Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 5 (29.1.1915)
- Date
- 1915-01-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 78 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 5 Die.Londoner jüdische Gemeinde, sonst ein Tummelplatz beständigen Gezänkes, zeigt die Ruhe eines Friedhofes. Die Lage der galizischen und ungarischen, in die Konzentrationslager geschleppten Juden ist haarsträubend. So sind z. B. in der Londoner „Olympia" 4000 solcher „Kriegsgefangener" untergebracht, die infolge Kälte, Feuchtigkeit, Schmutz und Hunger dahinsiechen, für 4000 Menschen hat man — 40 Waschschüsseln zur Verfügung gestellt. Mehr als 1000 Juden zählt man unter diesen Aermsten. In letzter Zeit hat man einen Teil von ihnen auf alten Schiffen untergebracht, dort sind sie vermutlich wenigstens vor dem Erfrieren geschützt. Die allgemeine Stimmung, in England ist sehr gedrückt. Da die russische „Dampfwalze", die ganz Deutschland niederbügeln sollte, versagt, schwindet der letzte Optimismus. In Wales, wo der Patriotismus am stärksten sich bekundet, wäre es vor etwa zwei Monaten zu einem regelrechten Pogrom ü la Kischenew gekommen, wenn nicht die Regierung rechtzeitig tatkräftig eingegriffen hätte. Aber selbst in Irland, das durchaus nicht für England begeistert und gegen seine Feinde animos ist, werden Juden auf der Straße belästigt und mit Kot beworfen und zwar — als Deutsche. Diese Inder: hatten nämlich seinerzeit bei der Einwanderung sich ihres Judentums geschämt und wollten stets als Deutsche angesehen werden. Dafür haben sie jetzt zu büßen. Und alles dies, obwohl die Judenheit Irlands — etwa 4000 Seelen — prozentual weit mehr Soldaten gestellt hat, als die Iren selbst. Dr. Robert Green in Dublin hat eine Gruppe jüdischer Aerzte für Dienste des Roten Kreuzes organisiert und hundert und etliche Juden haben sich! vor ihren christlichen Mitbürgern durch bedeutende Spenden für die Familien gefallener oder verwundeter Krieger ausgezeichnet. Ueber Rußlands Verheißungen an die „lieben Juden" geht das Bonmot um: Wenn schon die Erlösung von Rußland kommen soll, wäre es besser gewesen, Rußland wäre nicht erst in den jüdischen Kriegs-Kasche (Buchweizen) eingebrockt worden. Dr. Johann Michael Szeberiny. Knapp vor dem Eintritt in das 91. Lebensjahr mähte der unerbittliche Schnitter einen der besten und edelsten Menschen aus unserer Mitte hinweg. Am 19. Januar 1915 starb nach kurzer Krankheit der Nestor des Alt-Liberalismus, wie wir ihn in einem sein neunzigstes Jahr feiernden Artikel nannten,*) der frühere Militär-Superintendent und Universitätsprofessor Dr. I. Szeberiny, der sich dank seines schlichten, anspruchslosen Lebenswandels in fast unvermindertem Maße seine geistige Frische bis ans Lebensende bewahrt hatte. Mit chw verschwindet wieder ein jetzt immer seltener werdender Repräsentant — der würdigsten einer — jener idealen Geistesrichtung, welche heutzutage so gerne mit dem mehr Spitzals Ehrennamen bedeutenden Schlagworte „Josephinisch" belegt wird. Durchaus gefestigt in seinen Anschauungen, war er gleichwohl von der weitestgehenden Toleranz gegen Andersgläubige erfüllt; unnachsichtlich strenge gegen sich, hatte er stets nur das nachsichtigste Urteil gegen seine Mitmenschen, gleichviel welcher Rasse und wessen Bekenntnisses sie waren. In seltener Harmonie verband sich bei ihm Wissen mtt Geist und Wohlwollen, er war ein Religionslehrer in des Wortes bester Bedeutung, der die Religion nicht als bloße Katheder-Doktrin behandelte, sondern .sie praktisch allüberall. und jederzeit *) Siehe „Oesterr. Wochenschrift" Nr. 