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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-01-29 · 5 (29.1.1915) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
5 (29.1.1915)
Date
1915-01-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 5 Or. Bloch’s Jahrgang XXXII Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Zudentums. Wien, 29. Jänner 1915 LrsiLeLnt jeden Freitag. Brief-Adresse.- Wie«, Il/i, Praterstraße 9. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wie«. V. kr. PostsxsrKslstnsmt Llearing-VerKebr Mr. 610.976. Redattion und Administration: w i r rr H/1. Praterstraße 9. Telephon 45.359 otr— =do p Vr;ugspreis für Oesterreich: C Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für das Ausland: Halbjährig!0 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 2mal gespal» lene Petitzeile 48 Heller. £ oO. Qo Inhalt Leitartikel: Ein Brief aus London. — Dr. Johann Michael Szeberiny. — B o m Jahrmarkt des Lebens: Erzherzog Joses über Soldaten jüdischer Konfession. Kriegsauszeichnungen jüdischer Offiziere und Soldaten. Silberne Tapserkeitsmedaille. Feldpostbrief. Sanitätsunteroffizier Armin Gottlieb. Franz Pollitzer. Emil Taster. Wie ein frommer Jude stirbt. Ter erste gefallene österreichische Automobill'st. Andreas Boldizsar. Auszeichnungen jüdischer Krieger mit dem Eisernen Krenze. Zu preußischen Reserveoffizieren befördert. Sonstige Auszeichnungen. Beförderungen im Bayrischen Heere. Ein katholischer Pfarrer an einen jüdischen Träger des Eisernen Kreuzes. Eisernes Kreuz für einen Oesterreicher. Ernennung zu Feldrabbinern. Deutsche Jivilverwaltung in Russisch- Polen. An den Gebetriemen nufgehängt. Jüdischer Offizier im russischen .Heer. Verbot einer Hilfsaktion. Russische Bestialitäten in Galizien. Die Judenhetze der Wiener „Reichspost". Der jüdische Dichter als Hausknecht. Hermann Bernstein an die Juden von Frankreich und England. Eine stürmische Sitzung des Loard ok veputies in London. — Korrespondenzen: Rarcisse Leven. Jüdisches Kriegsarchiv. Kriegsgelübde zugunsten des Jüdischen Nationalfonds. Verein jüdischer Hochschüler »S/Ienaa. Aeademica Judaica«. Wohltätigkeitsaktion des österr.-ungar. Kantorenvereins in Wien. Tie Mazzosnot für die galizischen Flüchtlinge. Flüchtlingsausspeisung. Die schreckliche Lage der Juden in Lemberg. „Die Liebe höret nimmer auf." Generalversammlung der „Chewra-Äadischa" Eger. Moses Rappaport — gefallen. Dr. Max Nordau in Madrid. Trinkspruch eines Hundertjährigen in Amerika auf Kaiser Wilhelm. Zentralisierung der Palästina-Geldsendungen in Italien. —Vermischtes. — Feuilleton: Einfälle und Ausfälle. — Literatur. — Briefkasten. — Notiz. — Inserate. Ein Brief aus London. Ueber die Lage der Juden in England unter den Wirkungen des Krieges sowie insbesondere der jüdischen Kriegsgefangenen in den Konzentrationslagern ist uns ans dem Wege über neutrales Gebiet der folgende authentische Bericht zu Händen gekommen. Die große Anzahl der eingewanderten, noch nicht naturalisierten russischen Juden in England lvar von allem Anfang an antirussisch gestimmt. Dagegen halfen nichts die Versicherungen Sir Edward Greys, daß die englische Regierung in Petersburg eine Besserung des Loses der Juden Rußlands erwirken werde. Man glaubte ihm einfach nicht und sah! sich durch die beispiellose Barbarei der russischen Lwldateska gegen die Juden in Polen und Galizien in diesem Mißtrauen nur bestärkt. Nun versuchte es die englische Regierung mit einer antisemitischen Preßkampagne. Man drohte den Juden, Rußland werde nach dem Kriege ganz judenrein werden müssen, um sich durch sie nicht in seiner organischen Entwicklung stören zu lassen. Gleichzeitig wurden alle Juden von der Polizei verfolgt, die deutsche Namen tragen, wie natürlich, ein sehr großer Bruchteil. Der nächste Schritt bestand darin, jüdische Kriegsfreiwillige — als Juden — zurückzuweisen, schließlich wurden selbst längst naturalisierte Juden aus Rußland von der Polizei drangsaliert; so u. a. selbst Professor S. D a i ch e s am Londoner Rabbinerseminar und viele Notabilitäten. _ In den jüdischen Familien kam es oft zu Konflikten zwischen den antirussischen Eltern und ihren englischpatriotischen Kindern. So hat der bekannte Chacham der spaniolischen Gemeinde in London, Dr. Ga st er, öffentlich gegen die englisch-russische Allianz Stellung genommen, er weigerte sich ganz entschieden, für den Sieg Englands im Tempel ein Gebet zu sprechen. Obwohl bereits 28 Jahre in seinem Amte, wurde er von seinem Vorstände mit Amtsentsetzung bedroht. Er hat aber bis heute seinen Standpunkt verfochten. — Ein Sohn Doktor Gasters dagegen ist Kriegsfreiwilliger. Ein anderer Rabbiner, der es gewagt hatte, in einer Predigt am Jaum Kippur die Heimsuchung Belgiens für eine gerechte Strafe für die Grausamkeiten im Kongo zu erklären, mußte — er ist mittelloser Familienvater — öffentlich widerrufen. Die paar Tauseüd eigentlicher, längst eingebürgerter englischer Juden überbieten die anderen Engländer noch an Patriotismus, d. h. an Chauvinismus. Eine adelige jüdische Lady, deren Hilfe man für eine arme galizische Flüchtige aus Antwerpen anging, erklärte: „Mit einem Feind darf man kein Mitleid haben, ich bin keine — Zionistin." Auch die naturalisierten deutschen Juden stoßen in dasselbe Horn. Ein gewisser August W o l f aus Frankfurt a. M. hat das Amt eines Detektivs zur Ermittlung deutscher Spione übernommen. Ein anderer hat sich derart das Vertrauen der Regierung erworben, daß man die Ueberwachung der königlichen Palais in Buckingham ihm übertrug. Allerdings bilden die besseren Kreise dieser naturalisierten Juden eine rühmliche Ausnahme: so besonders zwei Anverwandte des bekannten Newyorker Bankiers Jacob Schiff. Der eine, Herr Ernest Schiff, unterhält vollständig auf seine Kosten 600, der andere, Otto S chi ff, 300 jüdische Flüchtlinge aus Antwerpen. Wirtschaftlich äußern sich die Folgen des Krieges auf die verschiedenen Schichten der jüdischen Bevölkerung Englands verschieden. Der Mittelstand ist ganz und gar ruiniert und wandert, so weit es geht, nach Amerika aus. Ebenso die Großhändler, die nnt der Türkei, Japan und Persien und sonst nach Uebersee Handel trieben. Hingegen Whitechapel mit seinem Proletariat der Schneider, Schuster und Kürschner hat noch nie so glänzende Zeiten erlebt. Die ungeheuren Militärlieferungen halten alt und jung von früh bis spät in Atem. Hier wird gut verdient. Im Ganzen ist aber das jüdische Leben in London nur ausgestorben. Ein großer Teil der jüdischen Intelligenz ist davongezogen, der Rest verhält sich passiv.

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