Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 6 (5.2.1915)
- Date
- 1915-02-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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fftc. 6 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 99 Behauptung kann den Anspruch auf Richtigkeit erheben. Wir glauben nicht, daß der böhmische Fabrikant oder der Triester Kolonialwarenhändler, noch weniger die ungarische Dampfmühle gerade dem Galizianer heute die Ware billiger als dem Wiener Kaufmann abgibt. Aber ebensowenig können wir es als richtig annehmen, daß man in Wien dem Galizianer einen höheren Preis zahlen wird, als unbedingt der Konjuktur entspricht. Von der einen wie von der anderen Seite ist es wahrlich nicht angebracht (ebensowenig wie die Neujahrsreden im Hause der Wiener Bürgerschaft), in diesem Zeitpunkte einen Kampf gegen jene zu führen, die zu den größten Opfern dieses Weltkrieges zählen. Uns kann es nur imponieren, wenn wir sehen, daß Personen, welche von Haus und Hof durch die brutale Macht des Feindes vertrieben wurden und trotz aller seelischen und physischen Qualen, die sie jetzt auszustehen haben, ihren Kopf nicht verlieren und für eine durch redlichen Erwerb geschaffene Existenz auch unter den obwaltenden schweren Verhältnissen sorgen. In diesem ihren Bestreben soll und darf sie niemand stören; sich um Lieferungen für die Armee zu bewerben, haben die Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina dasselbe Recht, wenn sie die Bedingungen erfüllen, wie jede Wiener oder sonstige Firma. Die obersten Militärinstanzen in Wien sind nicht für diese Stadt bestimmt und wenn ein Teil Galiziens und der Bukowina nicht vom Feinde besetzt würden, so hätten die Militärstellen einen Teil des Heeresbedarfes dort gedeckt. Die Flüchtlinge sind Oesterreicher, für diesen Staat opfern sie ihr Alles und können deshalb auch ihr Recht beanspruchen. I. G r o b 1 u ch. Die gaiisischen FtüchUinge in Ungar«. Die galizischen Flüchtlinge, die in Ungarn Zufluchtsstätten gefunden haben, befinden sich in schlimmer Situation, weil sie von der Regierung bis nun keinerlei Unterstützungen erhielten. D-etl (Bemühungen hervorragender .Männer in Budapest ist es gelmrgen, dahin zu 'wirken, daß die Flüchtlinge in Budapest von der Regierung Unterstützung erhalten, während aus K a s ch a u Neutra, Galanta und Sopron bei uns Briefe eingelangt sind von armen Flüchtlingen, welche ohne jede Unterstützung dort schmachten. Die Redaktion der „Oefterr. Wochenschrift" wandte sich deswegen an den Vorstand der Pester ifr. Religionsgemeinde mit dem Ersuchen, daß die führenden Männer dieser Gemeinde auch für die galizischen Flüchtlinge in den ungarischen Landstädten bei der königl. ungar. Regierung ihren Einfluß geltend machen ulöchten. Wir erhielten hierauf nachstehende Antwort des Herrn Generalsekretärs Dr. Weiszburg, welche wir Mir hoher Befriedigung zur Kenntnis unserer Leser bringen: Hochwohlgeboren Herrn Dr. Josef B l o ch, Wien. In Beantwortung Ihrer w. Zuschrift vom 21. Januar beehren wir uns, Ihnen mitzuteilen, daß nach von kompetenter Seite uns zugekommenen Informationen die ung. Regierung an alle Komitate Reskripte gerichtet hat im Interesse der Unterstützung der galizischen Flüchtlinge. Es wäre nun die Aufgabe einer hervorragenden jüdischen Persönlichkeit in Sopron und Nyitra, sich in dieser Angelegenheit an den respektiven Ober- oder Vizegespan zu wenden, damit die Unterstützungsaktion in Fluß gerate. Budapest, den 28. Januar 1915. Hochachtungsvoll Das Sekretariat der Pester ifr. Religionsgemeinde. Dr. Weiszburg, Generalsekretär. Man sollte, meinen, daß in einer geordneten Staatsverwaltung