Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-01-22 · 4 (22.1.1915) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
4 (22.1.1915)
Date
1915-01-22
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3022142-3022147--23804-3049021
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite «6 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 4 Die diesen Emanationen entsprossenen trostreichen Schöpfungen huldreichen Erbarmens ragen empor gleich Leuchttürmen im aufgewühlten Meere des verdunkelten Tages, welche den Schiffbrüchigen aus Sturm, Gewitter und Tod hinüberleuchten in den rettenden Hafen — nm ihn hier Trost und Beruhigung finden zu lassen, bis wieder der schönere Tag anbricht. Wie von elementaren, blindwütigen Naturgewalten wurden sie, die jetzt als Flüchtlinge plan-, ziel- und ratlos unter uns weilen, plötzlich unverschuldet ins Elend hinausgetrieben. — Unsagbar traurig hätte sich aber deren herbes Schicksal gestaltet, wenn der Born menschlichen Mitleids und Erbarmens, die Schatzkammer seelischer Güte sich ihnen nicht erschlossen hätte, wenn sich ihnen nicht spontan entstandene Hilssstätten in solcher Anzahl, aber auch mit solch dringlicher Notwendigkeit, wie noch nie, eröffnet hätten. Alle sind sie notwendig, alle sind sie aufrechtzuerhalten; nicht darf unser Herzensschlag für die Schicksalsgebeugten ermatten, nicht unsere Hand für sie erschlaffen, nicht die Quelle regsamen Mitgefühls für fie versiegen! Glücklicherweise sind aber Herz und Gemüt der Wiener Bevölkerung unerschöpflich in mitleidsvoller Teilnahme. Und dies ist nur zu notwendig, denn die zu lösenden Aufgaben der Fürsorge für die Flüchtlinge häufen sich. Jüngsthin hat sich das Wiener Hilfskomitee für die Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina ohne Unterschied der Nationalität und Konfession, welches unter dem Präsidium des gemeinsamen Finanzministers Erzellenz Dr. Ritter von B i l i n s k i steht, die Ausgabe gestellt, eine Reihe von Wohlfahrtseinrichtungen ins Leben zu rufen, welche den Zweck verfolgen, in geistiger und materieller Beziehung den Flüchtlingen und ihren Kindern in ihrer schweren Lage beizustehen : ein Flüchtlingsheim, eine Beschäftigunßsanstalt für Kinder, Strik- und Nähstuben, zwei große Ausspeiseanstalten, eine Frühstück- und Jausestation, Wärmestuben, sollen zu diesem Zwecke errichtet werden. Spenden hiefür sind an das k. u. k. gemeinsame Finanzministerium, 1. Bezirk, Johannesgasse 5, zu richten. In Würdigung der großen Bedeutung des zu schaffenden Werkes hat Erzherzogin Zita das Protektorat darüber übernommen. Ich bezweifle nicht, daß man, um die teilnahmsvolle Unterstützung weiterer Kreise des großen Publikums für diese Aktion zu erlangen, gerne deren lebhafte Förderung seitens der Preßorgane sehen wird. Darum erregt nur immer euer gemeinsinniges Fühlen und Denken und euer tatkräftiges Handeln, jeder nach Maßgabe seines guten Willens, seiner Fähigkeiten und seines Vermögens, um zu diesem edelmütigen Beginnen nach Kräften beizusteuern, euch zur Ehre und aus Liebe zum Vaterlande! Ich' will in Kürze an einigen Fällen wohltätigen - Wirkens eitler der hier bestehenden -privaten Flüchtlingsfürforgestätionen für Ausspeisung die Notwendigkeit, ja Unentbehrlichkeit derartigen und anderen Zwecken dienender Flüchtlingshilsestellen nachdrücklich erwähnen. Ich wähle hiezu