Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 7 (12.2.1915)
- Date
- 1915-02-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 Dr. Bloch s Wochenschrift Sette 119 solchen Anblick bieten, wie die galizischen Gäste unserer Gemeindeb'ibliothck?^,Wenn man eine Klage von ihnen hört, so ist es die, daß die Bibliotheksbenützung nicht in. noch weiterem Rahmen gehalten ist. 'Stundenlang warten sie mitunter, der bittersten Kälte trotzend, im Stiegenhaus aus die Oeffnung der Bibliothek, um nur ja rechtzeitig zur Stelle zu sein. Der Andrang zu den -Brotverteilungsstellen kann diesen Ansturm nicht übertrefsen. DaS'7ist Kultur im Gegensatz zur Zivilisation. Sollte aber nicht' auch d i e unseren galizischen Brüdern änzuerziehen sein, dort wo sie an ihnen nach den strengen Ansprüchen Westeuropas heut noch zu vermissen ist? Sollte nicht in jeder Hinsicht an ihnen sich die Forderung des Talmuds durchführen lassen, daß das Aeußere dem Inneren ebenso entsprechen solle wie dem Gleicheren das Innere? Sollten diese sonst so Scharfsinnigen nicht einsehen können, welchen unermeßlichen Gewinn für ihre äußere Geltung, für ihren Kampf im Leben und Mit dem Leben ihnen eine gediegene Volks- und Mittelschulbildung eintragen müßte? Sollte ihnen das Beispiel Deutschlands nicht den Beweis geliefert haben, wie sich mit moderner Bildung das strengstgläubige Judentum nicht nur vertragt, wie es vielmehr gerade durch möglichst frühzeitigen Anschluß an die Quellen des weltlichen Wissens an inneren Halt und an Widerstandskraft gewinn t? Einsichtige aus jenen Kreisen erhoffen von diesem Wiener Aufenthalt manche Wandlung zum Besseren. Der Himmel gebe es! Das sei der Gewinn aus dieser prüfungsreichen, opferschweren Zeit! Garn su letauwoli! Dann soll auch sie gesegnet sein! Unsere Advokatenkammer. Unter dem Borsitze ihres Präsidenten Dr. Karl Ritter v. - F.e i st m a n t.e l hielt am Freitag der vergangenen Woche die niederösterreichifche Advokatenkammer eine Vollversammlung ab, bei der ungefähr 400 Mitglieder Zugegen waren. Die Vollversammlung hatte zur Aufgabe, gegen die sich hauptsächlich in Wien infolge des Krieges befindlichen Advokaten Galiziens und der Bukowina Stellung zu nehmen. Jeder, der beobachtet, in welcher Weise kommunale Funktionäre, Gewerbe- .behörden und sonstige in . Betracht kommenden Faktoren die Frage der. Flüchtlinge in.Wien zu lösen wünschen, müßte damit.rechnen, .daß gerade der Amvaltstand in Wien vielleicht am ehesten berechtigt wäre, gegen Zeine Kollegen aus Galizien.und der Bukowina radikal vvrzngehen und Mittel zu suchen, um sich dieser nicht ganz natürlichen Konkurrenz im Sprengel der niederösterreichischen Advokatenkammer zu entledigen. Auch in Nichtberufskreiseil ist es bekannt, unter welch' schwierigen Verhältnissen der Advokatenstand zu leiden hat, die jährlich zunehmende Zahl steht nicht im Verhältnisse zu deni Bedürfnisse; dazu kommt, daß. gerade die Advokaten von der wirtschaftlichen Krise, die schon zwei Jahre vor Kriegsausbruch entstand, und vom Kriege selbst am stärksten beeinflußt wurden. Das wären also Motive genug, die es entschuldigen ließen, wenn die Mitglieder der niederösterreichischen Advokatenkammer in ihrer Mehrheit erklären würden: „Uns geht wohl das Schicksal unserer Kollegen aus Galizien, das sie übrigens nicht selbst verschuldet haben, Zehr nahe, wir .werden auch aus kollegialen Gründen alles.unternehmen, was geeignet ist, ihre momentane Nor zu lindern, aber das soll nicht auf Kosten unserer' Existenz . id der unserer Familien geschehen." Wie aber die Mehrheit der Wiener Advokaten in solchen Fragen vornehm und edelherzig denkt, das geht eben aus dem Referat,. welches sie in der erwähnten Vollversammlung ' erstatteten, hervor und vernahm man ans den Reden...in der Debatte. Nachdem der Präsident in seiner Einleitung hervorhob, daß sämtliche