Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 6 (5.2.1915)
- Date
- 1915-02-05
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 110 Dr. Bloch's Wochenschrift Kr. 6 Brief aus Pilsen II. Not der galizischen Flüchtlinge. Es war ein erschütternder Anblick, als die Emigranten — oft dreißig bis vierzig Personen in einem Güterwagen zusammengepfercht — mit einem gierigen Heißhunger die ihnen dargereichten Butterbrötchen geradezu hinunterwürgten. Der ganze Zauber der Mutterliebe offenbart sich in dem Wunsche der jungen Mütter nach Milch, um sie ihren hohlwangigen Kinderchen zu zu reichen. In der Ecke eines solchen Waggons sahen wir eine bleiche Wöchnerin liegen, die ihr nacktes Kind, das „das Licht der Welt" noch nicht erblickt hat, an der Brust hält, für das der Großvater eine Erfrischung erbittet, denn der Vater des Kindes ist auf dem Felde der Ehre gefallen. Vielen der Flüchtlinge aber, denen man etwas reichte, stiegen Tränen in die Augen, ein flammendes Rot überflog chre Gesichter; sie konnten es noch nicht fassen, daß ihre Lage sich so düster gestaltet habe. Die Entbehrungen, denen sie seit mehreren Wochen ausgesetzt waren, sowie die augenblickliche Not, die auf chrem Gemüte lastete, hatten ihren aufrechten Charakter nicht zermürbt. Das wunde Gemüt unserer Flüchtlinge will darum mit zarten Händen berührt werden. Es ist deshalb ein überaus großes Verdienst des Herrn Wilhelm Lieb stein, daß er für den Labedienst und die Flüchtlingsfürsorge nicht allein mit vollen Händen spendet, sondern: daß er in der innigen Versenkung in die Gemütsart der 'Bedauernswerten, in der Schonung und Ehrung ihrer Menschenwürde, seine Hauptaufgabe erblickt. In der Art und Weise, wie er die Unglücklichen tröstet und beruhigt, manifestiert sich das Ethos einerwahrhaft moralischen Handlung. Setzte mm ein solch düsterer Zug seine traurige Fahrt fort, da . schieden die Emigranten mit heißerw Dank auf den Lippen, mit lebhafterem Pulsschlag und erhöhter Lebenswärme. Kamen dann die Flüchtlinge in die von der Behörde ihnen zugewiesenen Ortschaften, wurden sie auch dort von den Kultus- oder Gemeindebehörden gastlich bewirtet, und es muß die Tatsache festgehalten werden, daß die Flüchtlinge mit der seitens der christlichen Bevölkerung chnen zuteil gewordenen Behandlung sehr zufrieden waren und es auch gegenwärtig sind. Besonders verdienstvoll hervorgetan hat sich nach dieser Richtung der menschenfreundliche Leiter der k. t Bezirkshauptmannschaft in Pilsen, Herr k. k. Statthaltereirat Hatlak, der mit Herrn Kultusvorsteher Dr. Schanz er öfters eigehende Verhandlungen pflog, einige Fahrten 'mit demselben unternahm, um das Los der Flüchtlinge, so weit es im Rahmen seiner Wirksamkeit stand, zu lindern. Einen besonderen Zweig der Fürsorge bildet die Sammlung von Kleidern, Wäsche und Schuhen. Da die von Herrn Ignatz Weiß in liebenswürdigster Weise zur Verfügung gestellten Räume zur Sammelstelle für Kleider und Wäsche sich als viel zu klein erwiesen, hat für diesen Zweck größere Räumlichkeiten Herr- Alfred Erben gewidmet und eingerichtet, der auch sonst die gesamte Hilfsaktion, sowie den nötigen Einkauf durch den Einsatz seiner großzügigen Persönlichkeit und durch seine reiche Erfahrung praktisch! gefördert hat. Diese Sammelstelle, die von Herrn Rentier Jakob E. Weiß in ebenso exakter, als gewissenhafter Weise geleitet wird, verschickt nun täglich Wäsche, Kleider und Schuhe an die kleinen Gemeinden, deren Aufgabe es ist, die Zusammenstellung der Bedürftigen zu Händen des Kultusvorstandes zu überweisen, der nach Maßgabe der vorhandenen Mittel diese Aufträge zum Versand bringt. . Welcher Aufwand an Zeit und Arbeitskraft dazu nötig ist, um all den berechtigten und unberechtigter? Wünschen Rechnung zu tragen, kann nur derjenige ermessen, der da weiß, was die bisherige Bekleidung vor: ungefähr 8000 Leuten verschiedenen Alters und Geschlechtes zu bedeuten hat. Herr Jakob E. Weiß, der seit Wochen in selbstlosester Weise seine Zeit und seine Kraft diesem anstrengenden Dienste widmet, wird in seiner Arbeit vorr mehreren Damen der besten Gesellschaft unterstützt, unter denen sich in hervorragendster Weise Frau Emilie S. t r a ü ß betätigt, ohne derer: umsichtigen Michilse es kaum möglich gewesen wäre, diese Arbeit in so kurzer Zeit