die seit mehr als einem Vierteljahre sich segensreich betätigende Flüchtlingsausspeisestelle, 2. Bezirk, Roten Sterngasse 23. Täglich zweimal strömen ihr Hilfsbedürftige in solcher Anzahl zu, daß sie nur abteilungsweise in den eigentlichen Allsspeisungsraum, und zwar vorerst die Kmder, dann die Erwachsenen zugelassen werden können. Welch freudiges Aufleuchten in den Augen der hungrigen Kinder, wenn ihnen die kräftigende Suppe, oder die heißen Würstel mit Sauerkraut, mit dem zu keiner Mahlzeit fehlenden Brote verabreicht wird, das sich lebhaft erneut, wenn ihnen, dank der besonderen Güte einer wohltätigen Spenderin, ein kleines Backwerk beigegeben wird. Von weither kommen die Kleinen: zum Beispiel ein vierjähriges. Mädchen, das von seiner älteren Schwester mitgebracht wird, aüs der Ennsgasse weit im Prater; ein etwa siebenjähriges Mädchen mit ihrem vierjährigen Brüderchen aus der weit entfernten Denisgasse im 20. Bezirk; ein achtjähriger Knabe mit seinem jüngeren Bruder der 1. Volksschufklasse von dem weit entlegenen Vrigittenauer Bezirksteil Zwifchenbrücken. Das find aber keineswegs vereinzelte Fället und gewiß nicht die allerärgsten. Wie nahrungsbedürftig müssen aber die Flüchtlingskinder sein, wenn ungeachtet des schlechten Winterwetters sich die Kleinen nicht schrecken, notdürftig beschuht und bekleidet, die weite Wegstrecke'am späten dunklen Abend hin und her zurückzulegen! In einer Fensternische lehnt, dürftig bekleidet, eine Frau. Im Arme trägt sie ein ganz junges Kind und an der Hand führt sie einen kleinen Knaben. Gierig hascht der weinende Kleine nach d«n ihm zu seiner Sänftigung von der Mutter dargebotenen Brotstückchen. Bald werden sich Mutter und Kinder an der zur Verteilung gebrachten Speise den Hunger stillen. Wohl kämpft der Gatte und Vater dieser Armen für des Reiches Ehr und Bestand, mithin für uns selbst, gegen den grimmen Feind. Dort sitzt gramgebeugt ein alter, weißhaariger, langbärtiger Mann, sein inüdes Haupt sorgenvoll auf den Arm gestützt. Er mag wohl darüber Nachdenken, wie schnell er, der jetzt auf die Gnade der Mitmenschen angewiesen erscheint, seiner Heimat entfliehen mußte, von der Stätte, Wo er selbst seinen Teil zum Besten des Staätsganzen beisteuerte. Abgehärmte Jünglinge und Mädchen, wie auch ab und zu einzelne Soldaten, kommen, um sich an dem warmen Abendessen zü laben. Da kommt kurz vor Abschluß noch ein weinender kleiner Junge daher. Er befürchtet, nichts mehr zu bekommen, und so heute hungernd schlasengehen zu müssen. Aber die rettende Hand eines fürsorglichen Komiteemitgliedes hat ihn schnell noch erblickt und besorgt ihm sreundlichst ein Nachtessen. Hie und da können auch, dank besonderer Spenden, einzelne Kleidungsstücke an deren Bedürftigste verteilt werden. Und so wie hier, finden an allen anderen Flüchtlingssürsorgestätten für Ausspeisung und Bekleidung usw. Tausende von Hilfsbedürftigen Labsal und Rettung von ihrer Trübsal. Aber noch lange werden in unserer großherzigen Stadt die Flüchllingshilssstätten ihre Unentbehrlichkeit erweisen müssen, da an eine baldige Beendigung des Krieges mit seiner Verteuerung aller Lebensbedürfnisse nicht zu denken ist. In großzügiger Weise plant nun das unter dem Protektorate der allerdurchlauchtigsten Erzherzogin Zita stehende Flüchtlingswohlfahrtskomitee nicht nur zur Linderung der leiblichen Bedürfnisse