Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 5 (29.1.1915)
- Date
- 1915-01-29
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seile 94 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 5 „Barbaren, Hunnen, brutale Horden" zu nennen, bedürfen zu ihren schriftstellerischen Berserkereien keines Tintenfasses, da ihnen die Streusandbüchse ausreicht, um betörten Leuten Sand in die Augen zu streuen. „Gott gebe dir, was dein Herz begehrt... er lasse alle deine Pläne und all dein Verlangen in Erfüllung gehen!" (Pf. 20, 5, 6.j Dieser Wunsch wäre der ärgste Fluch für die Russophilen bei uns und anderswo geworden. „Sechs Arten von Feuer gibt es. . . die letzte Art ist ein Feuer, das Feuer verzehrt." (Joma 21 b.) Die Gottesflamme der Friedensliebe soll die verheerende Kriegesflamme verzehren. Die Kriegsmüdigkeit in Rußland scheint jenen alten Satz bestätigen zu wollen: Die gefährlichsten Schädlinge: Streber, Erpresser, Hetzer. In manchen Personen finben sich alle drei zusammen — auch ein Dreiverband. „Der Dumme hat's Glück." Sehr wahr! Nur darf er niit dem alten Spruche keinen Mißbrauch treiben; denn wie das unverdiente Glück einen verfolgt, so rennt ihm auch das Unglück nach. „Das Geld kommt mit der Flöte und geht mit der Trompete." (Französisches Sprichwort.) „Vater Kaufmann, Sohn Kavalier, Enkel Bettler." (Altmexikanischer Spruch.) In der neuen Welt, die nach dem entsetzlichen Weltkriege erstehen soll, werden aufrechtbleiben, zur Herrschaft und Geltung gelangen nur die energischen, zielbewußten, ehrlichen, tapferen, vor keinem Hemnis zurückscheuenden, pflichtgetreuen, zuverlässigen Persönlichkeiten mit fester, sicherer Hand, mit offenen Augen und offenen Ohren nach allen Richtungerl hin, mit scharfem Tief-, Fern- und Vorausblick, mit unwandelbarer Ueberzeugungstreue. Ein Waffenstillstand fei ein Vorhof des Friedens, kein Friedhof des Friedens. Politische Quacksalber sollen in ihr langes Titelregister nur ja nicht den Titel Friedhoflieferanten ernfügen. Vom falschen Freunde zum offenen Feinde ist nur ein Schritt, aber kein Rückschritt. Lieber einen Feind mit offenem Visier, Waffe gegen Waffe ehrlich bekämpfen, als einen' heuchlerischen Verräter mit vergiftetem Dolche neben und hinter sich haben. Protektionskinder der Regierungen pslegen „Enesfat beisaji tP!J&er Völker zu sein. Vernünftig Zärtliche Eltern werden mehr von ihren Kindern erzogen, als die Kinder von ihnen. Sie beherrschen sich vor den Kindern, unterdrücken ihre Fehler und Schwächen, damit diese nicht von den Kindern nachgeahmt und zur Gewohnheit werden.'Soll nicht ein gleiches Verhältnis zwischen Regierungen und den Völkern bestehen?! „Durch Fehlen wird man klug." Nein, wird der Kluge klüger. Der Törichte nicht, denn er erkennt den Fehler nicht und kann ihn daher nicht vermeiden oder gutmachen. Für ihn gilt Thiers sinnreiches Wort: „Der zweite weit größere Fehler ist die Art und Weise, wie man den ersten Fehler gutmachen will." (1870. ) Für den Kühnen und Klugen ist ein Fehler ein Stein des Anstoßes, über den er einmal gestrauchelt, der aber für ihn zu einem Wetzstein wird, an dem er seine Kräfte schärft. Es hat noch keinen großen Feldherrn gegeben, der nicht an dem letzten Fehler zugrunde gegangen wäre. Es sei denn, daß