Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 4 (22.1.1915)
- Date
- 1915-01-22
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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te n Dr. Bloch s Zar: Tic mar Jüdin. S$nr haben einander sehr lieb gehabt und sind sehr glücklich gewesen. Ich habe ihr nichts rauben müssen, sie hat mir altes freiwillig gegeben. . . . Pater: Als ob fo eine Jüdin etwas zu verschenken hätte.' Sie muß froh sein, wenn der Großfürst sie nimmt. Zar: Du darfst nicht so von ihr sprechen, Väterchen. Sie wußte lange nicht, wer chr Geliebter war. Wir trafen uns in einer Hafenschenke in Petersburg. Sie hatte blauschwarzes Haar wie eine Kreolin. . . . Und ich habe sie oft geküßt, bis unsere Lippen bluteten. (Pause.) Pater: Ist das die ganze Beichte, Majestät? Zar: Nein. Wie man bei Hofe erfuhr, wo ich meine Nächte verbrachte, gab man ihr Geld und befahl ihr, zu verschwinden. Aber sie warf das Geld in die Newa und blieb. Pater: Die freche Dirne hätte die Knute verdient! Zar: Man wollte, ich solle die Jüdin vergessen . . . Und ich habe sie vergessen. Du weißt ja, dann wurde die schöne Tänzerin Aglaja meine Geliebte. Aber in der letzten Nacht, in der ich mit Mirjam beisammen war, zeigte sie mir das Kind, das sie vor wenigen Stunden geboren hatte, unser Kind. Pater: Wer weiß, wessen Kind der Balg war! Zar: Du tust ihr unrecht, Väterchen. . . . Mirjam hat nie in ihrem Leben gelogen. Wir berieten damals, wie unser Töchterchen heißen solle. Ich sagte ihr, es solle getauft und im rechten Glauben erzogen werden. Aber da begann sie zu weinen und zu schreien und wollte das Kind lieber sterben lassen, ehe es den Glauben chrer Väter verlassen dürfe. Du weißt ja, so starrköpfig sind sie alle, da hilft weder die Peitsche noch Sibirien. Pater: Majestät haben doch hoffentlich Mutter und Kind sofort verhaften und in den Kerker werfen lassen? Zar: Nein, das habe ich nicht getan. Pater: Da haben Majestät eine schwere Sünde begangen. Zar: Ich glaube, diese Sünde wird Gott mir verzechen. . . . Ich war ja immer sehr nachgiebig und so habe ich meine kleine Tochter Jüdin bleiben lassen. Wir haben gemeinsam für sie einen Namen gewählt, Mirjam und ich. Und wir gaben ihr den schönsten Namen der Bibel: Ruth. ... Pater: Ich beginne zu verstehen. ... . Zar: Ja, Väterchen, du verstehst mich ganz recht. . . Meine Geliebte hieß Mirjam Kialyn. Aber du weißt noch nicht alles. Pater: Majestät haben Ihre Unterlassungssünde von damals reichlich gut gemacht durch die Pogroms, in denen die Juden mit der Knute in unseren heiligen Glauben hineingehetzt wurden. Die jungen Mütter, denen man die Brüste ausgerissen hat, sind Sühnopfer für Mirjam, die den Zaren küssen durste und doch in ihrer Verblendung Jüdin blieb, die Kinder, denen man den Schädel zerschmetterte, sind Sühnopfer für die kleine Ruth, die eines Zaren Tochter und dabei eine gottverfluchte Jüdin war. Zar: Ich bereue diese Pogroms aus tiefstem Herzen, Väterchen. Pater: Majestät! Welche Lästerung! Zar: Ich war vielleicht gar nicht schlecht, ich war nur -schwach. Ich habe die Pogroms nicht gewollt, ich habe sie nur geduldet. Pater: Majestät, versündigen Sie sich nicht! Zar: Uebrigens, — wer kennt sich denn? . . . . Vielleicht war es mir eine geheime Wollust, wenn ich eine Blonde oder Braune mit meinen Zärtlichkeiten be- Wvlljcnschrisl R-. 