Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 32 (1915)
- Issue
- 3 (15.1.1915)
- Date
- 1915-01-15
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3020846-3022142-3022146--23789-3049005- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 52 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 3 rasch entschlossen hinzusprang und die dem sicheren Tode Geweihte noch während des Falles mit seinen Armen ausfing. Für diese Tat wurde er vom! f; u. x, zweiten Korpskommando mit einer belobenden Anerkennung ausgezeichnet. Einem Sicherheitswachmann leistete er ein anderes Mal bei einer schwierigen Arretierung so tatkräftige Hilfe, daß er vom Präsidium der k. k. Polizeidirektion außer einem Ehrengeschenk auch eine belobende Anerkennung erhielt. August Beer. Der Musikreferent des „Pester Lloyd", A u g u st Beer, ein Musiker und Schriftsteller von hohen Qualitäten,» ist am 8. d. M. nach längerem Leiden im Alter von 65 Jahren gestorben. « Er war ein stiller, bescheidener Mensch, der nur seinem Berufe lebte; in .Künstler- und Kollegenkreisen, aber auch im großen Publikum genoß er allgemeine Wertschätzung. Aus Großmeseritsch (Mähren) stammend, kam er Ende der Siebzigerjahre aus Betreiben seines Oheims des damaligen berühmten Kantors Schuschny nach Pest, wü er sich zunächst als Musikpädagoge betätigte. 1888 trat er als Musikkritiker in die Redaktion des „Pester Lloyd" ein, mit deren Organismus er im Laufe der Jahre in einem Maße verwuchs, daß sein Tod für sie einer tiefgehenden Erschütterung gleichkommt, August Beer gehörte zum höchsten Typ des Kritikers und ist dem Künstler sehr nahe - gekommen. Mit allen natürlichen Talenten eines guten- Musikers ausgestattet, stilistisch hervorragend begabt und durch rastloses Studium auf allen einschlägigen Gebieten gründlich bewandert, besaß er auch die Charattereigenschaften, die den Kritiker vornehmsten Stils kennzeichnen: er war wohlwollend, wahrhaft und unbestechlich. .; Das Leichenbegängnis Beers fand Sonntag, halb 4 Uhr nachmittags, von der Totenhalle des Rakos-Kereszturer israelitischen Friedhofes aus unter großer Beteiligung statt. Rabbiner Doktor Hevesi hielt dem großen Kritiker einen warm gehaltenen Nachruf. Im Namen des Journalistenvereines sprach Vizepräsident Edmund G e r ö die Grabrede. Feuilleton. Uolksstimmungen. Von Oberrabbiner 28. Reich in Baden bei Wien. Es gibt gesunde und ungesunde Volksstimmungen. Diejenigen, die aus den natürlichen Bedingungen des Lebens hervorgehen, sind . die gesunden; jene jedoch, die gleich Schmarotzerpflanzen sich von außen an den Lebensbaum des Volkstumes ansetzen, sind die ungesunden. Sie verzehren Mark und Saft des Stammes und ungezählte Vibrionen erhalten Eingang in das Innere, die von dort aus das tätliche Gift in alle Teile verbreiten und sie dem Untergange weihen. Eine solche gesunde Volksstimmung haben wir in Oesterreich-Ungarn beim Ausbruche dieses Weltkrieges erlebt. Als der schreckliche Tag des Attentates gegen unfern Thronfolger wie ein Erdbeben den Boden unseres Vaterlandes durchzitterte, da mußte die Stimmung in den Völkern desselben künstlich durch lange, bange vier Wochen niedergehalten werden; daß sie nicht zum kriegerischen Ausbruche komme, ehe der regelrechte, langwierige,, prozessuale Weg durchschritten war, um gerichtsordnungsmäßig die Schuld des feindlichen Serbien und seines russischen Aushälters festzustellen. Von Woche zu Woche mußte der sonst feurige ungarische Ministerpräsident Tis zw v.or dem zur Tat anstürmenden Parlamente den . Beschwichä gungs-Hofrat spielen^ Um die- Bölksstimmung zü dämpfen. Als dann das Ultimatum kam, war noch immer die Volksstimmung gespannt von dem schwer niederzuhaltenden Gedanken, es werde die Regierung sich vielleicht