der Tod ihn vor dem letzten Fehler abberief. Moltke, „der große Schlachtendenker", ein Kant,! in die Kriegskunst übertragen, im rufsisch-türkischen Kriege vor ungefähr 40 Jahren befragt, wer Sieger und wer Besiegter sein wird, erwiderte: „Wer den letzten Fehler macht, wird der Besiegte sein." Nach Beendigung des entsetzlichen Weltkrieges wird eine volle Umwertung der Charaktere, der Persönlichkeiten, der schaffenden Kräfte, der herrschenden Gewalten eintreten. Kein Lebenskluger wird mit Vorliebe seine Erwartungen an eine Trauerweide hängen. Noch an keinem Wendepunkte der Menschengeschichte wurden der Seeleninhalt und die Charaktereigentümlichkeiten so gewaltig potenziert, als in der furchtbarernsten Gegenwart: das Gute wie das Böse, die Vorzüge und der ganze Edelgehalt der Persönlichkeiten, so wie Fehler, Schwächen, Gebrechen, Leidenschaften und Laster und deren in Worte und Handlungen umgesetzte Aeußerungen, die ruhmvollsten von aller Welt bewunderten-, für die Ewigkeit bestimmten, die antike Größe überragenden Taten, im Gegensätze zu den entsetzlichsten Ausschreitungen bestialischer Niedertracht. Immer ist es an der Zeit, einen warmen Golfstront des Optimismus in eine Eisregion des Pessimismus hineinzuleiten. Fragezeichen an das Geschick und Rufzeichen, Hilferufzeichen (Notrufe) zum Himmel empor schwirren in der Luft umher. Die Fragen: Wie lange noch, was kommt noch? Fragen, welche sonst nur ein greises Haupt umseufzen. Eine neue Welt ersteht! Doch der alte Gott lebt noch, der Gott des Rechtes, der Wahrheit, der Verfolgten von unerhörter Infamie zur heroischen Notwehr Angestachelten, der edlen, lautern Gesittung, der Menschenverbrüderung, des dauernden heldenmütig errungenen Friedens. Kindlein, liebstes, holdes Kindlein! Einen.herzentstiegenen Segen noch zum beginnenden neuen Jahre. Vielleicht dringen einige Laute der frommen Wünsche vor Ablauf des Jahres in deine himmlisch-süßen Träume: Gott, der Allgerechte, seiim glorreichen Zweibunde Oesterreich-Ungarn und Deutschland der Dritte! Seine schützende, segnende, huldreiche Hand spende unserem teuern Vaterlande im beginnenden Jahre Lorbeerkränze der höchsten Triumphe, der glänzendsten Siege, einer unerschütterlichen Weltmachtstellung, eines beglückenden, ehrenvollen Friedens! Brünn, im Januar 1915. B. P. Literatur. „Jenseits". Aus der jüdischen Lebenstragödie im Zarenreiche von S. Schachnowitz, Verfasser von „Merelaita" und „Lustmenschen". Das Buch ist zu beziehen durch alle besseren Buchhandlungen oder gegen Voreinsendung des Betrages direkt beim Verlag des „Israelit". Preis geb. Mk. 2.50, brosch. Mf. 2.-—. Dieser neue Roman des beliebten Erzählers und guten Rußlandkenners gewährt uns einen tiefen Blick in die tragischen Verhältnisse, unter denen die Juden im Kosakenlande leben und leiden. In spannender Handlung und anschaulichen lebendigen Bildern lernen wir den Koloß aus tönernen Füßen in seiner ganzen Ungeheuerlichkeit kennen. Rußland mit seinem Judengesetz, mit seiner Tscherta, mit seiner Prozentnorm, mit seinen verzweifelten, in die Arme der Revolution getriebenen Jünglingen, mit seinen finnischen Täuslingssabriken, Rußland mit seinen Pogromen, Ritualmordhetzen, seinen unterirdischen Gelassen, in denen Verschwörungen und Atten-