r i! ß, gelungen, sich von /dem Abassiden, den Khalifen Ebudschafar, unabhängig zu machen: dieser, der die Juden schlecht behandelte, veranlaßte nun dieselben, sich dem neuen Imam anzuschließen und ihn im Kampfe gegen den Khalifen zu unterstützen. I d r i ß, unterstützt von den Juden, war mit ihnen gegen die befestigte Stadt Medionah gezogen, in welche sich der besiegte Khalif zurückgezogen hatte. Als dieser sah, daß die Stadt gegen die anstürmenden Juden sich nicht.halten könne, da ließ er die in der Festung Medionah wohnhaften Juden auf die Mauern treiben, damit die Pfeile der Belagerer ihre Stammesgenossen treffen. Als dies die angreifenden Juden sahen, daß ihre Pfeile und Wurfgeschosse ihre Stammesgenossen treffen, weigerten sie sich, die Stadt anzugreifen und wollten die Belagerung aufheben. . Da griff Id riß zu einer List, ließ die mitkämpfenden Juden gegen einen fingierten Feind auf einige Zeit abmarschieren und in der gewonneneil Zwischenzeit bis zu ihrer Rückkehr wurde die Stadt bezwungen und ihre ganze Einwohnerschaft niedAgemacht. Als die Juden zurückkehrten, fanden sie sich als die Betrogenen und das Verhältnis zwischen dem neuen Herrscher und den Juden war von da an für alle späteren Zeiten ein vergiftetes, welches leider nach- und nach zu der tiefgedrückten Stellung führte, in der sich die Juden Mauritaniens Jahrhunderte lang befanden. Bekannter sind dem Kenner der jüdischen Geschichte die Mißhandlungen, welche die Juden im Kosakenaufstand in Polen im Jahre 1648 erfuhren, von denen eine in der gegenwärtigen Zeit von besonderer Aktualität ist, da die Verhältnisse jetzt ganz ähnlich liegen. Jener, in seinen für die Juden so traurigen Folgen schreckliche Krieg war in seinen Ursachen eigentlich ein Religionskrieg, den die griechisch-orientalischen Kosaken gegen das katholische Polen führten, und hat die Juden 'mitbetroffen, weil sie zu den Polen hielten. An Stelle der. Zaporoger Kosaken ist gegenwärtig ganz Rußland getreten und wenn dieses siegen sollte, so svürde — das müssen sich die leitenden katholischen Kreise wohl einprägen — der Katholizismus einen schweren Schlag erhalten. Aus folgender historisch belegten Episode ist aber ersichtlich, daß der Pole auch gegenwärtig seinen richtigen Platz an der Seite der Juden haben müsse; jetzt umsomehr, weil Polen durch diesen Kreig erst wieder ein Königreich Polen zu werden hofft. Es ist nun folgende Episode in dem Verfolgungskriege gegen Juden und Polen vorgefallen. Eine Horde hatte die Stadt Tulczyn angegriffen; Polen und Juden hatten sich in die Festung Nesterow geflüchtet; erstere waren 600, letztere 2000 an der Zahl. Sie beteuerten einander durch Eid, Stadt und Festung bis auf den letzten Mann zu verteidigen. Die belagernden Kosaken wandten nun eine List an; sie ließen die Polen wissen, wenn sie die Juden auslieferten, würden sie abziehen. Die Polen stellten den Juden den Antrag, die Waffen abzuliefern. Die Juden, die den anderen an Zahl überlegen waren, wollten an die Polen für den Verrat Rache nehmen, da sie in der Lage waren, sie zu überwältigen. Da trat der Rabbiner von Tulczyn gegen dieses Vorhaben auf, warnte sie davor, dies zu tun, weil die Polen, die dies hörten, dann im ganzen Lande an den Juden Rache nehmen würden. Aus dieser höheren Rücksicht opferten sich die Juden und ergaben sich für ihre Brüder, aber auch die Polen, die diesen Verrat geübt hatten, gingen nicht frei aus. Des