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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1915-01-15 · 3 (15.1.1915) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
32 (1915)
Issue
3 (15.1.1915)
Date
1915-01-15
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Seite 53 Nr. 3 S>r. Bloch s lebt, entpfärrgt, und so ziemt sich's, weil ich das Vorratshaus, der Bäckerladen des ganzen Körpers bin; jedoch bedenkt, ich sende sie durch eures Blutes Ströme bis an den. Hof, an's Herz — zum Thron des Hirns und durch das Räderwerk und alle Aemter des Menschenstaates. Die allerstärksten Nerven, das zarteste Geäder erhält von mir die von Natur bestimmte Portion, wovon sie leben. Wiewohl es alle nicht auf einmal sehen, wie jeglicher sein Teil von mir bekommt, kann ich doch meine Quittungen hervorziehen, daß alle Auszugmeht von mir Zurückempfangen und mir nur die Kleie lagen." So sollten die Senatoren Roms, nach diesem Gleichnisse, der gute Magen und das aufgeregte Volk, die stützigen Glieder sein. Die Volksstimmung jedoch war eine gesunde, natürliche, sie ließ sich nicht von der gleichnisschönen Rede des Menenius einlullen und sich die Volksrechte nicht durch den guten Magen abschwätzen. Die Tragödie nahm ihren gerechten Laus, der zum Schlüsse zu dem dramatischen Ende des Coriolanus führte. Diese Fabel hat ihr phantastisches Seitenstück in einem spät entstandenen Midrasch, der zu zeigen bestimmt ist, was die Zunge zu leisten imstande lei. Hat jene Fabel bei den Römern zur Verherrlichung des Magens beitragen sollen, so har der Midrasch bei den jüdischett Gelehrten die Lobpreisung der großen Bedeutung der menschlichen Zunge zum Zwecke. Unter- Zunge ist da das Sprachvermögen zu verstehen. David hatte in den Psalmen gebetet: „Ich will mich hüten, daß ich nicht sündige mit meiner Zunge." (Kapitel 39, 2.) HwZU führt der Midrasch folgende, der Fabel des Menenius gleichartige Erzählung an. „Einst war der König der Perser schwer erkrankt und seine Aerzte taten den Ausspruch, er könne nur durch Milch einer Löwin Heilung finden. Wer sollte dieses Wagestück vollführen können!? Dennoch meldete sich ein Mann, der sich dazu bereit erklärte. Gebet mir 10 Ziegen und ich werde Milch von einer Löwin bringen, sprach er. Und so geschah es. Er ging dann vor eine Löwenhöhle und warf von der Ferne eine der Ziegen vor, und die Löwin bemächtigte sich der Ziege und fraß sie auf. Dies wiederholte er von Tag Zu Tag; die Löwin näherte sich dem Manne immer mehr und mehr, bis sie im Laufe der Tage ihm so zutraulich geworden war und der Mann die Löwin so gezähmt hatte, daß er ihr die Milch ohne Gefahr ent? nehmen konnte. Auf dem Rückwege, mit der Löwenmilch in Händen, schlief er ein und er hatte folgenden Traum. Seine einzelnen Glieder stritten miteinander. Die Füße sprachen, keiner unter euch ist uns gleich; wenn wir nicht gegangen wären, hättet ihr die Löwenmilch nicht holen können. Die Hände riefelt, keiner von euch ist uns gleich; wenn wir die Löwenmilch nicht abgezapft hätten, wäre keine da. Das Herz sprach, wenn ich lticht den mutigen Rat gegeben hätte, würde sich gar nichts angefangen haben. Die Zunge aber sprach, nur dadurch, daß ich den Gedanken zum Ausdrucke brachte, ist der ganze. Vorgang in die Wege geleitet worden. Da machten sich alle Glieder über die Zunge her und herrschten sie an, wie sie es wagen könne, sich den anderen zu vergleichen; sie, die doch im Finstern eingeschlossen und jedes Geistes zu Ratschlägen bar ist. Da rief die Zunge erbost aus: Noch heute sollt ihr es erfahren, welche Macht ich über euch alle besitze! Der Mann erwachte von seinem Traume und kam vor-den König. Er sprach zu ihm: Hier sieh, ich habe die Milch gebracht, sie ist von einer — Hün d'in! Sofort ließ ihn der