Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 5 (29.1.1915)
- Date
- 1915-01-29
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 5 Seite 87 Dr. Bloch's Wochenschrift Wäsche, und Schuhe beliebe mau abzugeben im Verbandslokale, II., Novaragasse 41. Für den Humanitären Galizischen Verband in Wien: Dr. Moritz K a h a n e, ' Dr. Max I a c o b s o h n, Hofu. Ger.-Advokat, Hofu. Ger.-Advokat, Schriftführer. Obmann. Dir schreckliche Lage der Juden in Lemberg. Der Berichterstatter des in Petersburg erscheinenden „Nowi Woschod" berichtet aus Lemberg über die schreckliche Lage der dortigen Juden wie folgt: 60.000 Juden befinden sich jetzt in Lemberg in der trostlosesten Lage. Sie hungern buchstäblich. Die reichen Juden, ein 'großer Teil der Intelligenz und auch die bemittelten Juden haben Lemberg verlassen. An ihre Stelle kamen jüdische Flüchtlinge aus anderen galizischen Ortschaften, welche durch den Krieg ruiniert wurden. Ihre Notlage ist unbeschreiblich. Ich habe Szenen gesehen — so berichtet der Korrespondent des genannten Blattes —, welche sich meinem Gedächtnis für alle Zeiten, eingeprägt haben: Halbnackte Menschen, welche buchstäblich nichts anzuziehen haben, um auf die Gasse gehen zu können, hungernde Kinder und Frauen, deren Ernährer geflüchtet oder in den Krieg gezogen sind. Eure ganze Menge halbverrückter Menschen, die jeden Morgen vor den Türen der Synagoge drängen, um eine Anweisung auf ein Kilogramm Brot zu erhaschen. Ich habe auch ganz verrückte Menschen gesehen, welche der Krieg um den Verstand gebracht hat. Ein solcher Unglücklicher lief mir auf der Straße nach und schrie mich um Brot an. Ich gab ihm Geld, er warf es aber zur Erde und forderte schreiend Brot. Ein gewesenes Mitglied des Magistrates, ein Jude, erklärte mir klagend: Wenn diesen Unglücklichen keine Hilfe von außen kommt, werden sie alle Hungers sterben. In Lemberg gab es ein Spital, ein Waisenhaus, ein Altersversorgungshaus und andere wohltätige Anstalten, welche von der jüdischen Gemeinde erhalten wurden. Aber jetzt gibt es nichts von alldem. Es sind weder die Verwalter da, noch die Spender, bloß die armen Leute sind geblieben. Die wenigen, welche zurückgeblieben sind, und an diesen Anstalten Interesse nehmen, erklärten mir: Unsere Anstalten existieren noch wie durch ein Wunder. Aber auch die letzten paar Groschen werden zu Ende gehen, dann werden wir das Waisenhaus und das Altersversorgungshaus schließen und sowohl die Greise, als auch die Kinder auf die Straße setzen müssen. Was könnten wir auch anderes tun? Dieser Bericht wurde von der russischen Zensur ungekürzt durchgelassen, denn die russische Verwaltung in Lemberg schämt sich dieser Schandtaten durchaus nicht. Reichenöerg. Am 7. November 1914 wurde der Vorsteher der israelitischen Kultusgemeinde in 'Reichenberg, Herr JUDr. Wilhelm Fleischer, seitens der k. k. Bezirkshauptmannschaft Reichenberg verständigt, daß beiläufig 2000 galizische Flüchtlinge jüdischer Konfession nach Reichenberg kommen, und er wurde aufgefordert, sich in den Dienst dieser Sache zu stellen. Nach einer noch um selben Tage unter Leitung des Herrn k. k. Statthaltereirates Dr. Ritter von Steffek abgehaltenen Sitzung, der die Herren Dr. Wilhelm Fleischer, Alois Soudek, Sigmund Meller und der Ortsvorsteher der Gemeinde Rosenthal I teilnahmen, ging man daran, einen großen Fürsorgeausschuß ins Leben zu rufen, welchem ex o!fo der Vorsteher Dr. Wilh. Fleischer und der Rabbiner Professor Dr. Emil Hosmann angehören. Als Obmann dieses Komitees wurde der Vorsteherstellvertreter der israelitischen Knltusgemeinde Herr Alois Soudek, als Zahlmeister Herr Sigmund M e l l e r und