Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 5 (29.1.1915)
- Date
- 1915-01-29
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Leite 88 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. » wollen sie essen. Schließlich darf man ja nicht außer acht lassen, daß durch den Genuß der Mazzos ein bedeutender Weißbrotverbrauch entfällt. Aber zu den einschränkenden Bestimmungen der Mahlverordnüng seitens der Regierung gesellt sich eine andere, nicht so leicht zu behebende Schwierigkeit. Bei der strengen Befolgung der Speisegesetze, wie sie jbei unseren orthodoxen Glaubensbrüdern gehandhäbt wird, kann fast mit Sicherheit angenommen werden, daß die bei uns gebackenen Mazzos aus religiösem Bedenken ihnen nicht rituell genügend sein werden. Das ist nun einmal ihre Anschauung, darüber sich nicht gut rechten läßt. Schon machen sich Stimmen unter ihnen sogar dahin geltend, daß das Mehl aus einer alten Dampfmühle nicht so ganz den strengen Anforderungen des Schulchan Aruch entspreche und sie-deshalb sich lieber der Mühe unterziehen wollen, beit Weizen auf einer Handmühle zu mahlen. Zudem werden die armen Leute zu Pessach neues Geschirr und zu den Arba Kosoth streng-koscheren Wein haben müssen. Es ist deswegen geradezu ein Problem, vor welchem das Hilfskomitee nicht mit verschränkten Armen dastehen kann, denn die Leute würden sicherlich lieber acht Tage hungern, als Chomez Bepessach genießen. Um nun die religiösen Gefühle unserer Flüchtlinge zu schonen, wird man wohl Mittel und Wege finden müssen, um auch in dieser Hinsicht etwas für sie zu tun. Das warmschlagende jüdische Herz, vereint mit dem innigen Verständnis für die religiöse Art unserer Glaubensbrüder werden auch diesmal das Richtige treffen, um unseren galizischen Flüchtlingen auch über diese schwere Verlegenheit hinwegzuhelfen. Nur den einen Vorschlag möchte ich mir zu machen gestatten: Gebet den Flüchtlingen keine Mazzos, die sie nicht essen werden — vielfach mit Recht nicht essen —, sondern unterstützet sie durch Geldmittel, damit sie sich ihre Mazzos nach ihren eigenen religwwn Anschauungen Herstellen können. Bei uns in Westböhmen ließe sich vielleicht die Sache so einrichten. Die im vorigen Jahre abgebrannte Kalikenmühle in Pilsen hat eine ganz neue Maschinerie erhalten. Bei einer Vermahlung des Getreides in dieser Mühle wäre doch, meines Erachtens, jedes religiöse Bedenken ausgeschlossen. Ich glaube nun annehmen zu dürfen, daß Herr kaiserlicher Rat Hermann Zucker mann, als Mitchef der Mühle, in seiner leutseligen Art, wie in der Betätigung seines warmfühlenden Herzens, das erste Mahlprodukt den Flüchtlingen zur Verfügung stellen würde. Allerdings müßte man erst die Aufstellung haben, wieviel eigentlich zu diesem Behufe gebraucht werden wird. Jedenfalls stehen wir da vor einer eminent wichtigen Frage, die Bedürfnisse der galizischen Flüchtlinge betreffend. Wir wollen sie lösen, und zwar in einer Art. daß die Emigranten in ihren religiösen Gefühlen nicht gekränkt werden: sind wir doch durchdrungen von dem Bestreben, ihnen wohlzutun. Wenn dann am Sederabende unsere aufiauchzende Seele zur Harfe wird, die Empfindungen unseres Herzens in lautem Sang sich zu begeisternden Liedern gewandelt und uns die alte Hossnungssreudigkeit beglückt', ..Wchmio liabooh Ime oh an rin". ,.im kommenden Jahre werden wir und auch unsere Heimatlosen freie Männer", dann werden sich die frohen Gefühle unserer Brust in dem beseligenden, erhebenden Bewußtsein verankern, daß wir in "diesen schweren Tagen unsere Pflicht getan, daß wir Nackte bekleidet und Hungrige aespeist haben, entsprechend der Forderung des Festes: „Jeder Hungrige komme und esse mit uns: jeder Dürftige komme und feiere mit uns das Pessachfest." Auf daher zur raschen und wackeren Tat? P i l se n, im Schebat 5675. Dr. L i n k. „Edel sei der Mensch!" Aus Brünn wird uns geschrieben: Schrille Hilferufe aus den staatlichen Zufluchtsorten der Aermsten der Armen unter den unglücklichen Flüchtlingen aus Oesterreichs fernstem Osten häufen sich in der Presse fast zu einem Massenchor des Elends und Jammers, dem selbst große Opferwilligkeit bisher nicht ganz zu steuern vermochte. Um so erfreulicher und erquickender ist es, über ein Flüchtlingsasyl berichten zu können, das in diesem großen Meere schwerster Leiden und unzählbarer Tränen als eine kleine Rettungsinsel, als ein