wehrfähigen Mitglieder der Kammer opferfreudig in den Krieg zogen und die Daheimgebliebenen alle menschlichen Pflichten, welche durch den Krieg ganz besonders groß find, bereitwilligst erfüllen, gedachte er der bis jetzt für Kaiser und Reich heldenmütig gefallenen Kammermitglieder Dr. Subak, Dr. Weltlinger, Dr. Priester, Dr. No Hel und Dr. Fritz Lemberger und ging sodann zur Tagesordnung über, deren Punkt die Uebersiedlung von Advokaten aus Galizien und der Bukowina nach Wien bildete. Vizepräsident der Kammer, Dr. Pfeifer, referierte namens der Majorität des Ausschusses und teilte mit, daß der Ausschuß sich entschlossen habe, den. Eintragungen der Kollegen aus Galizien und der Bukowina in die niederösterreichische Advokatenliste keine Schwierigkeiten zu bereiten, nur müsse er sich die freie Würdigung der Aufnähmslverber, wie sie übrigens im Gesetze vorgesehen ist. Vorbehalten. Es ist begreiflich, führte er unter anderem aus, daß die geflüchteten 'Advokaten, worunter sich sehr viele befinden, die für die erste Zeit mit Mitteln versehen waren, nicht davon leben können und wollen, was sie vom Staate und der privaten Wohltätigkeit erhalten, und die Mittel zu ihrem Lebensunterhalte lieber in entsprechender Weise selbst zu verdienen sich bemühen. Zu diesem Zwecke müssen sie die Eintragung in die Advokatenliste erstreben. Die Mehrheit des Ausschusses ist gegen eine Suspendierung oder Aufhebung der Freizügigkeit der Advokatur. Das Referat des Vizepräsidenten, gereicht ihm und der Majorität der Kammer, die sich mit demselben identifizierte, zur höhen Ehre. Ter Sprecher der Minorität, Herr Dr. Baron Maier, vertrat den Standpunkt, daß die Kammer ihre Teilnahme den galizischen Kollegen gegenüber durch 'Almosen bekunde, ihnen aber die Möglichkeit einer würdigen Existenz zu bieten, soweit reichten nicht seine kollegialen und ritterlichen Sympathien. Mannhaft und altruistisch, wie eben Männer mit humanistischer Bildung, trat den Ausführungen des Baron Maie r namens des Wiener Advokatenklubs Dr. Alois Ruzicka gegenüber. Der Krieg fordere von allen Opfer, meinte er, und wir haben die Pflicht, diese zu bringen. Das Ansehen der Kammer würde weniger durch die Zulassung der Kollegen, als durch einen Beschluß leiden, ivelcher diese unglücklichen Existenzen von der Betätigung ausschließt. Der Mehrheit der Advokatenkammer handelt es sich also mehr um ihre Reputation und Menschenpflicht, als um die Existenz der einzelnen ihrer Mitglieder. Der Antrag des Referenten, Vizepräsidenten Dr. Pfeifer, wurde dann unter lebhaftem Beifall mit großer Majorität angenommen. Zn Beginn des modernen Verfafsungslebens war es der 'Advokatenstand, durch den die Bürger sich nicht nur in ihren privaten und rechtlichen Angelegenheiten vertreten ließen, ihm übertrugen sie auch alle ihre Würden und öffentlichen Aemrer. In den gesetzgebenden Körperschaften hatten sie die Majorität, das Wohl des Staates lag also in Händen der Advokaten. Erst später durch die innner mehr zunehmenden Sonderinteresfen der einzelnen geistigen und manuellen Berufe, hauptsächlich aber durch die Neugründungen von politischen Parteien, bei denen die Demagogie alles, Idealismus gar nichts zu bedeuten hatte, schwand der Einfluß des Advokatenftandes im öffentlichen Leben und verloren die Advokaten ihre do minierende Stellung in der Politik. Daß dadurch das politische Leben gesünder wurde, kann man wahrlich nicht behaupcen, umsoweniger, luc'iiu wir einen Vergleich zu den heule in Wien und in Niederösterreich herrschenden Männern anstellen. Zur selben Zeit, in der die Vollversammlung der Kammer stattfand, wurde auch in der inneren Stadt Wiens eine christlichsoziale Versammlung abgehalten, in der das Mitglied des uiederösterreichifchen Landesausschuffes, Hermann Bielohlawek, feine Lebensweisheit über Ursachen unb die Folgen des Krieges