zu leisten. In welch großartiger Weise unser Hilfswerk von reichsdeutscher Seite, besonders von den ehrwürdigen Kollegen und Humanitätsvereirren in der: deutschen Synagogen-: gemeinden gefördert wird, soll ein andermal berichtet werden. ,! Die reichsdeutschen Glaubensgenossen sehen eben ein, daß unsere galizischen Flüchtlinge auch um ihretwillen leiden. Tie Hilfsaktion zum Schutze der galizischen Flüchtlinge in Brstnn. Als die Frage des Schutzes der gallischen Flüchtlinge in Brünn brennend wurde, bildete sich unter Aegide der israelitischen Kultusgemeinde ein Hilfskomitee, das vor allem bedacht war, die Mittel für eine weit ausgreifende Aktion aufzubringen. Dank dem Opfermute der Bevölkerung und dank der Energie des Komitees wurde der Betrag von rund 225.000 Kronen gesammelt. Bei der Verwendung des Geldes sind vor allem die Baracken berücksichtigt worden, die vom Staate in Nikolsburg, Pohrlitz und Gaya für die galizischen Flüchtlinge erbaut worden sind. An gar manchem mangelte es am Anfang, den in den Baracken untergebrachten Flüchtlingen. So sah sich das Hilfskomitee veranlaßt, bis heute rund 110.000 Kronen für die Besserung der Lage der galizischen Flüchtlinge nach Nikolsburg, Pohrlitz und Gaya zu versenden. Parallel mit dieser Aktion ging eine vom Humanitätsvereine „Moravia Bnai Brith" eingeleitete Naturalspenden-Aktion, die einen ausgezeichneten Erfolg hatte. Ganze Möbelwagen, gefüllt mit. Kleidern, Wäsche und anderen Bedarfsmitteln wurden in die Baracken geschickt und dort mit Jubel empfangen. Damit war wohl für einen Teil der galizischen Flüchtlinge etwas getan, nicht aber für die, welche die Stadt Brünn selbst zum Aufenthalte wählten. Die Stadt Brünn war von der Regierung nicht als Aufenthaltsort der Flüchtlinge in Aussicht genommen. Gerade deshalb wurden ja die Baracken errichtet, damit der Zuzug in die Landeshauptstadt hintangehalten werde. Die Verhältnisse zeigten sich aber stärker als der Wille der Behörden. Tatsächlich kamen Tausende von Flüchtlingen nach Brünn und für diese mußte gesorgt werden. Diesen Verhältnissen konnte nur durch Gründung einer Zentrale zum Schuh der galizischen Juden Rechnung getragen werden.. Aus dieser Erkenntnis heraus, erfolgte über Anregung des Humanitätsvereines „Moravia" im Rahmen des Hilfskomitees die Errichtung des Zentralbureaus, das den umfassendsten Schutz der galizischen Juden in Brünn zum Zwecke hach Dieses Bureau verteilt auf Grund eingehender Recherchen, die einzuhvlen der angelegte Kataster erleichtert, die staatlichen Unterstützungsbeiträge, für deren Erlangung es sich bei den kompetenten Behörden mit aller Kraft eingesetzt hat. Zirka 10 Beamten und Beamtinnen und eine große Zahl von freiwilligen Hilfskräften dienen dieser Zentrale, in welcher Vorstand und Rabbiner, Bnai Brith und Damen aller Wohltätigkeitsvereine eifrig Zusammenwirken. Die Aufgabe des Zentralbureaus besteht darin, An Flüchtlingen eine .in weitem Umfange über die staatliche Unterstützung hinausgehende Fürsorge zuteil werden zu lassen. Einen Begriff über den Umfang dieser bürgerlichen Fürsorge wird man leicht gewinnen können, wenn man bedenkt, daß monatlich vom Hilfskomitee allein gegen 7000 Kronen über die staatliche Unterstützung hinaus zur Auszahlung gelangen. Diese Fürsorge umfaßt die Gewährung von Mietzinsbeiträgen in der nicht unbeträchtlichen Höhe von 15 bis 30 Kronen für den Einzelsall, die Beschaffung von Fahrkarten und Zehrgeld für die durchreisenden Flüchtlinge, die Hilfeleistung zugunsten der Wöchnerinnen, die Besorgung von Medikamenten für kranke und leidende Flüchtlinge. Eine große und rege Tätigkeit entwickelt ferner das Komitee auf dem Gebiete der Arbeitsvermittlung, zu welchem Zwecke eine Mitwirkung des städtischen und Landarbeitsvermittlungsbureauamtes durch Uebermitteln von täg! chen Ausweisen über das jeweilige Arbeitsangebot angebahnt wurde. Tine große Anzahl von Flüchtlingen wurden schon in Fabriken und Werkstätten mit Arbeit versehen; auch den Frauen der Flüchtlinge wurde durch Beschaffung von Nähmaschinen die Gelegenheit zu einem Heimerwerb gegeben. Ueberhaupt läßt sich das Hilfskomitee eine individuelle Behandlung der Bedüftnisse und Wünsche der Flüchtlinge in sehr dankenswerter Weise angelegen sein, zu welchem Zwecke eine besondere Beratungs-