doch noch durch die Diplvmatenkunststückchen des durch Jahre lammfromm arbeitenden englischen Friedensstifters, des zum Gärtner gewordenen Bockes, Grey, der den Londoner Friedenspräsidenten so scheinheilig-, darstellte, in den Winkel stellen lassen. Diese kurze Ultimatumfrist war wie eine Folter. Als dann der Krieg endlich zur Gewißheit wurde, da atmete die VolksstiMmung erleichtert auf und eine patriotische Genugtuung durchbrauste die Bevölkerung von den Alpen bis zu den Karpathen. Das war eine gesunde Vo lks stimmun g, welche von den schönsten Fabelworten des Friedens nicht hätte Zurückgestaut werden können. Die ungesunde Volksstimmung, die zeigte sich b e i jU n s e r e n F e i n d e n. Welche diplomatische Kunst mußte die falsche englische Regierung auswenden! Den Schwindel mit der Antastung der Neutralität des heiligen belgischen Bodens, der schon .Jahre vorher durch geheime Machenschaften entweiht und an die den Frieden vorschwindelnden Ententemächte verkauft war. Welche heuchlerische Pose mußte da angenommen werden, um das parlamentarisch regierte England für den Krieg zu stimmen! Mer auch in dem revanchelustigen Frankreich war es nicht so einfach. Um sicher zu gehen, mußte erst der berühmte ehrliche französische Volksmann I a u r 6 s meuchelmörderisch durchs Fenster niedergeknallt werden, um den Rufer in der Wüste mundtot zu machen und etwaigen ehrlichen Volksfreunden Furcht einzujagen, daß sich ja keine Stimme im französischen Parlamente hervorwage, um dem zum Schergen russischer Meuchelmörderpolitik gewordenen Frankreich! die Wahrheit zu sagen, daß es verkauft, verraten und im Kampfe mit Deutschland bas Kanonenfutter des Panslavismus und der perfiden Kontinentalpolitik Englands sei. Das war ungesunde Volksstimmung, die erst künstlich präpariert werden mußte! Blicke in die Geschichte des Altertums zeigen uns erhebende und warnende Beispiele dieser Sentenz. Der römische Historiker, der schreibselige L i v i u s, der durch 40 Jahre an einer Geschichte Roms arbeitete hat eine solche in 142 Büchern verfaßt, von denen — zur Freude aller Gymnasiasten — nur 35 auf die Nachwelt kamen, die sich mit den ersten Anfängen Roms befassen. In jenen Zeiten spielten die Verfassungskämpfe dei Plebejer Mit den Patriziern eine große Rolle. Die ersteren hatten es endlich durchgesetzt, aus ihrer Mitte Volkstribunen zu erwählen, denen auch die Patrizier für ihr politisches Wirken Rechenschaft schuldig waren. Da war ein Führer der Patrizier, Gnäus Mar eins, mit dem Beinamen Coriolanus, der zur Zeit einer Hungersnot in Rom die Getreidevorräte den Plebejern so lange vorenthalten wollte, bis sie zur Abschaffung des erst vor drei Jahren errungenen Tribunates sich einverstanden erklären. Hier setzt der igroße Shakespeare mit seinem Drama „Coriolanus" ein, mit der Darstellung eines Volksaufstandes, bei welchem der Freund des Coriolanus bei den Bürgern für ihn eintritt, um die aufgewühlten Volksleid enfchaften zu beruhigen. Es war Mene n i u s Agrippa. Cr erzählt ihnen folgende Fabel: „Es war einst eine Zeit, wo alle Glieder des Leibes wider denMägen sich empörten und ihn beschuldigten, daß er inmitten des Leibes wie ein Abgrund faul und müßig der Ruhe pflege, Speisen gierig schluckend, nie mit den andern gleiche Arbeit teilend; indes die übrigen Werkzeuge sehen und hören, klugen Rat aüsdenken, lehren, einhergehen, fühlen, gegenseitig helfen und Dienste leisten, wie des ganzen Körpers Verlangen und Gemeingefühl es fordert. Darauf antwortete der Mägen mit einer Art von Lächeln in spöttischer Rede den unzufriedenen Glied- Maßen, den bösgelaunten Teilen, die ihm die Einnahme beneideten: „Wahr ist's, mir einverleibte Freunde, daß ich. der erste bin, der aller Nahrung, wovon ihr