4 glückte und dabei wußte: während wir hier im weichen, warmen Bette liegen, werden jüdische Mädchen von Ko säten geschändet und erdrosselt, sticht man alten Frauen die Augen aus, peitscht man die Männer, stößt man Kinder in den Schnee von Sibirien. Ich glaube, ich habe immer gerne Blut gesehen. ... Pater: All dieses verruchte Blut ist zur Ehre Rußlands vergossen worden. Zar: Das sind nur Worte, Väterchen. ... Ich erinnere mich an eine Hinrichtung. Ein Student wurde gehenkt. Und als man ihm den Strick um den Hals legte und zusammenzog und seine Augen hervorquollen und er nur wehr röcheln konnte, als dann sein Gesicht schwarz wurde, da hatte ich ein Gefühl, ganz ähnlich, wie wenn ich ein Mädchen küsse. . . . Geschah das auch, zur Ehre Rußlands? Pater: Es ist nur menschlich, daß auch der Körper sein Recht will, Majestät.. Zar: Wer weiß, ob das menschlich ist! . . . Ich sehe gerne Blut, ich kann aber nicht dafür, ich habe das von meinem Vater mrd von meinem Großvater geerbt, die haben alle gerne Blut gesehen. . . . Mir wird heiß und kalt, ich glaube, ich habe Fieber. Pater: Majestät dürfen sich nicht so aufregen. Zar: Ich will dir nur noch rasch zu Ende erzählen. . . . Bei einem dieser Pogroms ist Mirjam ums Leben gekommen, auf sehr qualvolle Weise, ich habe es durch einen.Zufall erfahren. Es war mir damals ziemlich gleichgiltig. Und heute höre ichdaß ihre Tochter — daß meine Tochter im Namen des Zaren hingerichtet wurde. Und unsere Heere erleiden gegen Oesterreich und Deutschland Niederlage auf Niederlage. Ich fühle mich schon hier im Kreml nicht mehr sicher, ich habe zahllose, heimliche' Feinde, es" geht' mit Uns zu Ende, Väterchen! Pater: Majestät, Rußland wird ewig leben und Gott wird den Zaren schützen. Zar: So wie er meinen Vater geschützt hat und meinen Großvater. Wenn ich trinke, so glaube ich Gift zu trinken, wenn ein Vorhang raschelt, so sehe ich den Mörder hervorspringen, wenn es donnert, so glaube ich den Donner der Bombe zu hören, die mich zerreißt. Pater: Majestät müssen jetzt ein wenig ruhen. Es ist sehr spät geworden. Zar: Gute Nacht, Väterchen. Gott sei uns gnädig! Bete für mich, ich habe viel gesündigt. Pater (ab). Zar (kniet vor einem Bilde: Maria auf Golgatha, Jesus in ihrem Schoß): Ich glaube, ich werde nicht mehr lang leben. ... Im Namen des Vaters und des Sohnes und . . . Was wollte ich doch sagen? Es regnet raußen. . . . Und finster ist es. Jetzt kämpfen sie überall. Alle sagen, ich sei an diesem Kriege schuld. Ich habe nicht gewußt, was ich tat. Gott, verzeih' mir, Menschen, verzeiht mir! Ueberall werde ich verflucht, in meinem Lande und bei den Feinden. . . . Ich habe nur Feinde. . . . Wie es donnert! Das sind die Kanonen! Warum liege ich auf der Erde?- Hat mich ein Säbelhieb getroffen oder eine Bombe? Aber nein, das ist ja mein Zimmer und der Sessel da ist von Gold wie ein Thron. . . . Das ist ja Blut! Da kommt ein scheues Pferd ohne Reiter, gleich wird mir sein Huf den Schädel zerschmettern. . . . Wie meine Wunde brennt! Wasser! Hilfe! Wasser! Was ist denn das? Ach, wie ekelhaft! Ameisen kriechen aus meiner Wunde — und Schlangen — — — Was wollt ihr denn, ihr Schwarzen? Wollt chr mich verscharren? Ich lebe ja noch-Ich kann nicht schreien, mein Mund ist voll Blut, sie werden mich in die Grube werfen. — — „Ich kann nicht