der Flüchtlinge, sondern auch zu deren geistiger und gemütlicher Erhebung reichlichst beizutragen. Darum, ihr Guten, unterstützet wohl fortgesetzt die bereits bestehenden Hilssstätten für Flüchtlinge, wendet aber nun auch vornehmlich der großherzig geplanten Wohlfahrtstätigkeit des offiziellen unter dem Schutze der edeldenkenden Erzherzogin Zita stehenden Wiener Wohlsahrtskomitees für Flüchtlinge eure rege Teilnahme zu durch Zuwendung von Spenden allerlei Art und durch Anteilnahme an Veranstaltungen für seine Wohltätigkeitszwecke. Darum wendet euer Empfinden zu diesen unverschuldet von Schicksalsschlägen schwerst Betroffenen, die nebst Heimat und Vermögen, oft noch den Verlust teuerster Familienmitglieder zu beklagen haben, und die — wenn sie nach langer Zeit zumeist gänzlich verarmt in ihre Heimat zurückkehren — an Stelle früherer friedlicher Ortschaften und geordnetes Hauswesen barbarisch verwüstete Stätten finden werden! Leergebrannt ist die Stätte, Wilder Stürme rauhes Bette, In den öden Fensterhöhlen Wohnt das Grauen, Und des Himmels Wolken schauen Hoch hinein. Denken wir uns nur für eine ganz kurze Zeitfrist in die Lage dieser Schicksalsheimgesuchten! Ach, wie bitter, wenn uns auch .nur für einen Tag das notwendige Brot fehlen würde, wenn wir genötigt wären, es erbetteln zu müssen! Fahren wir daher fort das Gute zu fördern und zu tun um seiner selbst willen, es ju üben in Liebe zum Vaterlande und als Pflicht gegen seine Staatsangehörigen, uns zu Ehr, und den bäräüf Harrenden "al6 'eine-' Wöhr!J —" Dann werden einst in späten Tagen die ' Augen von Alten, die jetzt als Kinder unsere Gastfreundschaft erfahren, freudig ausleuchten und erglänzen, wenn sie ihren Kindern und -Kindeskindern erzählen werden, wie sie in Not und Gefahr, vor Feindes Wüten und Hungers Tücken hier in Wien eine Zufluchtsstätte fanden, hier in unserm schönen, unserm guten, unserm lieben, lieben Wien! ' Trostreiche Mildtätigkeit Hilst über bitterste Zeit. Ein Puppenheim als Reservespital. Es gibt nichts, womit sich nicht Sport treiben ließe, oder besser: keine Aufgabe, die einem nicht zu einer Herzenssache werden könnte. Eine so ernste Angelegenheit die Verwundetenpflege und Auffütterung der Rekonvaleszenten ist, so kann es einem, wenn die Mittel es gestatten, einfallen, diesen Ernst zu mildern und mit rosigen Randverzierungen auszuschmücken dadurch, daß man diese armen, kaum dem härtesten Schicksal Entronnenen, mit allem Luxus und Komfort eines vornehmen Mädchenpensionates umgibt. Eine solche Insel der Seligen mitten in der Sturmflut der Kriegsnot und des Massenelends entdeckten wir bei unserm Besuch der Privatverwundetenpflegestätte, die Herr Hardy in seinem stattlichen Hause Praterstraße Nr. 46 auf eigene Kosten eingerichtet hat und erhält. Wenn man seine Pfleglinge spricht, die chm Mann für Mann wie leibliche Kinder ans Herz gewachsen sind — ist doch mancher zehn Wochen lang in seiner Obhut geblieben —, so hört man nur die eine Besorgnis, daß sie gar zu früh aus. diesem Zauberschloß in dierauhe Wirklichkeit der Dinge zurückkehren müßten. Nicht allein die Ausstattung der Räume und die glänzende Verpflegung ist nicht hoch genug zu rühmen. Jeder der ins Feld zurückkeh!renden Krieger wird vom Hausherrn auch auf das Sorgsamste und Reichlichste mit

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.