die Zentralregierung dafür Sorge trägt, daß ihre Reskripte zur Ausführung gelangen. Hoffentlich finden sich auch innerhalb der Landgemeinden Ungarns Männer, welche diese Angelegenheit zugunsten der armen Flüchtlinge in befriedigender Weife zu Ende führen. Aus Sopron (Oedenburgj wird uns geschrieben: Eine große Anzahl von galizischen Flüchtlingen, in bitterster Not vor vielen Wochen hierher verschlagen, sind seit ihrem Hiersein auf die materielle Unterstützung der beiden israelitischen Kultusgemeinden (orthodoxen und neologen), bezw. ihrer Mitglieder angewiesen und fanden bei Behörden von allem Anfang an nicht das erwünschte liebevolle Entgegenkommen. Trotzdem also diese Flüchtlinge der Stadlkommune nicht zur Last gefallen waren, ließ die Behörde dieselben durch ihre Organe dieser Tage verständigen, daß sie sich am nächsten Tage im Ebenfurter Bahnhöfe einzufinden hätten, wo sie durch einen Gratiszug von hier fortexpediert würden. In ihrer Verzweiflung wandten sich die Flüchtlinge behufs Intervention an den Präsidenten der orthodoxen Kultusgemeinde, Advokaten Dr. Beta Weiler, der zunächst einen Aufschub der Abreise bis Ende desselben Tages erwirkte, außerdem aber protestierte er in einem an den Ministerpräsidenten Graferr Stefan Tis za gerichteten Tele gramme gegen die Unmenfchlichkeit, arnre Leute mit tranken Kindern und gebrechlichen Greisen in strenger Winterszeit zur Abfahrt zu zwingen, und bat um entsprechende Weisungen an die Behörde. (Gleichzeitig xiäy tete Dr. Weiler auch an den Magistrat wegen Zurückziehung seines Beschlusses eine Eingabe. Das energische Auftreten des Stadtrepräsentanten Dr. Weil e r, der auch eine Interpellation an den Bürgermeister in der letzten Generalversammlung anmeldete, hatte bereits zur Folge, daß der Magistrat die frühere Verfügung in vollem Umfange zurückzog, so daß die Flüchtlinge wieder ung, hindert in Sopron weiter verbleiben können. Originell ist, daß unter den zur Abreise Gezwungenen sich ancn eine Frau Adele Günsperger befand, die Bargelo von 20.000 .Fronen auswies und die Gattin eines beim Infanterieregiment Nr. 45 dienenden Feldwebels ist. Das Vorgehen der Behörde hat begreiflicherweise die groß ' Entrüstung hervorgerufen. Hiezu erfahren wir von kom potenter Stelle, daß man nur auf die Entfernung jener Flüchtlinge besteht, die unter allen Umständen auf die Unterstützung der österreichischen Regierung rechnen können, dagegen keinerlei Einwendung gegen das Verbleiben jener erhoben wird, die für ihren Unterstand selbst Sorge tragen können, oder von denen man annehmen muß, L daß sie in Oesterreich nicht die dort vorgeschriebene Unterstützung finden würden. Einer der bedeutendsten ungarischen Publizisten, Zoltan S z a s z, veröffentlicht im „Pesti Hirlap" vorn 29. Januar d. I. eine Kriegsbetrachtung, welche das spezielle Judenleid dieses Krieges anschaulich zeichnet. „In diesen Krieg" — sagt Sza s z — „sind die Engländer, Franzosen, Russen, Serben, Montenegriner. Japaner, ferner die Deutschen, die Ungarn und schließlich die Ottomanen verwickelt, und dennoch leiden unter diesem Kriege am meistert zwei in dieser Auszählung nicht mit Namen genannte Nationen. Diese zwei Nationen sind die polnische und die jüdische." Nach eingehender Betrachtung der Lage der polnischen Nation, fährt S z a s z in seinen Ausführungen folgendermaßen fort: „Noch tragischer, wüster und chis in das Mark ergreifender find die Leiden, welche dieser Weltkrieg über die Juden gebracht hat. Wahrhaftig, das Schicksal dieses Volkes zwingt zu immer neuer Verwunderung. Selbst eine vom Mystizismus vollständig freie Seele wird von eisigem Schauer ergriffen, wenw sie von den neuesten