Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 7 (12.2.1915)
- Date
- 1915-02-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 7 Seite 118 Dk. Bkochs Der Kriegsberichterstatter der „Neuen Freien Presse", Schriftsteller Roda Roda, berichtet in der Nummer vom 7. Februar.: »Ver suchen den Stab und brauchen gar nicht nach ihm zu; fragen. Der Telephpndralft freist uns! den Weg.: Plötzlich kiTallen rasch hiiitereinänder zwii Schrapnelte hoch an der Luft. Gerade Wie die Dohblette seiner winterlichen Treibjagd. Eine Kette Goldammern" schwirrt zwitschernd auf. Kein einziger von den Soldaten ringsum zuckt auch nur mit der Wimper; man ist’s schon so gewöhnt.« »Auch, die sonderbare Frau muß es gewöhnt sein, die da abgewandt auf dem Wagen steht. Sie hat sich nicht einmal umgeguckt. Als sie aber unsere Schritte hört, springt sie uns entgegen, um uns — Schokolade anzubieten. »Gnädiger Herr! Feinste Schokolade! Oder Zucker? Zwei Kronen ein Kilo Würfelzucker. Kerzen? Seife!? Sardinen?« Alles im Bereich des feindlichen Feuers; eine arme alte Jüdin aus Galizien, die brotlos geflüchtet ist.« In der „Arbeiterzeitung" vom 29. Januar d. I. faßt der Kriegsberichterstatter des Blattes in einem Briefe aus Mlawa unter dem Titel „In einer Judenstadt" seine Wahrnehmungen in den Schlußsatz zusammen: „Selbst antisemitisch gesinnte Deutsche sprachen mir ihr Erstaunen über die Kultur unter der schmutzigen Hülle dieser Juden aus", „Kultur!" Was wird hier unter Kultur verstanden? „Im Hause unseres Quartiergebers", so heißt es in diesem Kriegsbericht aus Mlawa, - einem elenden polnischen Nest von 10.000 Einwohnern, „sah ich eiue umfangreiche Bibliothek; sie enthielt philosophische, volkswirtschaftliche und literarische Werke aller Richtungen .... Uneheliche Mütter sind selten, — Aechtung in der Gemeinde und Verbannung aus der Familie würde sie treffen". Die Ehrlichkeit der Juden in Mlawa, z. B. armseliger Teeverkäufer, wurde von diesem Gewährsmann Wilhelm D ü w e l l — der im übrigen von seiner »Objektivität" gegenüber den Juden im allgemeinen nicht mißzuverstehende Beweise liefert —, wiederholt auf die Probe gestellt und jedesmal erstaunlich bewährt gesunden. Das ist Kultur im Gegensatz zu — Zivilisation. Und der Mangel an diesem letzteren Vorzug bekundet sich bei diesen Juden worin? Daß die Armen unter ihnen fadenscheinige und fettglänzende Kaftans tragen, die sie meist seit ihrer Verheiratung nicht wechseln konnten. Daß aber'ihre Unterwäsche tadellos sauber, daß sie mindestens ein Mal in der Woche, also öfter als mancher der „Gebildeten unter ihren Verächtern", ein Bad nehmen, weiß jeder, der ihre religiösen Bräuche kennt. Was sonst die an Sauberkeit gewöhnten Sinne des Westeuropäers. an ihnen abftößt, — sollte es nicht auf ’ Rechnung des Landes kommen, dessen Name in der „Plica polonica“, im „Weichfelzopf", verewigt ist? Beim Lesen solcher Kriegsberichte, die mit einemmal das sonst so weltferne Leben des polnischen Juden in den grellbeleuchteten Gesichtskreis der „zivilisierten" Welt rücken — und das nicht zu seiner Unehre! — denkt jeder, der seinen Goethe und Chamiffo und Heine im Kopse hat, an jene „Gedichte eines polnischen Juden", denen durch die Kritik des Großmeisters im deutschen Musentempel eine Ehre zuteil /wurde, wie sie jetzt manchem seiner Urenkel eine Besprechung in gewissen Tagesblättern dünkt. Man erinnert sich eines Abba Glosk und anderer Figuren aus dem polnischen Jüngerkreis eines Moses Mendelssohn, an Heines Briefe aus Polen und - seine Worte: „Trotz der barbarischen Pelzmütze, die seinen Kopf bedeckt, schätze ich den polnischen Juden weit höher, als so manchen deutschen Juden, der seinen Bolivar auf dem Kopf und seinen Jean Paul im Kopfe trägt. Der polnische Jude mit seinem schmutzigen Pelze ist mir noch immer ieber, als mancher in all seiner staatspapierenen Herrlichkeit." Und hat Graf Kalckreuth an dem Aeußeren eines Salomon Maimon Anstoß genommen, als er diesen scharffinnigsten Schüler Kants — nach dessen eigenem Urteil — zu feinem Schützling wählte? Als Fürst Adam Czartoryski eines Tages durch das Städtchen Makalojow kam, bemerkte er vor einem ärmlichen Wochenschrift. jüdischen Geschäft ein Buch. Er öffnete es aus Neugierde und war nicht wenig, erstaunt, darin W ols's Mathematik zu entdecken. In dem Besitzer des Ladens lernte er einen gründlichen Mathematiker und Philosophen trotz des Kaftans — kennen.; Den bestellte er zum - Erzieher seines Sohnes. "Es war der > späterin der jüdischest Literatur sehr bekannt gewordene — Mendel Satanower." Ist übrigens im Grunde nicht auch Henri Bergson ein ,..snit polounais?