Beistandes der Juden beraubt, wurden auch sie unter Hohn und Spott getötet. Dieser traurige Vorfall hatte doch aber die gute Folge, daß die Polen seitdem auf Seite der Juden blieben und im Verlaufe des mehrjährigen blutigen Kampfes sich nicht Mehir von ihnen trennten. Für uns Juden gibt es seit den Zeiten der Diaspora selbst in Friedenszeiten Retorsionen, und wir fühlen es umso tiefer und intensiver, welch ein Barbarentum die Feinde unserer beiden engumschlungenen Bundesstaaten mit ihren auf Unschuldige sich erstreckenden Retorsionen betätigen. Thraker und Literatur. Die „Reichspost"hetze. Sehr verehrter Herr Doktor! Ich hatte mir neulich erlaubt, Ihnen gegenüber zu bemerken, daß ich es schmerzlich vermißt habe, daß Sie zu dem Artikel der „Reichspost" v.om 28. Januar d. I.. indem sie cs gewagt hat, das Burgtheater wegen Aufführung „Nathan des Weisen" aufs heftigste .anzugreifen, nicht das Wort in Ihrem Blatte ergriffen haben. Mit gewohnter Liebenswürdigkeit stellten Sie mir noch nachträglich die Spälten Ihrer Zeitung in dieser Angelegenheit zur Verfügung, ich wollte aber nicht in das größte journalistische Verbrechen der Jnaktualität verfallen. Da gibt mir aber eine löbliche Staatsanwaltschaft und eine nicht sehr löbliche „Reichspost", welch letztere dem ersten Artikel noch drei andere folgen läßt, die Staatsanwaltschaft, die den letzten dieser Artikel konfisziert, reichlichste Gelegenheit, das Versäumte nachzuholen. Offenbar ging es selbst unserer Staatsanwaltschaft zu weit, daß ein Lessing, der vor hundertvierzig Jahren im Thercsianischeift' Wien gefeiert, anno 1915 derart verunglimpft werden durfte, denn ansonsten hätte gerade Lessing d'cses Schutzes nicht mehr bedurft. Zugestanden, daß die Repertoirebildung des Burgtheaters seit Jahren vieles zu wünschen übrig läßt; mußte sich aber die „Reichspost" gerade in jener Woche daran erinnern, um drei Dichter, wie Leffing, Schnitzler, Hardt, mit ihrem Haß zu übergießen. Zugegeben, daß des Letzteren „Schirm" nichts anderes als eine tolle Faschingspoffe,-so spricht doch selbst''aus ihr ein Geist milder Versöhnlichkeit, den vielleicht manche deutsche Frau angesichts französischer oder russischer Schirms nötig haben dürfte, auch durfte das Burgtheater den Dichter nicht umgehen, der ihm zwei Volltreffer geschenkt. Daß die Sprüche der Weisheit und Duldsamkeit gerade der wenn auch "getauften Mohammedanerin in den Mund gelegt sind, dürfte eine „Reichspost" mehr geärgert haben, äls der literarisch gewiß nicht große Wert des Stückes. Daß sich das Burgtheater in der Zeit, wo dem vaterländischcu Dichter so viele auswärtige Bühnen verschlossen sind, Schnitzler's erinnert, ist nur löblich, und der Kritiker vergißt, daß die Verfehlungen gegen Ehe und Sitte im"„Einsamen Weg" die schärfste, ja allerschärfste Ahndung finden,zeine^härtere, als das Leben meist bietet, von einer Unmoral -also nicht gesprochen werden kann. Schließlich hat Lessing selbst^sich seinen Nathan, das größte dramatische Lehrgedicht der Weltliteratur gewiß nicht als Thcaterzugstück, als das es jetzt -wöchentlich im Burgtheater gegeben wird, gedacht; ich möchte es als Wches auch für die Regel nicht mißbraucht wissen, weil es mir nicht zu schlecht, sondern zu gut dazu ist. Wenn aber Goethe, dem als geborenem Dichter die dramatischen Mängel „Nathans" weit klarer waren als der Reichspost oder mir, sagte, er führe dieses Stück jährlich einigemale