König gefangensetzen und mit dem Tode bedrohen. Als das Unheil geschehen war, fingen alle Glieder zu weinen an und die Zunge sprach: Nun Wochenschrift sehet ihr, was ich imstande bin; gestehet nur ein, daß ich der wichtigste Teil des Menschen bin und ich will euch wieder retten. Bei dem Verhör erzählte nun die Zunge, wie alles sich zugetragen und der Mann wurde freigesprochen und belohnt." Was die Zunge jedoch nicht nur einem einzelnen gegenüber, wie in dieser Fabel, sondern was sie selbst einem ganzen Volte gegenüber zu leisten imstande ist. um es aus falsche Bahnen zu lenken, das lehren uns bekannte Beispiele in der Bibel. Das eine ist ein trauriges, tiesbetrübendes Ereignis, das uns an der Schwelle der Entwicklung des jüdischen Volkes geboten wird. Es ist das Meisterstück der Heuchelei bei den von Moses ausgesandten Kundschaftern. .Schon die Bibel selbst weiß diese Episode in ihrer einfachen epischen Darstellung dramatisch wiederzugeben. Jedoch den Kulminationspunkt des Verständnisses erreicht sie erst durch dje kunstvolle Wiederspiegelung, die sie bei unfern Midraschisten in allen Facetten glänzend ausleuchten läßt und uns zeigt,.welche Gewandtheit die menschliche Zunge besitzt, um eine ungesunde V o l ksstim m u n g zu erzeugen. Bei dem sonst unbegreiflichen Satze der Bibel: „Es erhob die ganze Gemeinde ihre Stimme und das Volk weinte," mußre es den denkenden Menschen ausfällig erscheinen, wie sollte es zehn, sage zehn Menschen möglich sein, ein ganzes Volk von 600.OOO waffenfähigen Männern, von einem Tag zum andern, so umzustimmen, um es zu einem Aufruhr gegen den Einzug in das heilige Land — die brennende Sehnsucht all seiner Hoffnungen — zu bringen!? Unsere Weisen schildern daher das Geschehnis so lebenswahr, daß es wie ein gemaltes, irr allen Farben leuchtendes Bild erscheint. Als die Kundschafter:won ihrem Gange durch Kanaan zurückgekehrt waren — erzähle der Midrasch — da zerstreuten sie sich zuerst unter die verschiedenen 'Stämmen; jeder einzelne der zehn Männer zu seinem Stamm, dem er angehörte. Jeder derselben warf sich verzweifelt nieder in dem Winkel seines Zeltes; seine Söhne und Töchter riefen nun bestürzt ihrem Familienihaupte zu: Was hast du, mein Herr? Was ist dir? Und dieser antwortete: Wehe, euch, meine Söhne und meine Töchter! Wie werden die Kananiter mit euch einst umgehen, wie werden sie einst euch tyrannisch beherrschen! Wer kann diesem Volke widerstehen? Sofort begannen nun auch diese Söhne und Töchter zu weinen, so daß es die Nachbarn alle hörten. Dann begannen auch diese zu weinen; so ging das Weinen wie ansteckend von Familie zu Familie über, bis es den ganzen Stamm ergriff, und so übertrug sich das verzagende Weinen von einem Stamm aus den andern, bis es zur Wahrheit wurde, wie es die Bibel ausspricht: die ganze Gemeinde erhob ihre Stimme und das ganze Volk weinte. Da sehen wir es, wie eine öffentliche Meinung künstlich gebildet wird und eine Volks st immung unter ungezählten Tausenden und aber Tausenden, s e l b st v o n nur zehn Menschen, hervorgebracht werden kann. Denn das Volk fragt nicht viel, es denkt nicht, es überlegt nicht —, einige wenige Schwindler mit künstlich angenommener Pose genügen, um es zu bejören. Die Bibel gibt uns jedoch noch ein drastischeres Bild,, sie Zeigt uns in der geistvollen Vermittlung des bilderreichen Midrasch, wie nicht nur zehn Menschen, sondern wie selbst nur ein Mensch das Jongleur- Kunststück einer ungesunden Volks ft immung herv-rzubringen vermag. Dieser eine intriguenreiche Aufwiegler ist im jüdischen Volksleben so allgemein bekannt, sein Name ist zu einem Volksmotto, zu einem Schkagworte unterwühlter jüdischer Gemeinden geworden, er heißt — Korach!

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