“ Und der deutsche Professor Schuttes an der Krakauer Universität urteilt in den „Ammlen der Kunst und Literatur im österreichischen Kaiserstaate". Jahrgang 180ö, über die Juden Galiziens nach eigenster Anschauung so günstig, daß er sich ausdrücklich gegen den Verdacht verwahren muß, als sei er Judenstämmling oder — Judenschuldner. Seine Apologie gipfelt etwa in dem Panegyrikus: „wenn ein Volksstamm Galiziens es verdient, daßer dieses schöne. Land bewohnt" — auch Age Madelung hat es ja jüngst so gepriesen — „dann sind es die Juden!" Und nun können wir hier in Wien diese völkerpsychologischen Studien am polnischen Juden aus nächster Nähe fortsetzen und ergänzen, ohne — sie berichtigen zu müssen. Unser Gemeindehaus in der Tempelgasse hat sich zum Hauptanziehungspunkt für unsere galizische Invasion herausgebildet. Als die ersten Flüchtlinge hereingeflattert kamen, dem Strome der Zuwanderung noch nicht ein sicheres Bett gegraben war, wohin wandten sie sich und wurden sie hingewiesen, wenn nicht zum Tempel? Als dann die Wohltat der Konvalidierung, d. h. der Rechtsgiltigkeits-Erklärung ihrer vielfach nur nach jüdischem Ritus geschlossenen Ehen ihnen einzuleuchten begann, und das Entgegenkommen unserer Kultusgemeinde ihnen durch Nachlaß, aller Taxen den. Weg dazu so einladend als nur möglich ebnete, da entstand eine wahre Wallfahrt nach demselben Gemeindehaus, in dessen Matrik diese Konvalidierungen, ebenso wie die Kriegstrauungen zentralisiert, mit diesen zusammen nun das vierte Hundert erreicht haben. Noch unzählige andere große und kleine Sorgen lenkten die Schritte dieser Heimatlosen immer wieder in die Tempelgasse. Was sie dort aber vor allem suchten, das lehrt ein Blick in den Tempel an einem Freitagabend oder in das Beth hamidrasch oder — und dieser Besuch ist unbedingt der lehrreichste — eine Beobachtung des Verkehrs, der sich jetzt in unserer Gemeindebibliothek abwickelt. Wer den polnischen Juden kennen lernen will, der darf ihn nicht lieblosen Blickes durch die Prunkfassaden unserer Ringcafes beobachten, der muß ihn in unserer Bibliothek betrachten. Das Herz geht einem aus, wie hier der würdige Greis, dem, wie in seine Züge die Leiden eines mühseligen Daseins, so auf die Stirn der Adelsbrief höhen Geistesflugs geschrieben, neben dem halbwüchsigen Bürschchen in seiner schmucken polnischen Studentenuniform, wie hier der Kaftan neben dem modernen Damenkleid, wie hier alles ohne Unterschied zusammenströmt, beseelt nur von dem einen Trieb der Bildung, der geistigen Beschäftigung, dem einen heißen Wunsch, die Oede des Exils zu vergessen. Denn dort, wo der Geist dieser Juden Nahrung findet, dort ist er nicht mehr heimatlos, dort ist er in kurzem — zu Hause. Man ftage nur unseren liebenswürdigen, in Auskünften unermüdlichen Gemeindebibliothekar Herrn Dr. Münz, der mit einem wackeren Stabe von Mitarbeitern all diesem ungeheueren Andrang sich vollauf gewachsen zeigt, und Wunder weiß er zu erzählen von dem unersättlichen Bieneneifer dieser Bibliotheksbesucher, von der erstaunlichen Buntheit und Mannigfaltigkeit der von ihnen bestellten Literatur. Die Nachfrage ist so ins Gigantische gewachsen, daß man die Bibliotheksstunden vermehren und nach einer Zuhilfe Umschau halten mußte. Vergleichen wir diese „unzivilisierten" Juden mit jedem, aber auch jedem anderen Element im großen Mischmasch des Völkerlebens. Welcher zweite Volksstamm wird in einer Lage, wie sie jetzt das äußere Dasein dieser Juden kennzeichnet, einen