als Schriftführer die Herren Dr. Alfred Soudek. und Rudolf T e l t s ch e r gewählt; außerdem gehören diesem Ausschüsse eine große Anzahl angesehener Mitglieder der hiesigen Kultusgemeinde an. Aus diesem großen Fürsorgeausschuß>. wurde eine Anzahl Komitees bestellt, von den.en das Wohnungskomitee sofort eine zielbewußte und energische Arbeit begann. Die einzelnen Ubikationen erhielten je zwei Kommissäre, die in überraschend kurzer Zeit in die Unterkünfte Ordnung brachten und insbesondere mit aller Strenge auf Reinlichkeit sahen. Da der Staar per Kopf und Tag nur 70 Heller beiftellt, die für Wohnung und Beköstigung gebraucht werden, trat an den Fürsorgeausschuß die Aufgabe heran, Mittel aufzubringen, die zur Beschaffung von Strohsäcken, Decken, Kleidern, Schuhen und anderen Gebrauchseffekten benötigt werden. Außer riesigen Mengen von Gebrauchsgegenständen, die von der Bewohnerschaft von Reichenberg und Umgebung gespendet wurden, gingen bis jetzt zirka 18.000 Kronen ein, die zum allergrößten Teil bereits verbraucht sind. Ende Dezember v. I. gelangte ein Erlaß der k. k. Statthalterei in Prag an die k. k. Bezirkshauptmannschaft herab, in welchem diese Behörde aufgefordert wurde, dafür >zu sorgen, daß die Kinder der Flüchtlinge so bald als möglich einem geregelten Schulunterrichte zugeführt werden. Die politische Behörde in Reichenberg leitete im Einvernehmen mit dem Vorstande der israelitischen Kultusgemeinde und dein Fürsorgeausschusfe diese wichtige Angelegenheit in der Weise in die Wege, daß über Beschluß des Bezirksschulrates die schulpflichtigen galizischen Kinder nach Maßgabe einer Aufnahmsprüfung in die öffentlichen Schulen jener Orte eingeteilt wurden, in denen sie mit ihren Angehörigen wohnen. Diese Kinder genießen seit dem 2. Januar die Wohltat eines geregelten Schulunterrichtes. Nur in Franzendorf und Johannesthal war wegen zu großer Anzahl der galizischen Schüler (im ganzen SO) ein Einreihen in die öffentliche Schule nicht möglich Mld es mußte daran geschritten werden, dort eine eigene Schule zu errichten. Die Gemeinde Johannesthal stellte einen geeigneten Raum zur Verfügung. Den Unterricht erteilt ein polnischer Aushilfslehrer, der dein Schulleiter des Ortes untersteht. Die Entlohnung dieses Lehrers sowie die Beistellung der Lehrbücher und anderen Lehrmittel hat die israelitische Kultusgemeinde Reichenberg auf sich genommen. Die Firma Teltscher L Löwy irr Röchlitz hat für die Flüchtlinge ein Entbindungsheim errichtet, in welchem 12 Betten aufgestellt sind. Den entbindenden Frauen wird ärztliche und Hebammenhilfe zuteil und auch die sonstigen Einrichtungen hier in hygienischer Beziehung sind geradezu mustergiltig. Für diese überaus wohltätige Einrichtung kann den Chefs der genannten Firma, Herren Albert Löwy und Rudolf Teltscher, nicht genug gedankt werden. Tie Mazzosnot für die galizischen Flüchtlinge. Man schreibt uns aus Pilsen: Das Hilfskomitee wird sich in der nächsten Zeit intensiv mit der Frage beschäftigen müssen, in welcher Weise die Flüchtlinge mit Mazzos versorgt werden sollen. Man denke, nur in Böhmen allein sollen etwa 350.000 Flüchtlinge untergebracht sein, die zu Pessach Mazzos haben müssen. Wir verkennen gewiß nicht die Notwendigkeit der Regierungsverordnung, der Streckung unserer Vorräte an Mehl und Brotgetreide während des Krieges Rechnung zu tragen; doch können wir ja unmöglich diese strenggläubigen Leute, die an den religiösen Pessachvorschriften festhalten, einem schweren Gewissenszwang unterwerfen, indem wir ihnen zumuten, ihren MäzzoSverbrauch einzuschränken. Diese Leute haben ja in ihrem Speisezettel keine gar zu große Abwechslung, doch Mazzos