Eiland echter Nächstenliebe zu bezeichnen ist, innigst verknüpft mit zwei der bedeutendsten Industriellen-Namen Oesterreichs: Thonet und Wittgenstein? Drei Monate sind es, daß in dem als Wiege der Thonet-Möbel weit bekannten und seit einigen Jahren auch als Touristen-Ort und Sommerfrische sehr geschätzten Städtchen Koritschan im südmährischen Marsgebirge, unweit der berühmten Burg ^uchlau und des herrlichen Schlosses Buchlowitz des jüngst von seinem hohen Amt zurückgetretenen Grasen Berchtold, gegen Abend in strömendem Regen und erst zwei Stunden vorher angemeldet, an vierhundert galizische Flüchtlinge nach schier endlos langen und bangen Kreuz- und Querfahrten endlich, unter Führung des Bezirkshauptmannes und des Vezirkswachtmeisters von Eaya, den glücklichen Abschluß ihrer erschöpfenden und förmlich betäubenden Wanderungen und Bahnreisen fanden,' mit einer Aufnahme und Unterkunft beglückt, deren diese Opfer des österreichischen Kriegsschauplatzes noch in späten Tagen dankbarst und in tiefster Rührung gedenken werden. Setzte sich schon Herr Fabriksbesitzer Alfred Thonet als Bürgermeister kräftigst für die ganz unerwartet eineingetrosfenen 400 Flüchtlinge ein und erwies sich auch der Gutsbesitzer von Koritschan, Herr Ludwig Wittgenstein in Wien, als löblicher Wohltäter der aller Mittel entblößten Zwangsgäste, so wurde diese mit beträchtlichem Geldaufwand verbundene Fürsorgetätigkeit der zwei reichsten Männer Koritschans doch noch wesentlich erhöht und gekrönt durch die echt frauenhafte Menschenfreundlichkeit und persönliche Hilfeleistung der Gemahlin und der Tochter des Herrn Thonet, ^rau Jda und Fräulein Käthe Thonet-: Als die guten Feen .der Flüchtlinge begaben sich in der ersten Zeit diese zwei geradezu vorbildlichen Damen fast täglich in die von Herrn Ludwig Wittgenstein bei Koritschan den Flüchtlingen bereitwilligst eingeräumten Wohnungen, um die Trostbedürftigen liebevollst zu trösten und aufzurichten, um deren Wünsche persönlich kennen zu lernen und besonders auch, um für die Kranken zu sorgen. Nicht bloß kalte Hilfe wünscht sich der Hilfsbedürftige, sondern auch warmes Mitgefühl und Teilnahme; solcher Art ist das Geben und Helfen dieser als aneiferndes Beispiel doppelt segensreich wirkenden Wohltäterinnen, die auch der vom Kriege betroffenen einheimischen Ortsbewohner nicht vergessen; so wurde für diese von Fräulein Käthe Thonet eine Küche eingerichtet, die täglich über ein hundert daraus Angewiesene unentgeltlich mit warmen Speisen versorgt. Auch der Eendarmerie-Postenkommandant von Koritschan, Herr Wachtmeister Streit, hat sich in anerkennenswerter Weise um die Flüchtlinge bemüht, und nicht unerwähnt bleibe schließlich die in.Koritschan für die Flüchtlinge erfolgreich veranstaltete, auch vom hochwürdigen Pfarrer beschenkte Sammlung, die vom Flüchtlingskomitee in Gaya 1000 Kronen zugewiesen bekam und von auswärts auch noch andere Geldbeträge nebst Spenden an Kleidern, Schuhen und Wäsche erhielt. Noch ist der Höhepunkt des Riesenkrieges kaum erreicht; aber die gräßlichen Schrecken und fürchterlichen Leiden dieser harten Heimsuchung unserer Zeit mildert doch die auch in Koritschan sehr bewährte und von den durchwegs jüdischen Flüchtlingen dieses freundlichen Asyls innigst gepriesene Mahnung: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!" L. S. Generalversammlung der „Chewra-Kadischa" Eger. Samstag, den 16. d. M., um 8 Uhr abends, fand wie alljährlich im Restaurant Heller die Generalversammlung der „Chewra-Kadischa" statt. Der Präses der „Chewra-Kadischa" Herr Hugo Fleisch! berichtete über die Geschäftsgebarung des Vereinsjahres 1914 und wurden dessen Ausführungen mit Beifall ausgenommen. Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Grünfeld dankte Herrn Präses Fleischl und seinem Ausschüsse für ihre Aufopferung und hob hervor, daß im verflossenen Vereinsjahre leider erhöhte Anforderungen an die ausübenden Mitglieder durch Bestattung von Kriegsgefallenen und galizischen Flüchtlingen gestellt wurde und kamen sie mit großer Pünktlichkeit den an sie gestellten Pflichten nach jeder Richtung hin nach. An diesem Abend wurde auch über das Wesen der Wohltätigkeit und die Versorgung der Flüchtlinge eine Debatte eröffnet, wobei Herr Kultusvorsteher Ed. Löwy feine Freude über die Opferfreudigkeit seiner Kultusgemeindc zum Ausdrucke brachte und betonte, daß