9 vom Jahre 1914, Seite 138. in die Tat nmsetzte. Seine genaue Kenntnis des Alten Testamentes, namentlich aber der alten Propheten, brachte ihn auch selbstverstäiMich dem Judentume besonders nahe. Der anfangs der Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts in die Halme schießende Antisemitismus mußte daher sein warmfühlendes Herz auf das tiefste verwunden. Er, der keine Lüge duldete, konnte seinem überquellenden Abscheu, dem er wiederholt öffentlich Ausdruck verlieh, nicht anders Luft machen, als indem er an die Spitze des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus trat. Seinem vornehmen, aus reinstem Menschentume entsprungenen Empfinden war insbesonders das an dem unglücklichen Leopold Hilsner begangene Justizverbrechen geradezu unerträglich und er scheute — als s ast 84j ähriger Greis — die Mühe nicht, die vom genannten Vereine veranstaltete öffentliche Versammlung vom 18. März 1908 im Sophiensaale zu leiten, worin nach einem Referate des verstorbenen Rechtsanwaltes Doktor Friedr. Elbo Hen*) der Protest gegen die weitere Kerkerhaft dieses unschuldig Verurteilten ausgesprochen wurde. Bezeichnend für die Aufrichtigkeit und die Reinheit seiner idealen Weltanschauung ist der Schlußappell, den er damals an die Versammelten richtete. Nach dem Hinweis aus einen ähnlichen Fall von ebenfalls nur auf Denunziation erfolgter Verurteilung, jenen des unglücklichen C a lu s, der 1762 in Frankreich der: furchtbaren Martertod am Rüde ganz unschuldig erdulden mußte, dessen Rehabilitierung erst einem Voltaire gelang, ermahnte er jeden Einzelnen, „zu leben für etwas Allgemeines, Ewiges, Ideales. Denn nur dann leben wir fort, unsterblich, in der auch durch uns geförderten Menschheit; in der Menschheit Menschlichkeit aber offenbart sich das Göttliche, die alles versöhnende, alles tragende, alles aufopfernde Liebe"! — Ebenso schlicht und bescheiden, aber wahrhaft und echt handelte er stets nach dem von Jesus vorgeschriebenen Lehrmotiv: „Ich bin nicht gekommen, die Lehre Mosis aufzuheben, sondern sie zu erfüllen", — aus welchen Leitsatz er wiederholt in den Vereinsversammlungen verwies. Aus diesem Grunde allein kann daher der wahre Christ, umsomehr ein Priester, gleichgiltig, welchen Bekenntnisses, unmöglich der Feind des Judentums sein. Niemand vielleicht war so durchdrungen von der Wahrheit dieses ethischen Grundsatzes, als Dr. Szeberiny, der aus dieser Gesinnung nicht nur kein Hehl machte, sondern sie wiederholt zum Ausdrucke brachte. Mo einleuchtend und selbstverständlich diese Erkenntnis ist, so wird merkwürdigerweise gerade von jener Seite, von der es am wenigsten vorauszusetzen wäre, nur zu häufig dagegen verstoßen. Es war daher ein ganz richtiger Akt seitens Seiner Ehrwürden des Herrn Rabbiner Dr. M. Grunwald, als er in seinem am 21. Januar-1915 gehaltenen großen Vortrag: „Patriotismus in der Bibel" das Ableben Szeberinys erwähnte und ihn als wahren Priester feierte. — Es sei ihm an dieser Stelle hiefür gedankt! Am 16. Februar 1825 zu Schemnitz in Ungarn als Sohn des dortigen (evangelischen) Bischofs der Diözese geboren, studierte Szeberiny 1845—1847 in Jena und Berlin Theologie, bekleidete sodann ab 1849 die Stadtpfarrerstekle in Schemnitz, erhielt 1860 den ersten für die Armee geschaffenen Posten eines' protestantischen Seelsorgers in Wien, worauf er sichsogleich bemühte, eine Kirche für die Soldaten seines Glaubensbekenntnisses zu erlangen — dieselbe, in der seine sterblichen Ueberreste am 21. Januar 1915 eingesegnet wurden *) S. Nr. 12. der „Oesterr. Wochenschrift" vom Jahre 1908.